Schuld

Es ist einer dieser vernieselten Tage, an denen die Feuchtigkeit unter die Haut kriecht.
Sie sind etwas zu spät losgefahren zu ihrem Treffen mit den Freunden. Das Auto ist prall gefüllt mit ihrem Stress, ihrer Hast, ihrem Ärger. Der Mann fährt in schnellen Spurwechseln, andere Wagen überholend. Auf nassen Schienen. Den Blick etwas verbissen geradeaus gerichtet, als wolle er die Zeit in ihre Schranken weisen. Im Magen seiner Beifahrerin kreist ein seltsames Gefühl, wirbelt nach oben, verengt sekundenlang ihre Brust, bevor es sich in einem lauten Ausruf Ausdruck verschafft: „Langsamer!“
Aus den Augenwinkeln streift sie sein verständnisloser Blick. „Aber wir kommen zu spät.“
Die Stresswolke wabert um ihre Köpfe. Eine seltsam zeitlose Spannung breitet sich im Fahrzeug aus, dringt durch die Ritzen nach Außen, umgibt die beiden Menschen und ihre Fahrt wie ein magnetisches Feld. Es ist diese Art von Spannung, aus deren Fahrwasser schwer auszusteigen ist.
Das im Paar im Auto schweigt. Kurz vor dem Ziel. Der Blick des Mannes ist zur Seite gerichtet, am Gesicht der Frau vorbei. Er beobachtet ein Ereignis auf dem Gehweg, während das entscheidende Ereignis liegt vor ihm. Ein abrupt zum Stillstand kommender Ford Corsa
„Was machst du da?“ schreit die Frau.
Sein Kopf fährt herum. Seine Augen weiten sich.
„Einen Unfall“, antwortet er, als sprächen sie übers Wetter. Steht die Zeit, oder rast sie?
Mit einem fast sanften Stoß prallen sie auf den Corsa, schieben den kleinen Opel mit ihrem schweren Passat Kombi in eine BMW Limousine.
Stillstand. Stille.
Der Fahrer des Corsa hebt die Arme über den Kopf. Wie hilfesuchend. Wie in einem Aufschrei. Dann lässt der Schock seinen ganzen Körper zittern, einem epileptischen Anfall nicht unähnlich.

Der Fahrer des Passats sprintet zu dem Opel, spricht mit dem Geschockten. Der fuchtelt mit beiden Armen in der Luft. Krächzende, unverständliche Laute stürzen aus seinem Mund. Wo sein Kehlkopf sein sollte, befindet sich ein Loch mit einem Kunststoffeinsatz, wie ein kleines Rohr, mitten in seinem Hals.
„Wir brauchen einen Notarzt“, brüllt der Fahrer des Kombis seiner Frau zu. Sein Schrei gellt über die Straße zu den Zuschauern, die sich eingefunden haben, zerplatzt an ihren neugierigen Blicken.
Manchmal ist das Handy Gold wert, denkt die Frau, während sie der Feuerwehr ihren Standort durchgibt. Ihr Blick wandert über ihren lädierten VW Passat.
Ganz verbogen und zerbeult sieht er von vorne aus. Wie ein ausgeknockter Preisboxer mit blutender Nase. So sehen Autos in James Bond Filmen aus, wenn sie bei einer Verfolgungsjagd, einmal um die eigene Achse gedreht auf der Strecke bleiben. Sie fragt sich, warum sie sich nicht ärgert.
Den grauen Corsa hat es übel erwischt.  Unheilbar beschädigt sieht er aus. Der Aufprall hat ihn zwischen den beiden großen Fahrzeugen wie in einem Sandwich zusammengequetscht. Ein monumentaler Blechburger. Nur der BMW wirkt unversehrt.
Typisch, denkt die Frau und steckt ihr Handy wieder ein.
Ihre Gedanken taumeln. Eigenartig, denkt sie, wie nach so einem Unfall alle dastehen und den Ablauf rekonstruieren. Als ließe sich durch eine möglichst genaue Wiedergabe des Geschehens etwas an den Tatsachen ändern. An den Tatsachen, dass hier drei Pkws stehen, von denen zwei schrottreif sind. Unfallbeteiligte diskutieren mit Zeugen, so als könnte man alles noch einmal zurückdrehen, wenn man es nur genau erforscht und durchleuchtet. Was dabei besonders wichtig zu sein scheint, ist die Suche nach dem Schuldigen.
Der „Hauptschuldige“ lautet das magische Wort, das alles gerade rücken soll.
Jeder versucht den Ablauf zu verstehen. Fragen schwirren durch die Nieselregenluft.
„Warum hat da vorne einer so plötzlich angehalten? Warum hat der im selben Moment, in dem er blinkte, schon beinahe gestanden? Warum ist der dann einfach abgehauen, als hätte er mit dem ganzen Geschehen hinter sich nichts zu tun?“
„Ich hab dessen Autonummer gar nicht gesehen, sagt die junge Frau, die in dem BMW saß. Sie fischt eine Zigarette aus der Schachtel, die ihr Freund ihr hinhält. Beide zünden sich eine Kippe an. Er legt den Arm um sie, streicht ihr unbeholfen über die Schulter.
„Eigentlich war der an allem Schuld“, sagt er, „erst hält der so abrupt an und dann haut er auch noch ab.“
Er zieht er an seiner Zigarette.  Sein Gesicht sieht blass und angespannt aus.
Das Paar steht Arm in Arm am Straßenrand wie von irgendwem vergessen.  Sie sehen aus wie zwei ratlose Kinder, denkt die Frau des Passatfahrers und setzt sich auf den Boden. Wie weit entfernen sich Menschen in ihrem Leben für gewöhnlich von dem, was sie als Kind waren?
Wenn sie etwas aus ihrer Routine reißt, wenn Ereignisse in ihrem Leben sie verunsichern, stehen sie oft hilflos da und lassen das Geschehen Revue passieren, versuchen zu verstehen, und einzuordnen. Es scheint, als würde von der Zuordnung eines Ereignisses ein Schutz ausgehen, eine gewisse Sicherheit. Das verstehen wollen, das einordnen wollen ist noch dasselbe wie in der Kindheit, doch die Taten haben sich unendlich weit davon entfernt. Wie lässt sich Hiroshima begreifen und einordnen, wie Auschwitz, Vietnam oder Gaza?
Die Suche nach Schuldigen ändert nichts daran, sie erhöht nicht wirklich das Verstehen. Trotzdem schieben die Menschen die Schubladen in ihren Köpfen befriedigt zu. Hauptschuld zugeordnet, etikettiert. Das Leben geht weiter wie gehabt.

Die Polizei und ein Rettungswagen sind eingetroffen. Sanitäter kümmern sich um den Fahrer des Corsa. Der Fahrer des Passats spricht mit den Polizisten. Alles folgt der bekannten Choreographie eines Verkehrsunfalls.
Die Frau sitzt am Straßenrand und schweigt.

9 Gedanken zu “Schuld

    1. meine erfahrung ist, dass begreifen mit erleben zusammen hängt nicht mit ursachensuche oder schuldsuche. hanna arendt z.b. hat die banalität des bösen begriffen, indem sie den angeklagten beim eichmann prozess erlebte

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      1. Wieso hat sie sich den Prozess denn überhaupt angeschaut? Weil sie nach „dem Grund“ geforscht hat. Was du schreibst, steht überhaupt nicht im Gegensatz zu dem, was ich meinte. Manche Menschen denken sich vielleicht etwas zurecht – andere wollen es erleben … Welche Erkenntnis dann etwas taugt, und welche nicht, ist eine andere Diskussion.

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      2. Ich habe dir einfach meine Erfahrung mitgeteilt, die anders ist, ob du sie daneben oder in den gegesatz stellst, ist dir überlassen. Erkenntnis taugt immer, Vorstellungen und sich etwas zurechtdenken stehen auf einem anderen Blatt. Was innere Prozesse angeht, bin ich keine Theoretikerin. Hannah Arendt hat den Prozess nicht angeschaut, weil sie nach Gründen und Ursachen geforscht hat, sondern weil sie erlebend begreifen wollte. Und sie hatte das Naziregime ja bereits am eigenen Leib erfahren und war von der Gestapo inhaftiert worden.

        „In der Einleitung zur deutschen Ausgabe 1964 erläutert Arendt ihre Wortwahl: „In dem Bericht kommt die mögliche Banalität des Bösen nur auf der Ebene des Tatsächlichen zur Sprache, als ein Phänomen, das zu übersehen unmöglich war. Eichmann war nicht […] Macbeth […]. Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er überhaupt keine Motive.“[51] Niemals hätte er seinen Vorgesetzten umgebracht. Er sei nicht dumm gewesen, sondern „schier gedankenlos“. Dies habe ihn prädestiniert, zu einem der größten Verbrecher seiner Zeit zu werden. Dies sei „banal“, vielleicht sogar „komisch“. Man könne ihm beim besten Willen keine teuflisch-dämonische Tiefe abgewinnen. Trotzdem sei er nicht alltäglich. „Dass eine solche Realitätsferne und Gedankenlosigkeit in einem mehr Unheil anrichten können als alle die dem Menschen innewohnenden bösen Triebe zusammengenommen, das war in der Tat die Lektion, die man in Jerusalem lernen konnte. Aber es war eine Lektion und weder eine Erklärung des Phänomens noch eine Theorie darüber.“

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