Meine Zelle ist ein Labyrinth,
verschlungen, verwirrend,
atemberaubend und grau.
oder
Meine Zelle ist eine Wüste,
fieberheiß, grenzenlos
bis zum Horizont.
oder
Meine Zelle ist ein Garten
blühend, erfrischend
nährend und voll von Düften.
oder
Meine Zelle ist eine Höhle
heimelig, liebespendend
verborgen und Trost.
oder
Meine Zelle ist der Himmel
endlos, voller Möglichkeiten
sternentrunken und Ewigkeit.
Meine Zelle ist in mir.
Gedanken
Strandgut
Ein kleiner Junge allein am Strand.
Er liegt auf dem Bauch, die Beine angezogen
wie Kleinkinder es oft tun, wenn sie schlafen.
Sein rotes T-Shirt ist ein bisschen hochgerutscht.
Es ist nass, genau wie seine feinen, dunklen Haare.
Genau wie seine blaue Hose und seine Schuhe.
Er scheint zu schlafen, aber er wird nicht erwachen.
Das Meer wiegte ihn in den Armen. Es trug ihn an den Strand.
Er saß in einem Boot mit seinen Eltern, seiner Schwester und Anderen.
Die Hoffnung auf ein neues Leben, ein Leben in Frieden, trieb sie aufs Meer .
Ein kleiner Junge allein am Strand.
Mutter und die Schwester hat das Meer genommen.
Sie sind allein, der kleine Junge und der Vater, der übrig blieb.
Der Eine wird nie mehr lernen, zu verstehen. Der andere hat es verlernt.
Sie sind zwei von vielen. Kinder, Mütter und Väter, deren Gesichter und Namen verborgen sind
hinter Zahlen, hundert, tausend, zwanzigtausend, achthunderttausend, Millionen.
Ein kleiner Junge allein am Strand.
Er heißt Ailan. Sein Bild geht um die Welt.
Es steht für die all die Gesichter und Namen hinter den Zahlen.
Sein Bild klagt an, die Politik der Zäune, der Mauern, der unmenschlichen Verträge und Quoten, den Geiz, die Gier und die stählernen Herzen.
Sein Bild demaskiert die scheinheiligen Phrasen und freundlichen Worte derer, die von Asylbetrug sprechen und werft sie raus meinen, oder lasst sie gar nicht erst herein.
Sein Bild brandmarkt die Stammtischparolen und die Brandsätze der ewig gestrigen, der Verlierer eines untergegangenen Reiches, das niemals hätte existieren dürfen.
Ailan wurde drei Jahre alt.
Ein kleiner Junge allein am Strand
Die fünfte Dimension
Es gibt keine Zukunft, nur Entwicklungsmöglichkeiten des Jetzt, immer wieder jetzt.
Wenn ich zurückblicke, sehe ich den Weg, den ich zurückgelegt habe. Die Parameter der Vergangenheit sind gefärbt durch den Filter der Erinnerung.
Ich kann nicht erkennen, wie andere Entscheidungen den Verlauf meines Weges hätten ändern können. Und ich weiß nicht, ob er mich vielleicht genau an denselben Punkt geführt hätte, an dem ich stehe, möglicherweise mit essentiell denselben Erfahrungen.
Wenn ich nach vorne sehe, erkenne ich die Entscheidungen, die ich genau jetzt treffen kann. Nicht aber, wie und wohin sie mich führen werden.
Ich weiß, dass ich geboren wurde, und dass ich sterben werde.
Das erste entzieht sich meiner Erinnerung, das zweite meiner Vorstellung.
Das einzige, das ich gleichzeitig weiß und erlebe, ist, dass ich bin, jetzt, in diesem Moment.
Wenn ich jede Sekunde annehme als ein Geschenk des Universums an sich selbst, erlebe ich das Wunder des Seins.
Die fünfte Dimension ist die Liebe.
Schuld
Es ist einer dieser vernieselten Tage, an denen die Feuchtigkeit unter die Haut kriecht.
Sie sind etwas zu spät losgefahren zu ihrem Treffen mit den Freunden. Das Auto ist prall gefüllt mit ihrem Stress, ihrer Hast, ihrem Ärger. Der Mann fährt in schnellen Spurwechseln, andere Wagen überholend. Auf nassen Schienen. Den Blick etwas verbissen geradeaus gerichtet, als wolle er die Zeit in ihre Schranken weisen. Im Magen seiner Beifahrerin kreist ein seltsames Gefühl, wirbelt nach oben, verengt sekundenlang ihre Brust, bevor es sich in einem lauten Ausruf Ausdruck verschafft: „Langsamer!“
Aus den Augenwinkeln streift sie sein verständnisloser Blick. „Aber wir kommen zu spät.“
Die Stresswolke wabert um ihre Köpfe. Eine seltsam zeitlose Spannung breitet sich im Fahrzeug aus, dringt durch die Ritzen nach Außen, umgibt die beiden Menschen und ihre Fahrt wie ein magnetisches Feld. Es ist diese Art von Spannung, aus deren Fahrwasser schwer auszusteigen ist.
Das im Paar im Auto schweigt. Kurz vor dem Ziel. Der Blick des Mannes ist zur Seite gerichtet, am Gesicht der Frau vorbei. Er beobachtet ein Ereignis auf dem Gehweg, während das entscheidende Ereignis liegt vor ihm. Ein abrupt zum Stillstand kommender Ford Corsa
„Was machst du da?“ schreit die Frau.
Sein Kopf fährt herum. Seine Augen weiten sich.
„Einen Unfall“, antwortet er, als sprächen sie übers Wetter. Steht die Zeit, oder rast sie?
Mit einem fast sanften Stoß prallen sie auf den Corsa, schieben den kleinen Opel mit ihrem schweren Passat Kombi in eine BMW Limousine.
Stillstand. Stille.
Der Fahrer des Corsa hebt die Arme über den Kopf. Wie hilfesuchend. Wie in einem Aufschrei. Dann lässt der Schock seinen ganzen Körper zittern, einem epileptischen Anfall nicht unähnlich.
Der Fahrer des Passats sprintet zu dem Opel, spricht mit dem Geschockten. Der fuchtelt mit beiden Armen in der Luft. Krächzende, unverständliche Laute stürzen aus seinem Mund. Wo sein Kehlkopf sein sollte, befindet sich ein Loch mit einem Kunststoffeinsatz, wie ein kleines Rohr, mitten in seinem Hals.
„Wir brauchen einen Notarzt“, brüllt der Fahrer des Kombis seiner Frau zu. Sein Schrei gellt über die Straße zu den Zuschauern, die sich eingefunden haben, zerplatzt an ihren neugierigen Blicken.
Manchmal ist das Handy Gold wert, denkt die Frau, während sie der Feuerwehr ihren Standort durchgibt. Ihr Blick wandert über ihren lädierten VW Passat.
Ganz verbogen und zerbeult sieht er von vorne aus. Wie ein ausgeknockter Preisboxer mit blutender Nase. So sehen Autos in James Bond Filmen aus, wenn sie bei einer Verfolgungsjagd, einmal um die eigene Achse gedreht auf der Strecke bleiben. Sie fragt sich, warum sie sich nicht ärgert.
Den grauen Corsa hat es übel erwischt. Unheilbar beschädigt sieht er aus. Der Aufprall hat ihn zwischen den beiden großen Fahrzeugen wie in einem Sandwich zusammengequetscht. Ein monumentaler Blechburger. Nur der BMW wirkt unversehrt.
Typisch, denkt die Frau und steckt ihr Handy wieder ein.
Ihre Gedanken taumeln. Eigenartig, denkt sie, wie nach so einem Unfall alle dastehen und den Ablauf rekonstruieren. Als ließe sich durch eine möglichst genaue Wiedergabe des Geschehens etwas an den Tatsachen ändern. An den Tatsachen, dass hier drei Pkws stehen, von denen zwei schrottreif sind. Unfallbeteiligte diskutieren mit Zeugen, so als könnte man alles noch einmal zurückdrehen, wenn man es nur genau erforscht und durchleuchtet. Was dabei besonders wichtig zu sein scheint, ist die Suche nach dem Schuldigen.
Der „Hauptschuldige“ lautet das magische Wort, das alles gerade rücken soll.
Jeder versucht den Ablauf zu verstehen. Fragen schwirren durch die Nieselregenluft.
„Warum hat da vorne einer so plötzlich angehalten? Warum hat der im selben Moment, in dem er blinkte, schon beinahe gestanden? Warum ist der dann einfach abgehauen, als hätte er mit dem ganzen Geschehen hinter sich nichts zu tun?“
„Ich hab dessen Autonummer gar nicht gesehen, sagt die junge Frau, die in dem BMW saß. Sie fischt eine Zigarette aus der Schachtel, die ihr Freund ihr hinhält. Beide zünden sich eine Kippe an. Er legt den Arm um sie, streicht ihr unbeholfen über die Schulter.
„Eigentlich war der an allem Schuld“, sagt er, „erst hält der so abrupt an und dann haut er auch noch ab.“
Er zieht er an seiner Zigarette. Sein Gesicht sieht blass und angespannt aus.
Das Paar steht Arm in Arm am Straßenrand wie von irgendwem vergessen. Sie sehen aus wie zwei ratlose Kinder, denkt die Frau des Passatfahrers und setzt sich auf den Boden. Wie weit entfernen sich Menschen in ihrem Leben für gewöhnlich von dem, was sie als Kind waren?
Wenn sie etwas aus ihrer Routine reißt, wenn Ereignisse in ihrem Leben sie verunsichern, stehen sie oft hilflos da und lassen das Geschehen Revue passieren, versuchen zu verstehen, und einzuordnen. Es scheint, als würde von der Zuordnung eines Ereignisses ein Schutz ausgehen, eine gewisse Sicherheit. Das verstehen wollen, das einordnen wollen ist noch dasselbe wie in der Kindheit, doch die Taten haben sich unendlich weit davon entfernt. Wie lässt sich Hiroshima begreifen und einordnen, wie Auschwitz, Vietnam oder Gaza?
Die Suche nach Schuldigen ändert nichts daran, sie erhöht nicht wirklich das Verstehen. Trotzdem schieben die Menschen die Schubladen in ihren Köpfen befriedigt zu. Hauptschuld zugeordnet, etikettiert. Das Leben geht weiter wie gehabt.
Die Polizei und ein Rettungswagen sind eingetroffen. Sanitäter kümmern sich um den Fahrer des Corsa. Der Fahrer des Passats spricht mit den Polizisten. Alles folgt der bekannten Choreographie eines Verkehrsunfalls.
Die Frau sitzt am Straßenrand und schweigt.
Unfalltagebuch 3 Hundert Teile
Ich höre Stimmen in dem Grau. Eine fragt mich, wie ich heisse, wann ich geboren bin und was passiert ist. Ich weiß gar nichts, aber ich antworte und lasse mich wieder in den Nebel sinken. Irgendwann gehen meine Augen auf, als hätten sie das verdammte Recht, mich in den Schmerz zurückzuholen. Ich liege auf einer schmalen, fahrbaren Bahre, die in einem leeren, engen Gang steht, der mich an einen Kellergang erinnert, aber okay, ich bin nicht zurechnungsfähig, wahrscheinlich ist es nur irgendein dröger Krankenhausflur. Aber warum ist niemand hier bei mir? Wo ist T? Ich rufe in den Gang. Meine Stimme klingt seltsam fremd und verwaschen in meinen Ohren.
„Hallo. Ist da jemand?“
Nichts.
Und noch einmal: „Hallo“.
Schritte nähern sich, ein Mann in einem weißen Kittel bleibt vor meiner Bahre stehen.
„Wo ist mein Mann? Er müsste doch längst hier sein.“
„Wenn er kommt, bringen wir ihn sofort zu Ihnen.“
„Aber, er müsste längst hier sein. Bitte fragen Sie an der Anmeldung, ob er hier ist.“
„Wenn er kommt, schickt man ihn direkt hierher.“
„Kann ich dann was zu trinken haben?“
„Später, auf der Station.“
Schritte entfernen sich. Mist, das kann doch nicht so schwer sein. Ich hab doch nicht nach Brad Pitt und Champagner gefragt. Mag ich sowieso beides nicht. Ich wollte Wasser und T. Das war alles. Ich schließe die Augen und versuche wieder wegzutreiben ins Kunterbunt. Keine Chance. Okay, dann eben nicht, aber die Augen lasse ich trotzdem zu. Ich will nicht aufgebahrt in diesem leeren Gang liegen und an die Decke starren. Klingt das nach einem Sumpf aus Selbstmitleid? Ist mir egal, ich hab einen Gummiarm, der in einem komischen grauen Fixiergurt steckt wie in einer Zwangsjacke. Ich hab keine Ahnung, wann die mich in dieses Ding gesteckt haben.
Ich hasse es jetzt schon.
„Hallo“, rufe ich noch einmal ins Leere. Keine Antwort. Ich werde jetzt nicht heulen, wenn die Trockenheit aus meinem Mund sich in meinem ganzen Körper breit gemacht hat, hab ich sowieso keine Tränen. Ich bin eine verdammte Wüste.
Endlich höre ich Schritte, die nicht nur irgendwo da hinten über den Flur huschen. Es klingt wie mehrere Personen. Sie kommen näher. Ich öffne die Augen, blinzele in den dämmrigen Gang. Da ist er, T kommt auf mich zu, neben ihm ein Mann in einem weißen Kittel. T streicht mir übers Gesicht. „Die Polizei wollte noch so viel wissen“, sagt er.
Ich hab Tränen in den Augen. Doch keine Wüste. Ts Augen glänzen auch ziemlich feucht. Der Mann im weißen Kittel beugt sich über mich. Er hat ein rundes, lächelndes, schwarzes Gesicht. „Ich bin der diensthabende Arzt“, stellt er sich vor. „Sie haben sich ganz schön die Schulter zerlegt, hundert Teile, würde ich sagen.“ Er lacht. „Aber das kriegen wir wieder hin. Jetzt kommen Sie erst mal auf die Station und morgen entscheiden wir, wann wir Ihre Schulter zusammenschrauben.“ Ich verstehe nur zerlegt und hundert Teile. Shit.
„Kann ich bitte etwas zu trinken haben?“ frage ich, mein Dauermantra seit dem Unfall.
„Auf der Station“, sagt der fröhliche Doc. War irgendwie klar. Ich werde nicht mehr danach fragen. Ich hab den Unfall überlebt, ich werde auch die Dürre danach überleben. Eine Schwester bringt ein richtiges Bett. Mit vereinten Kräften schaffen wir mich von der Bahre dort hinein. Wunderbar. Sie schiebt mich in den Fahrstuhl, durch den Stationsflur, in ein leeres Zimmer. T hält auf dem Weg meine Hand. Sie ist warm wie immer. Wie oft habe ich mich eigentlich schon in ihn verliebt?
Auf dem Nachttisch neben meinem Bett steht eine Flasche Mineralwasser. T gießt mir etwas in ein Glas. „Alles wird gut“, sagt er. Ich trinke. Dieses unbeschreiblich köstliche Kribbeln der Kohlensäure.
Ich weiß, dass er Recht hat. Alles ist gut.
verzockt
Wohin gehen wir,
wenn es dunkel wird?
Wenn Tag und Nacht
sich nicht mehr trennen
in Deutschland
in Europa
in der Welt?
Ob dann Mc Donalds
noch geöffnet hat?
Und werden wir
in der Kälte stehen
und ewig haltbare
Burger kauen,
wiederkäuen?
Verloren im Labyrinth
der kalten Zahlen
der kalkulierten Freundlichkeit
der freudlosen Regelwerke?
Sonne ist in Wahrheit
das Licht, das zwischen
Menschen leuchtet, die
sich begegnen
mit Achtung
mit Verstehen
mit Freundschaft
Liebe
Wohin gehen wir,
wenn wir die Sonne
verzockt haben?
Wenn Tag und Nacht
sich nicht mehr trennen
in Deutschland
in Europa
in der Welt?
Europa
Bevor bald alles vorbei ist,
versammeln sich die Ameisen
in emsiger Entschlossenheit
auf dem gedeckten Tisch.
Zu Speis und Trank
zu einem schnellen
Henkersmahl
Vorwärts
und dann in Reih
und Glied und schaffe,
schaffe, bis der
Rücken bricht.
Vorwärts und raffen,
was zu raffen ist.
In emsiger
Entschlossenheit
auf dem gedeckten
Tisch versammeln
sich die Ameisen
bevor alles vorbei ist.
Bald
perpetuum mobile
Da war kein Knopf
an meinem Rücken,
auf dem Liebe stand.
Da war nichts,
was du in Gang
setzen konntest
wie ein verdammtes
Perpetuum Mobile,
das sich dreht
und dreht und
krächzend plärrt
ich liebe dich.
Du hast nicht gesucht
nach einem Hebel,
kamst einfach so,
und wir lachten,
und zwischen zwei
Augen Blicken
geschah es
ganz von selbst
wie ein verzaubertes
Perpetuum Mobile
und dreht sich nun
und singt von Liebe
müde
Müde schleicht,
müde erreicht
langsam das Ziel.
Müde gelingt,
müde gewinnt
manchmal das Spiel.
Müde erlebt,
müde verwebt,
Liebe mit Licht.
Müde steht auf,
ändert den Lauf,
wandelt die Welt.
Müde erwacht,
leuchtet und lacht
ins Leben gestellt.
Spatzentage 7
Eine Woche ist der Findevogel jetzt bei uns und voller Federn. Wenn er sich aufplustert und tschilpt, bekommt die Redewendung „Schimpfen wie ein Rohrspatz“ einen Sinn.
Ich rufe in der Taubenklinik an und erzähle, dass der Federling nicht mehr richtig satt wird. Die nette Frau am Telefon sagt, dass ich vorbeikommen soll und sie wird mir Handaufzuchtfutter geben. Endlich. Das ist das, das ich nirgendwo gefunden habe.
Mit Mehlwürmern, Nestlingsfutter und Heimchen rette ich uns über den Tag. Heimchen schmecken dem Piepmatz offensichtlich, aber er schreit so oft nach Futter, dass ich dem Nachmittag und dem Moment entgegenfiebere, wo ich zur Taubenklinik fahren kann.
Falls sich jemand fragt, warum der Kleine noch keinen Namen hat, wir wissen immer noch nicht, ob er ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich tendiere zu Mädchen. T hält ihn für einen Kerl. Mhmmm. Also heisst er erst mal Piepmatz oder Federling.
Endlich sitze ich auf dem Roller und rase Richtung Taubenklinik. In diesen Tagen sitze ich irgendwie ständig auf dem Roller und gebe Gas, immer zwischen füttern und Alltagspflichten.
Der Name Taubenklinik ist etwas irreführend. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Vogelklinik und im Wartebereich sitzen Menschen mit Vogelkäfigen in allen Größen. Es gibt auch die typischen Brieftaubenboxen. Irgendwie irre, eine ganze verdammte Klinik nur für Vögel. Ich fühle mich gleich gut aufgehoben mit meinem Anliegen und bekomme schließlich ein Tütchen mit einem gelblichen Pulver, das wie Flaschennahrung für Säuglinge aussieht, von Milupa, Hipp, oder wie sie alle heißen. Ab und zu ein Mehlwurm, Heimchen und das Nestlingsfutter soll ich weiter zusätzlich füttern. Das Tütchen ist nicht besonders groß. Wenn ich in eine Verkehrskontrolle komme, nehmen die mich mit, weil sie denken es wär’ irgendeine dämliche Droge. Ich rase trotzdem auch auf dem Rückweg. Ich weiß, der Piepmatz hat Hunger.
Der Vogelbaby-Brei wird mit einer 1ml Spritze in den Schnabel gegeben. Nachdem ich dem Kleinen die erste Spritze gegeben habe, schreit er sofort nach mehr. Das Zeug scheint zu schmecken. Es riecht irgendwie fruchtig. Insgesamt zieht der Federling sich 3ml weg. Nicht schlecht für so einen Winzling. Dann plustert er sich auf, spreizt die Flügel, zieht einzelne Federn durch seinen Schnabel und glättet mit dem Schnabel den Federflaum an seinen Schultern, bevor er den Kopf zur Seite dreht und einschläft. Eigentlich sollte das Zeug wie ein Energy drink wirken.
Aber er hat solange Hunger gehabt, dass er wahrscheinlich vom Schreien müde ist. Seine Bewegungen werden jetzt ausladender. Ich denke, er braucht mehr Platz und Bewegungsfreiheit, um seine Muskeln zu trainieren und sich aufs Fliegen vorzubereiten. Ein Vogelkäfig muss her, am besten einer, der groß genug ist, dass der Winzling schon ein bisschen darin flattern kann. Bei Ebay Kleinanzeigen werde ich fündig und mache für den nächsten Tag einen Abholtermin aus.
Bei der Schmusestunde nach der letzten Fütterung am Abend, erzähle ich dem Federling von seiner neuen Bleibe.
„Du wirst dann schon bald fliegen, und wir werden dich nach draußen tragen. Zuerst schaffst du es vielleicht nur auf einen der unteren Äste am Baum, dann in die Baumkrone, und irgendwann bis in die Wolken, “ sage ich.
„Tschilp Tschilp, “ sagt er.
Er sieht mich mit schräg geneigtem Kopf an. Sein Schnabel wirkt kaum noch zu groß. Er drückt sich kurz hoch auf seine Beine, als wolle er seine Beinmuskeln erproben. Dann schmiegt er seinen warmen Federbauch in meine Handfläche. Den Schnabel unter einen Flügel gesteckt, schläft er ein.
Das pustet mich total durch und weg. Völlig schachmatt sage „Ich zu ihm, „ich glaube, ich liebe dich, Federling.“
Ist wirklich wahr, genau das habe ich verdammtnochmal gesagt.
Okay, er ist ein Spatz, ich bin ein Mensch. Ich weiß das. Vielleicht möchte mich jetzt jemand für durchgeknallt halten.
Bitte, tut euch keinen Zwang an.
