Kostbarkeiten

Kostbarkeiten

Der kühle Kuss der Nacht nach einem heißen Sommertag.

Der Blick aus den Augen eines Neugeborenen.

Das Tschilpen der Spatzen an einem Frühlingstag.

Das Prasseln des Sommerregens auf der Haut.

Sonnendurchstrahlte Wolken.

Die Farbe des Meeres kurz vor Sonnenuntergang.

Der Blick von einem Berggipfel.

Erste Fußstapfen auf einer Schneefläche.

Ein Blick in die Augen einer heimlichen Liebe.

Der Geruch von Regen.

Haut an Haut mit Dir.

Der Duft eines Tannenwaldes.

Der Geschmack von harzigem Wein im Schatten eines Maulbeerbaumes.

Das Singen der Zikaden Im Olivenhain.

Dein Lächeln wenn ich zur Tür hereinkomme.

Dein Pfeifen wenn Du zur Tür hereinkommst.

Leben mit allen Sinnen.

Seidelbast

Die Beeren des Seidelbast rot leuchtend
und giftig wie unechte Freundschaft.

Haiku für eine ehemalige Freundin, die Haikus liebt

Paris

Menschen rennen schreiend durcheinander.
Weinende Frauen
Verängstigte Kinder
Blaulicht
Polizei
Feuerwehr
und
jede Menge Journalisten und Kameras.

Paris am Abend des 13.11. 2015
Tagesschau Sondersendung bis tief in die Nacht.
Immer wieder dieselben Bilder, die gleichen fassungslosen Kommentare der Nachrichtensprecher in Dauerschleife.
Geteiltes, kollektives Entsetzen.

Hundert Prozent mediale Aufmerksamkeit auf allen Kanälen, TV, Internet, social media, Presse. Aufmerksamkeit für den Terror.
Und auf dem Boden neben deutschen Fernsehsesseln ein paar einsame, unbeachtete Chipskrümel.
Was, wenn Medien und Menschen einfach erstmal schweigen würden?
Kerzen anzünden, Hand in Hand auf die Straße gehen, deutschlandweit, europaweit, weltweit?

Ich denke an glückliche Momente auf dem Platz vor Notre Dame, auf den Stufen von Sacre Coeur und auf der Pont Neuf bei Sonnenuntergang.

Während ich so denke, schreibe ich diesen Text und stelle ihn in die Öffentlichkeit.

Verrückte, aus den Fugen geratende Welt.
Karneval des Untergangs, oder Geburtswehen einer neuen Zeit?
Wird Europa ein Kind gebären?
Welchen Namen wird es tragen?

Struktur

Im Uhrzeigersinn
dreht es sich,
bewegt es sich,
im Rahmen, den
das Leben steckt.

Breche ich aus,
fließt um mich
die Zeit in
jede Richtung
im eigenen Sinn.

Stehe staunend
am Ufer,
frag mich wohin.
Drehe und wende
das chaotische Herz.

Hier hin und
dort her, doch
immer weiter
im Rahmen, den
das Leben steckt.

Es tanzt in mir
die Lebensmusik
und ich tanze mit
in ihrem Rythmus
im ureigenen Sinn.

© gabriele auth

Wind

Am Anfang
war der Wind,
formloser Atem
des Ursprungs,
strich über
dunkles Nichts
und Alles,
war Klang, war
schöpferisches
Wort,
es werde
Licht und Form
und Wesen
ohne Zahl.
Im letzten
Hauch erwacht
der Mensch
hilflos und nackt
zum Aufstieg
oder Fall.
© gabriele auth

Feind

Da draußen
ist immer
ein anderer
zum hassen.

Ihr lamentiert.
malt es aus,
das Feindbild,
bunt oder düster.

Spürt die Wut.
Sie flammt in euch.
Ein Feuer.
Ein Flächenbrand

Ihr lamentiert,
fühlt euch stark,
so stark.
Hass ist Energie.

Ihr lamentiert,
schreit in die Welt
dumpfe Gedanken,
brennende Worte.

Angstschweiß
tropft
von
eurer Stirn.

Ihr lamentiert,
spuckt dem
Feindbild
ins Gesicht.

Bereit zu töten?

Krieg marschiert.
Feuer lodert.
Zurück bleibt
Asche und
verbrannte Erde.

Keine Liebe
Keine Gnade
Kein Schutz
Kein Leben

nur,

In der Stille,
nach dem Sturm,
im Spiegel,
der Feind.

Und ihr ruft
nach Gott.
Da ist
keine Antwort.

Verbrannte
Herzen
singen
nicht.

Teile
und herrsche
sagt
der Teufel.

Mankell ist gegangen

Das ist das zweite Mal in meinem Leben, dass ich weine, weil ein Schriftsteller gestorben ist.
Und ich kann die Nachricht nicht fassen.
Ich habe fast alle seine Bücher gelesen, die Krimis, die immer etwas sozialkritisches hatten. Und die Afrikabücher, die so engagiert und von Herzen Partei für die Menschen Afrikas ergriffen.
Alle waren sie sehr gut, aber eines, ein ganz dünnes, werde ich nie vergessen. Es ist die Geschichte von Nelio, dem Straßenjungen, der angeschossen wird und auf dem Dach eines Hauses langsam stirbt, während er einem Bäckerburschen seine Geschichte erzählt.
Der Chronist der Winde,
eines der größten Bücher, das ich je gelesen habe. Nicht nur wegen der wunderbaren Art, in der Mankell schreiben konnte, wegen seiner feinen Poesie, sondern wegen des Herzbluts, das zwischen den Zeilen zu spüren war.
Ich trauere um Henning Mankell wie um einen Seelenverwandten.
Im Chronist der Winde steht folgender Satz:
„Man kann fliegen, ohne sichtbare Flügel zu haben, dachte Nelio. Die Flügel sind in uns, wenn uns vergönnt ist, sie zu sehen.“
Ich bin sicher, Mankell wird den Frieden  finden, den er seinem Nelio mitgegeben hat und  seine Seele wird fliegen.

Heute ist eben manchmal

Heute ist eben manchmal.
Da nehm ich mir die Zeit.
Ich pflege meine Träume,
dein Lächeln noch in mir,
erforsche neue Räume,
und bin zum Flug bereit.

Ich singe in den Sturm,
lass den Dingen ihren Lauf.
Und wirft es mich zu Boden,
dann steh ich wieder auf.

Heute ist eben manchmal.
Da sitz ich nur so rum.
Ich lass das Leben fließen
und treibe einfach mit.
Stundenblumen sprießen.
Frag mich nicht warum.

Ich singe in den Sturm,
lass den Dingen ihren Lauf.
Und wirft es mich zu Boden,
dann steh ich wieder auf.

Heute ist eben manchmal,
ich nehm mich bei der Hand,
muss nirgendwo ankommen,
bin ja schon immer hier,
hab mir das Recht genommen,
Herz über Verstand.

Ich singe in den Sturm,
lass den Dingen ihren Lauf.
Und wirft es mich zu Boden,
dann steh ich wieder auf.

Heute ist eben manchmal,
da schreibe ich ein Lied.
Ich schick es auf die Reise.
Nimms dir wenn du es triffst.
Ob laut oder nur leise,
komm und sing es mit.

Wir singen in den Sturm
lassen den Dingen ihren Lauf
und wirft es uns zu Boden
dann stehn wir wieder auf.

Erreichen

Manchmal,
wenn das Leben dir
auf die Füße fällt,
sind sie schwer,
so schwer,
und Erschöpfung
wird Heimat und Halt.

Und dann
erinnerst du dich
an dein Ziel
Gedanken und Bilder
fließen zusammen,
wie Bruchstücke
von Leben.

Mal schnell,
mal langsam,
ein vibrierendes
Kaleidoskop.
Der Puls jagt
im Rhythmus
deines Traumes.

Du stellst
es dir vor,
das Erreichen.
Ausdauer, Kraft,
Mut zum Durchhalten,
das ist der Fluss.
Energie strömt neu.

Dieses Gefühl
am Ziel zu sein,
angekommen sein
Da ist Erinnerung
an den Weg,
an jede Etappe.
Und Lachen.

Ja, lachen,
so laut.
Und Staunen.
Prickelnde
Freiheit des Sieges.
Fantasie?
Vielleicht.

Träumen,
laufen,
alles geben,
träumen.
Loslegen,
kämpfen.
Selbstvertrauen.
Einfach so. Alles geht.
©gabriele auth