Dunkles Wiegenlied

Leuchtend rot war ihr Haar. Ahornblätter im Herbst.
Er nannte sie Flammenbraut. Er nahm sie bei der Hand.
Und ihre Augen glänzten wie seegrünes Glas.

Er war ihr Himmel. Sie küssten sich. Wie Kinder. Begierig und wild.
Und nachts wisperte sie geheime Worte in sein Ohr,
zerbrechliche Silben aus Lust.

Wie er stolzierte mit federndem Gang. Sie sei die Schönste,
sagte er. Sein Arm um ihre Taille. Seine Augen so hell.
Wie Sterne, dachte sie.

Sein Blick wechselte von Blau zu Eis, und sein Gang wurde Stahl,
als sie gestand, leise, fast scheu, wir bekommen ein Baby.
Und sie hob suchend den Blick.

Er lachte zu laut. Grau wie Beton. Und Worte wie Steine trafen ihr Herz.
Sie sah ihn gehen. Sein Rücken eine Wand. Stumm stand sie tränenblind.

Sie fand einen Ort, einen stillen, versteckten.
Auf dem Hügel, nur den Vögeln vertraut. Da saß sie im Gras,
pflückte Blumen und sang.

Sang ein blindes, ein dunkles Wiegenlied. Sie wand einen Kranz,
kniete anmutig nieder und Margeriten leuchteten weiß und wild.

Als sie die Waffe nahm, die Mündung küsste und ihr Finger sich zärtlich
nach innen bog, färbten Blüten sich rot wie ihr Haar.

Unschuld zerbarst in einem Schuss. Das Wiegenlied für
ein ungekanntes Kind wehte zum Himmel, ein verwirrter
Traum, lautlos den Wolken nach.
©gabi m. auth

2 Gedanken zu “Dunkles Wiegenlied

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