Spatzentage 7

Eine Woche ist der Findevogel jetzt bei uns und voller Federn. Wenn er sich aufplustert und tschilpt, bekommt die Redewendung „Schimpfen wie ein Rohrspatz“ einen Sinn.
Ich rufe in der Taubenklinik an und erzähle, dass der Federling nicht mehr richtig satt wird. Die nette Frau am Telefon sagt, dass ich vorbeikommen soll und sie wird mir Handaufzuchtfutter geben. Endlich. Das ist das, das ich nirgendwo gefunden habe.
Mit Mehlwürmern, Nestlingsfutter und Heimchen rette ich uns über den Tag. Heimchen schmecken dem Piepmatz offensichtlich, aber er schreit so oft nach Futter, dass ich dem Nachmittag und dem Moment entgegenfiebere, wo ich zur Taubenklinik fahren kann.
Falls sich jemand fragt, warum der Kleine noch keinen Namen hat, wir wissen immer noch nicht, ob er ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich tendiere zu Mädchen. T hält ihn für einen Kerl. Mhmmm. Also heisst er erst mal Piepmatz oder Federling.
Endlich sitze ich auf dem Roller und rase Richtung Taubenklinik. In diesen Tagen sitze ich irgendwie ständig auf dem Roller und gebe Gas, immer zwischen füttern und Alltagspflichten.
Der Name Taubenklinik ist etwas irreführend. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Vogelklinik und im Wartebereich sitzen Menschen mit Vogelkäfigen in allen Größen. Es gibt auch die typischen Brieftaubenboxen. Irgendwie irre, eine ganze verdammte Klinik nur für Vögel. Ich fühle mich gleich gut aufgehoben mit meinem Anliegen und bekomme schließlich ein Tütchen mit einem gelblichen Pulver, das wie Flaschennahrung für Säuglinge aussieht, von Milupa, Hipp, oder wie sie alle heißen. Ab und zu ein Mehlwurm, Heimchen und das Nestlingsfutter soll ich weiter zusätzlich füttern. Das Tütchen ist nicht besonders groß. Wenn ich in eine Verkehrskontrolle komme, nehmen die mich mit, weil sie denken es wär’ irgendeine dämliche Droge. Ich rase trotzdem auch auf dem Rückweg. Ich weiß, der Piepmatz hat Hunger.
Der Vogelbaby-Brei wird mit einer 1ml Spritze in den Schnabel gegeben. Nachdem ich dem Kleinen die erste Spritze gegeben habe, schreit er sofort nach mehr. Das Zeug scheint zu schmecken. Es riecht irgendwie fruchtig. Insgesamt zieht der Federling sich 3ml weg. Nicht schlecht für so einen Winzling. Dann plustert er sich auf, spreizt die Flügel, zieht einzelne Federn durch seinen Schnabel und glättet mit dem Schnabel den Federflaum an seinen Schultern, bevor er den Kopf zur Seite dreht und einschläft. Eigentlich sollte das Zeug wie ein Energy drink wirken.
Aber er hat solange Hunger gehabt, dass er wahrscheinlich vom Schreien müde ist. Seine Bewegungen werden jetzt ausladender. Ich denke, er braucht mehr Platz und Bewegungsfreiheit, um seine Muskeln zu trainieren und sich aufs Fliegen vorzubereiten. Ein Vogelkäfig muss her, am besten einer, der groß genug ist, dass der Winzling schon ein bisschen darin flattern kann. Bei Ebay Kleinanzeigen werde ich fündig und mache für den nächsten Tag einen Abholtermin aus.
Bei der Schmusestunde nach der letzten Fütterung am Abend, erzähle ich dem Federling von seiner neuen Bleibe.
„Du wirst dann schon bald fliegen, und wir werden dich nach draußen tragen. Zuerst schaffst du es vielleicht nur auf einen der unteren Äste am Baum, dann in die Baumkrone, und irgendwann bis in die Wolken, “ sage ich.
„Tschilp Tschilp, “ sagt er.
Er sieht mich mit schräg geneigtem Kopf an. Sein Schnabel wirkt kaum noch zu groß. Er drückt sich kurz hoch auf seine Beine, als wolle er seine Beinmuskeln erproben. Dann schmiegt er seinen warmen Federbauch in meine Handfläche. Den Schnabel unter einen Flügel gesteckt, schläft er ein.
Das pustet mich total durch und weg. Völlig schachmatt sage „Ich zu ihm, „ich glaube, ich liebe dich, Federling.“
Ist wirklich wahr, genau das habe ich verdammtnochmal gesagt.
Okay, er ist ein Spatz, ich bin ein Mensch. Ich weiß das. Vielleicht möchte mich jetzt jemand für durchgeknallt halten.
Bitte, tut euch keinen Zwang an.

6 Gedanken zu “Spatzentage 7

  1. Ach mensch, mit einem solchen Zögling wird uns die Zerbrechlichkeit und die Schönheit und Vollkommenheit des Lebens bewußt. Was hätte ich gegeben, damals die Meise retten zu können …

    Und mal ehrlich: hättet ihr gedacht, daß Zeit so schnell vergeht?

    Eine wirklich wunderbare Begebenheit, die ihr da erlebt. Schnarzjer (Spatz, Sperling, Geliebter hier im Hallischen Dialekt) und Menschen.

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