Auf ein Wort bei Musik, Wein und Bier. 

Meine erste größere Lesung in diesem Jahr. Begleitet werde ich von der Musikerin Martina Lichter (MmeLaGroketterie), deren Musik gut zu meinem Roman „Juli – What the bird said“ passt. Martina wird zusätzlich zu ihren eigenen Liedern auch die Cover Versionen von zwei bekannten Songs spielen, von denen das eine im Roman vorkommt.  Kommt vorbei, wir freuen uns auf Euch.

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Jakob’s Christkind

Weil es heute so gut passt, hier noch einmal die Geschichte von Jakob’s Christkind. Diesmal als Video von einer  Lesung, bei der ich zum ersten Mal eine Zugabe geben musste. Eine Freude war das.

Kleine Um-entscheidung mit großer Wirkung

Vor kurzem entdeckte ich im Internet einen offenen Brief, der sich an die türkische Autorin Asli Erdogan richtet, die wegen ihrer Schriften Ende 2016 in der Türkei verhaftet wurde, mehrere Monate im Gefängnis saß und die im September dieses Jahres keine Ausreiseerlaubnis bekam, um in Deutschland einen Literaturpreis in Empfang zu nehmen.

Alleine diese Tatsache ist für mich berührend genug, und seit den ersten Verhaftungen in der Türkei schwanke ich zwischen Zorn und Hilflosigkeit. Dieser Brief erwischte mich heisskalt, rührte an mein Gerechtigkeitsgefühl, an mein Frau sein und spielte mühelos auf dem Klavier meiner Emotionen. Ich meine das in einem sehr positiven Sinn. Sätze wie:
„Lasst uns unsere Worte nehmen, einen langen Atem und lasst uns Lichtspuren aus Mut und Menschlichkeit legen, um gegenzuhalten und niemals angstvoll zu schweigen!
Wir sind keine Helden. Wir werden nie Helden sein.
Aber wir sind jetzt an der Reihe. Mehr denn je“,
trieben mir die Tränen in die Augen.

Das große Miteinander unter Frauen, das oft der Konkurrenz und dem Neid geopfert wird, und das ich mir immer wünsche, hier wurde es für mich spürbar durch die Sätze eines Briefes.
Es dauerte nicht lange, dann hatte ich die Verfasserin bei Facebook gefunden und schickte ihr eine Freundanfrage. Sie nahm mich schnell und herzlich in ihren Freundeskreis auf und der Austausch war sofort „barrierefrei“.
Vorgestern schrieb sie in ihrem Status bei Facebook, dass sie eine Lesung in meiner Heimatstadt haben würde. Fantastisch, dachte ich. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, an einer Buchvorstellung mit Sven Regener teilzunehmen, den ich allein schon wegen seiner Lieder sehr mag, aber die Berührung durch den offenen Brief an Asli Erdogan war nachhaltig. Ich wollte die Verfasserin  erleben, das Wesen hinter den Worten spüren.
Sie ist Schriftstellerin. Ich hatte noch nie ein Buch von ihr gelesen und gestehe, ich habe auch nicht danach gesucht. Warum auch immer.
Gestern Abend saß ich also um halb acht in dem kleinen Theaterraum, in dem die Lesung stattfinden sollte. Vor mir auf der Bühne ein Tisch mit einer Decke aus rotem Pannesamt, so ein Rot wie leuchtend reife Johannisbeeren, süß und herb gleichzeitig, nachhaltig im Geschmack.
Der Raum füllte sich. Dann kam eine Frau auf die Bühne. Ein Lächeln, das den ganzen Raum auszufüllen schien, weit, warm, echt. Und genau so wirkte alles, was sie über sich und ihre Bücher erzählte. Keine Ahnung, ob Ihr das kennt, ich selber hatte vorher erst einen Menschen getroffen, bei dem das der Fall ist, eine Freundin, die alle Herzen zu öffnen scheint, sobald sie zur Tür herein kommt. Hier auf der Bühne saß auch so eine, eine, die meinte, was sie sagte, die sich nicht verstellte und nicht auf Teufel komm raus gefallen wollte. Alleine davon war ich hin und weg.
Es war dunkel im Zuschauerraum, deshalb konnte man vermutlich mein Gesicht mit der Tischdecke um die Wette leuchten sehen, als die Moderatorin dann alle Aktivitäten und Funktionen der Autorin aufzählte und von ihren Bestsellern sprach, die teilweise in viele Sprachen übersetzt wurden.
Verdammt. Und ich Schaf hatte  keine Ahnung gehabt. Und das, obwohl ich selber schreibe. Okay, das ist wahrscheinlich mein Glück, denn hätte ich es gewusst, wäre ich vielleicht zu scheu gewesen, ihr einfach eine Facebook Freundanfrage zu schicken und hätte einen wunderbaren Abend verpasst.
Nach dem einleitenden Gespräch las sie dann aus ihrem neusten Buch „Das Traumbuch“
Sie tat das mit einer Leidenschaft, die zumindest mir das Gefühl vermittelte, sie lebte jedes einzelne Wort, das sie las, hauchte, schrie, oder summte. Ja, summte. Und dazu dieses große, freie Lachen.
Ihr meint, ich gerate jetzt ins Schwärmen? Wenn ihr die Gelegenheit habt, besucht einfach mal eine ihrer Lesungen. Ihr Umgang mit Sprache, mit Worten und der Stille zwischen den Worten, wäre auch dann noch ein Genuss, wenn sie die Sätze lakonisch vortrüge wie ein Telefonbuch.
Jetzt freue ich mich auf einige wunderbare Bücher. Mit dem Traumbuch werde ich anfangen, weil ich das Gefühl habe, es ist mir am nächsten. Dann „Die Mondspielerin“ und zuletzt „Das Lavendelzimmer“. Geschrieben wurden sie übrigens  in umgekehrter Reihenfolge.
Ich habe an diesem Abend viel gelernt, auch über mich selbst.

Danke, Nina George, für einen fantastischen, Herz öffnenden Abend und für einen Korb voll Inspiration. Und ja, es stimmt, manchmal sind es winzige Entscheidungen, die unsere Wege ändern, Dinge anders ablaufen lassen und das Leben beeinflussen, obwohl man es nicht immer gleich merkt. Das ist wie bei „Lola rennt“, es macht einen Unterschied, ob wir rechts in eine Straße einbiegen oder links über die Ampel gehen, zu welcher Zeit wir an welchem Ort sind, wen wir lieben und wen wir abweisen. Eine Erfahrung, für die mein Leben Zeuge ist.

Die Veranstaltung fand im Rahmen des Festivals Literatürk statt, und es ging dabei auch um Macht und Ohnmacht.  Mir ist einmal mehr klar geworden, dass Sprache, dass Worte, die wir sagen und die wir schreiben, eine nicht zu unterschätzende Macht bedeuten. Sprache und natürlich Musik. Deshalb zertrümmerte man dem Sänger Viktor Jara im Stadion von Santiago de Chile die Hände, um ihn am Gitarre spielen zu hindern. Am singen hinderte ihn das nicht. Darum tötete man ihn. Deshalb werden in Diktaturen oft Bücher und Texte verbrannt und deren Verfasser verhaftet, misshandelt oder ermordet. Und deshalb hat Nina George recht, wenn sie schreibt:
„Machen wir also weiter. Hören wir niemals auf zu schreiben.“

 

Literatürk Festival, Termine

Nina George Homepage

 

Nicht Cinderella & Der blaue Vorhang

Ich freue mich sehr, am 1.10. im Künstlerhaus Buschulte in Unna, lesen zu dürfen. Noch viel mehr freue ich mich über die Zusammenarbeit mit  Sara Buschulte, mit der ich danach sicher noch das eine oder andere Mal zu Nicht Cinderella & Der blaue Vorhang einladen werde.
Sara Buschulte ist die Sängerin und Songwriterin der Band Sara’s Wohnzimmer und erzählt in ihren Liedern vom Tanzen, Taumeln und wieder landen, von Schattensprüngen und Höhenflügen, vom Loslassen und Wiederfinden.
Die Musik bewegt sich zwischen Chanson, Folk, Pop und Jazz.
2015 erschien das erste Album „irgendwo zwischen Alltag und Illusion“
2017 das zweite Album „Schattensprung“.
Unsere erste gemeinsame Probe war ein schönes Erlebnis. Da hat alles gepasst.
Die Generalprobe in fünf Tagen wird uns startklar machen, um mit allen, die kommen zwei schöne Stunden zu erleben. Und  ich  werde auch einen Abschnitt aus meinem Roman Juli – What the bird said  lesen, der in einigen Wochen veröffentlicht wird.
Kommt vorbei.

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Sara Buschulte und Gabriele Auth

haarige Momente

Also unter uns Frauen, oder eigentlich sogar auch unter uns Männern, Haare sind irgendwie eine sehr komplexe Angelegenheit. Also die in der Suppe auch, aber ich meine hier die Haare auf unseren Köpfen. In Romanen steht manchmal so schön: Die braunen Haare fielen ihr in weichen Wellen bis auf die Schultern.  (fragt mich bitte jetzt nicht, welche Romane ich lese.)
S
oweit so gut, aber glänzten sie auch, die braunen Wellen? Oder sind gar die Spitzen gespalten? Und das Braun? Echt, oder Polycolor? Gar nicht so einfach.
Also gut, meine sind frisch gewaschen. Vielleicht liegen sie gleich. Vielleicht auch nicht.
Ob sie glänzen, oder struppig sind, ich werde in jedem Fall lesen.
Heute abend in der Severinstorburg in Köln. Ich hab vor einiger Zeit in der Anthologie“Trümmerseele“ ein Gedicht veröffentlicht.  Der Erlös des Verkaufs  geht an ein Berliner Flüchtlings Hilfe Projekt.
Und ja, die Lesung kostet fünf Euro Eintritt, der kommt auch der Flüchtlingshilfe zugute.
Ausser mir werden noch fünfzehn andere von den hundert, im Buch veröffentlichten Autoren ihre Texte vortragen.
Also wer Zeit und Lust hat, um 18:00 Uhr in der Severinstorburg am Clodwigplatz in Köln
kann man mich hören und live erleben, ob die Haare liegen.
Wer nur das Buch erwerben will, findet es hier im Blog unter der Rubrik Veröffentlichungen.
Bis bald

 

 

Vorfreude

12493962_172520189778189_1669081616957397013_oHeute einfach mal ein bißchen Werbung in eigener Sache, weil ich mich darauf freue, am Freitag eine neue Lesungsreihe aus der Taufe zu heben.
Die Lesung mit der Glückskatze

Eine Nacht für Juli Quartalslesung letzter Teil

Bei der Oma gefiel es mir, trotz der strengen Lehrer in der katholischen Schule und trotz des sonntäglichen Kirchgangs für den ich früh um fünf aufstehen und fast noch im Halbschlaf die Sonntagskleider anziehen musste. Die Erwachsenen gingen ohne Frühstück in die Messe. Wir Kinder bekamen Honigmilch, auf der sich eine zarte Haut bildete.
In der Kirche schwebte ein Übelkeit erregender Geruch nach Weihrauch, alten Mauern und feuchten Mänteln. „Oh Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, und so wird meine Seele gesund“, wiederholte die versammelte Kirchengemeinde jeden Sonntag. Wieder und wieder.
Ich hatte keine Vorstellung, an welcher Krankheit die Seele der Leute litt oder wo im Körper sie zu finden wäre. Als ich Mutter und Oma fragte, lachten sie.
„Ach Juli, du Schäfchen“, sagte Oma. „Keiner ist krank, das ist nur ein Gebet, das man aufsagt.“
Niemand erklärte mir, warum wir bei der Oma wohnten.
„Es ist eine schwierige Zeit“, sagte meine Mutter.
Manchmal lauschte ich den Gesprächen der Erwachsenen, die meine Anwesenheit vergaßen, wenn ich mich still mit meiner Puppe beschäftigte. So erfuhr ich, dass Vater seine Arbeit verloren hatte und dass wir nicht in unsere Wohnung zurück konnten, weil die auch weg war. Ich verstand nicht, wie ein Zuhause und eine Arbeit einfach verschwinden konnten. Wochen später hörte ich Mutter und Oma darüber sprechen, dass Vater endlich Arbeit hätte und auch bald eine neue Wohnung finden würde.
Warum suchte er eine neue? Warum suchte er nicht nach der alten, verloren gegangenen? Ich traute mich nicht, danach zu fragen.
„Wo wohnt der Papa denn jetzt?“, fragte ich stattdessen. Mutter presste die Lippen zusammen und ging aus dem Zimmer. Oma nahm mich in den Arm.
„Er wohnt jetzt bei seiner Mama“, sagte sie.
„Bei Oma Dutti?“
„Ja.“
„Aber ich wünsch mir, dass er unsere Wohnung findet.“
Oma lachte.
„Die findet er ganz bestimmt“, sagte sie und strich mir über den Kopf. Ihre Hände rochen nach Minze und nach etwas anderem, etwas, dass ich nicht benennen konnte. Es gehörte zu ihr wie die vielen kleinen Falten in ihrem Gesicht und die gute Butter, die sie mir aufs Brot strich.
Für Vater mag es ein Glück gewesen sein, dass er bei Oma Dutti untergekommen war, aber mir fehlten seine Geschichten und Lieder. Ein betrunkener Vater war wie ein gebrochenes Bein. Gar keinen Vater zu haben fühlte sich an wie ein amputiertes Bein, irreparabel, dauerhaft von Krücken abhängig, halb.
Ein halbes Jahr später saßen wir wieder vereint beim Frühstück. Die neue Wohnung lag in einer typischen Ruhrgebietsstadt. Mir gefiel es dort. Wo vor dem Krieg die hochmütigen Häuser der Jahrhundertwende ihre Schornsteine in den Himmel gereckt hatten, deckte die Natur einen grünen Belag über die Brachen. Dort gruben die großen Jungen tiefe Löcher, die wie breite Gräber aussahen. Sie trugen alte Matratzen, Teppiche und Decken hinein und deckten alles mit Brettern ab.
Meine Freundinnen und ich standen und sahen mit aufgerissenen Augen, wie die Budenbauer mit Zigaretten und Streichhölzern im Untergrund verschwanden. Sie waren Helden.
„Dürfen wir mit?“, traute ich mich ein Mal zu fragen. Der Anführer hakte die Daumen in die Hosentaschen, sah uns mit zusammengezogenen Brauen an, nickte knapp.
„Na gut, ausnahmsweise.“
Wir folgten ihm nach unten. Es roch nach Erde und Rauch. Schweigend saßen wir an kühle Lehmwände gelehnt, die feuchten Hände ineinander verschlungen, ehrfürchtig und voll Verlangen, groß und stark zu sein.
Wenn ich meine Eltern ansah, kam mir das erwachsen sein allerdings nicht besonders erstrebenswert vor. Ihr Kettenkarussell des Streitens und Versöhnens drehte sich wie ein verdammtes Perpetuum Mobile.

Eine Nacht für Juli Quartalslesung dritter Teil

Elsa hält ihr die Zigarettenschachtel hin. Die Zigarette fühlt sich glatt und neu an.
„Filterzigaretten haben so etwas makelloses“, sagt Juli, „meine selbst gedrehten sehen von Anfang an krumm und benutzt aus“.
Elsa lacht. Ein großes Lachen, bei dem Juli sich beinahe entspannt fühlt.
„Ich wollte dir heute Morgen nicht zu nahe treten. Keine Ahnung wieso, aber alle Patientinnen, mit denen ich gesprochen hatte, haben von ihren Eierstöcken erzählt. Meine Frage war eine Art Verlegenheitsscherz, um ins Gespräch zu kommen.“
Juli sieht in das freundliche Gesicht, spürt, wie ihre Augen überfließen wollen, versucht, die Tränen mit den Händen zu stoppen.
„Oh Gott“, stammelt Elsa, „kann ich was für dich tun? Ich wusste ja nicht“
Juli schüttelt den Kopf. Sie reibt mit dem Unterarm über die Augen, eine schnelle Bewegung, eigensinnig, verärgert, als ob sie nicht nur Tränen wegwischen will.
„Du hast keine Ahnung“, sagt sie, „ich könnte dir die Geschichte erzählen, aber sie ist lang, und ich weiß nicht genau, wo sie anfängt.“
Elsa gibt ihr ein Taschentuch.
„Ich hab die ganze Nacht Zeit.“
Juli putzt sich die Nase, zerknüllt das Taschentuch in der Faust, senkt den Kopf. Mit den hellbraunen, kurzen Haarfransen erinnert sie an ein zerzaustes Amseljunges. Sie mustert Elsa mit einem abschätzenden Blick aus den Augenwinkeln.
„Ach verdammt, was soll’s, wenn du es echt hören willst. Gibst du mir noch eine von deinen Kippen?“
Wer wäre besser geeignet zum Reden, als eine Mitpatientin, eine wie Elsa, die sie danach nie wieder sehen würde?
Sie zündet die Zigarette an, zieht den Rauch tief in die Lungen, genießt einen Moment den herben Geschmack des Tabaks auf der Zunge und taucht ein in den Raum, in dem ihre Geschichte sich verbirgt.

Ich weiß nicht. Wo soll ich anfangen? Mit Sven und Eric? Nach der Sache mit Frank? Oder mit meinen Eltern? Ja, meine Eltern, ich fange bei ihnen an. Ich muss ungefähr sieben gewesen sein, als ich kapierte, dass mein Vater nicht der Held war, für den ich ihn hielt. Mitten in der Nacht hatte mich ein Poltern im Treppenhaus geweckt, ich huschte zur Zimmertür, öffnete sie einen Spalt und blinzelte hindurch.
Der Geruch von Zigarettenrauch, Bier und Frikadellen mit Senf stahl sich in den Flur und kroch mir in die Nase, als Vater zur Wohnungstür hereinkam.
„Is was später geworden“, sagte er zu meiner Mutter, die in ihrem verwaschenen, gelben Morgenmantel in der Schlafzimmertür stand. Vater tastete sich mit schlurfenden Schritten ins Wohnzimmer. Man hörte die Sprungfedern des Sofas knarren, als er sich hinsetzte. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er da saß, nach vorne gebeugt, mit hängendem Kopf, die Arme schlaff auf den Schenkeln. Ich hatte ihn tausend Mal so sitzen sehen, wenn er nach Bier roch.
Mutter ging in die Küche. Ich wusste, dass sie ihm Brote schmierte. In der Stille schwoll das Schaben des Brotmessers zusammen mit dem Geräusch des Wasserkessels zu einem einsamen Rhythmus an.
Als Mutter das Tablett durch den Flur trug, hielt sie ihren Rücken angestrengt gerade.
Ich schlich in die Diele, linste durch die halb geöffnete Wohnzimmertür, rieb mir den Schlaf aus den Augen.
Vaters Anblick ließ sich nicht wegwischen.
Er aß mit unsicherer Hand, den Blick auf den Teller geheftet. Mutter stand vor ihm, sah ihn an, stumm, die Arme verschränkt, die Lippen zusammengepresst, bis es aus ihr herausplatzte,
„Du bist besoffen! “
Sein Gesicht erstarrte. Rot und schief sah es aus. Die Hand stockte mitten im Griff nach der nächsten Wurststulle.
„Dummer Bauerntrampel.“
Er schleuderte den Teller mit den Broten, von denen eines gegen die Wand klatschte. Im Zeitlupentempo rutschte es
die Tapete hinunter und zog einen breiten Leberwurststreifen hinter sich her.
Ich stand mit nackten Füßen auf dem Linoleum, kaute auf der Unterlippe, starrte die Tür an, hörte meine Eltern brüllen, eine millionenfach abgespulte Litanei von Beleidigungen, Vorwürfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Ich dachte, die würden nie wieder aufhören.
Mein Hals fühlte sich eng an, so als ob mir ganz langsam die Luft ausginge, immer ein bisschen weniger, bis keine mehr da wäre.
Frierend schlich ich zurück ins Kinderzimmer, wo ich im Bett lag, die kalten Füße aneinander reibend, die Decke über den Kopf gezogen, auf Stille wartend. Meine kleine Schwester schlief mit geöffnetem Mund in ihrem Bett. Ihr gleichmäßiges Atmen klang laut und nervtötend in meinen Ohren.
Ich weinte nicht. Nicht wie damals, als ich klein war und ohne Licht nicht einschlafen konnte. Vater hatte mich geschlagen und das Licht gelöscht.
Damals, ja, da lag ich heulend im dunklen Zimmer und starrte in die Schatten.
Ein Leberwurstbrot auf einer Tapete. Warum sollte ich darüber weinen?
Ich hatte begriffen, dass unser Familienleben nicht in Ordnung war. Das Gefühl klebte sich an meine Fersen, verfolgte mich durch die Kindheit wie ein unverwechselbarer Geruch, der an mir haften blieb, wie sehr ich auch versuchte, ihn abzustreifen. Ich wollte einen nüchternen Vater, ich wollte eine Familie, wie meine Freundinnen sie hatten.
Nüchtern war er mein König.
Wenn er getrunken hatte, sah er aus, als würde er zusammenschrumpfen, saß mit stierem Blick vor dem Fernseher und ließ die Fingernägel gegeneinander klacken.
Klack und klack und klack.
Ein jämmerliches Geräusch.
Früher haben wir ihn manchmal von der Arbeit abgeholt. Der Weg führte über eine Brücke. Meine Beine waren kurz, die Brücke lang. Schwindelerregend.
Am anderen Ende sah ich ihn oft schon auftauchen, eine vertraute Gestalt im grauen Mantel. Und ich rannte so schnell ich konnte über die Brücke, die mich in den Abgrund zu zerren schien, stürzte mich in die sicheren Arme meines Vaters.
Wie ich mich sicher fühlen konnte, obwohl er mich schlug?
Schwer zu sagen.
Als mein Meerschweinchen starb, bettete er es in eine Zigarrenkiste und bastelte ein kleines Holzkreuz mit einer Münze im Schnittpunkt der Hölzer.
So ein Vater war er.
Ich wusste, dass er dreiundvierzig in den Krieg gezogen war, zur Kriegsmarine wie sein großer Bruder, von dem nur noch ein Foto übrig war, das in Omas Wohnzimmerschrank stand. Das und ein Brief vom Reichskriegsministerium, in dem stand, dass er als Held gestorben sei. Oma bewahrte das Schreiben in ihrer Bibel auf.
Vater war mit neunzehn Jahren nach Sibirien verfrachtet worden. Jedes Jahr zu Weihnachten kroch die Erinnerung in ihm hoch wie eine verdorbene Mahlzeit, die man nicht verdauen kann. Ein unverzichtbarer Teil unseres Weihnachtsfestes. Es begann am Heiligen Abend in der Kneipe mit diesem Morgenbesäufnis unter Männern, das sie Frühschoppen nannten. Zuhause warteten wir ungeduldig und voll Hoffnung, ob er rechtzeitig kommen würde, um den Baum zu schmücken. Das war sein Vorrecht. Ganz gleich, wie angetrunken er war, er hängte penibel, ohne dass seine Hand jemals zitterte, einen Lamettafaden neben den anderen auf die Zweige.
Wie silberne Vorhänge hingen sie dort aufgereiht.
Für Mutter musste alles Silber sein, die Kugeln, die Christbaumspitze, die Weihnachtsengel und die Vögel mit dem Pinselschwanz, die man an die Zweige klemmen konnte. Ich vergötterte die Vögelchen und hielt sie für verwunschene Geschöpfe, die vielleicht eines Tages fliegen würden.

Es gehörte zum Heilig-Abend-Ritual, dass Vater nach der Bescherung die Weihnachtsgeschichte vorlas. Die Geburt des Christkindes war der kürzere Teil. Danach legte er die Bibel zur Seite und wandte sich dem längeren Teil zu, der Geschichte seiner zweiten Geburt, acht Jahre nach Kriegsende, als er vor der Tür seiner Mutter
gestanden hatte. Seine Augen wurden nass, wenn er davon erzählte und manchmal holte er seine Mundharmonika aus dem Schrank und spielte das Wolgalied.
In dem Haus, in das der Krieg seine Familie verschlagen hatte, einer zum Wohnhaus umfunktionierten Synagoge, hatte auch die Familie meiner Mutter gewohnt. Mutter hatte sich in den mageren Kriegsheimkehrer verliebt. „Er war ein Charmeur“ erzählte sie gerne.
Ich glaubte ihr.
Kurz nach meinem achten Geburtstag rief er mich mit seiner feierlichen Weihnachtsstimme ins Wohnzimmer. Es muss ein Sonntag gewesen sein, aus der Küche roch es nach Braten und Gurkensalat.
„ Ich will dir etwas zeigen, Juliana.“
Er stand am Wohnzimmerschrank. In der Hand hielt er ein Buch. Einen Fotobildband, auf dessen Umschlag ein gelber Stern leuchtete. Seite für Seite blätterte er vor mir um. Unverwandt sah ich auf die Bilder. Ich konnte nicht begreifen, dass die lumpigen Berge, die aussahen, wie auf den Haufen geworfene Altkleider, Menschen sein sollten, ermordete Menschen.
„Das darf nie wieder passieren, Juli. Merk dir das, niemals wieder.“
Es klang knautschig und fremd als wäre die Zunge zu groß für seinen Mund. Seine Augen blickten mich eindringlich an, wässrig blaue Glasmurmeln mitten im Weiß der Augäpfel.
Ich nickte stumm. Wie sollte ausgerechnet ich jemals den Tod von Menschen verhindern? Am Abend lag ich im Bett und fürchtete mich, die Augen zu schließen, weil dann die Bilder zurückkamen. Ich hörte Vaters Stimme in meinem Kopf. „Niemals wieder“.
In der nächsten Zeit nahm ich manchmal heimlich das Buch aus dem Schrank. In meinem Bauch kribbelte es,
wenn ich es öffnete und mit schnellen Fingern durch die Seiten blätterte. Ich hoffte, dass das Schreckliche irgendwann verschwände. Doch es blieb unverändert anwesend, auf ewig eingeschlossen in schwarz-weißen Fotos zwischen zwei Buchdeckeln. Wenn ich Mutter danach fragte, versicherte sie, dass man in der Kleinstadt nichts mitbekommen hatte.

Ein einziges Mal unternahm sie einen Ausbruch aus der Ehe. Sie zog mit uns Kindern zu ihrer Mutter, die noch immer in der Synagoge wohnte.
Das Gebäude war aufregend anders als jedes andere Haus, das ich kannte. Eine Freitreppe führte hinauf zu der Haustür aus massivem Holz. Schnitzereien hoben sich davon ab, Symbole und Schriftzeichen, die fremd und geheimnisvoll für mich waren. Im Inneren wartete die kuppelförmige Eingangshalle. Wenn ich sie betrat, wischte die Stille alles andere zur Seite. Mit angehaltenem Atem sank ich in die Umarmung einer Atmosphäre aus Dämmerlicht, Größe und der schweigenden Anwesenheit vergangener Leben. So gegenwärtig schien dieser Raum und gleichzeitig wie der unerforschte Teil einer versunkenen Welt.
Am Ende der Halle führte rechts eine Holztreppe hinauf, von der auf jeder Etage Gänge mit vielen Türen abzweigten.
Meine Großmutter wohnte unter dem Dach. Über ihrer Wohnungstür hing ein ausgestopfter Bussard, der sich an einen verstaubten Ast klammerte. Ich hatte nie zuvor etwas gesehen, das so lebendig wirkte, ohne sich jemals zu rühren. Selbst wenn ich ihn wachsam beobachtete, zeigte der Bussard kein Anzeichen einer Bewegung.
Er sah aus starren Augen ins Leere wie in eine vergessene Zeit.
Aus Omas Küchenfenster stürzte der Blick hinunter auf einen weiträumigen Innenhof. Waschküche, Hühnerstall und ein Schuppen schmiegten sich an eine verwitterte Steinmauer. Dort trafen sich die Kinder zum Spielen. Die großen Mädchen spielten in erregendem Tempo drei kleine Bälle gegen die Wand und fingen sie in einem anmutigen Tanz der Hände wieder auf. Ich versuchte es ihnen nachzumachen, aber immer entglitt mir einer der Bälle und fiel zu Boden.
„ Juli, Juli, die schafft es nie“, sang Heike, die Älteste. Die anderen sangen mit.
Ich hasste sie.

Eine Nacht für Juli Quartalslesung zweiter Teil

Ihr Körper wiegt sich im Rhythmus der inneren Musik. Es fühlt sich an wie das Schaukeln eines Kinderwagens. Einfach die Zeit zurückdrehen, neu aus dem Mutterschoß kriechen in ein frisches, ungeöffnetes Leben. Ob auch Janis sich das gewünscht hätte?
Konfetti aus Erinnerungsfetzen trudelt durch Julis Gehirnwindungen und vermischt sich mit dem Lied.
„Na, sind es bei dir auch die Eierstöcke?“
„Was?“
Sie fährt herum zu der Stimme. Neben ihr sitzt eine junge Frau und raucht. Auf dem Boden verglüht eine Zigarette.
„Sorry“, sagt Juli und tritt die Kippe aus, „muss mir aus der Hand gefallen sein, ich war wohl eingedöst“.
„Zigarette?“ Die andere hält ihr die Schachtel hin.
„Danke.“
„Ich bin Elsa“, sagt die Frau.
Ihre Augen haben die Farbe des Himmels nach einem Sommergewitter. Blonde Locken ringeln sich um ein ovales Gesicht. Nett, denkt Juli.
„Ich bin Juli“, sagt sie, „eigentlich Juliana, aber so nennt mich kaum jemand.“
Elsa streicht sich die Locken aus der Stirn, nickt. „Juli, wie der Monat?“
„Ja, so hab ich mich als Kind genannt, weil ich Juliana nicht aussprechen konnte. Ist irgendwie hängen geblieben.“
Elsa lächelt.
„Ich wollte dich nicht stören, hatte nicht gesehen, dass du schläfst. Und? Sind es die Eierstöcke?“
Sie sieht arglos aus, wie sie da sitzt und mit einer beiläufigen Bewegung die Asche ihrer Zigarette abstreift.
„Nein.“
Juli steht auf und drückt die halb gerauchte Kippe in den Aschenbecher.
„Ich muss aufs Zimmer, gleich ist Visite, war nett, dich kennenzulernen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, geht sie den Gang entlang, dem schlurfenden Geräusch ihrer Schlappen immer einen halben Schritt voraus.
War nett, dich kennenzulernen, denkt sie, als sie in ihrem Bett liegt, was für ein Bullshit.

„Ich will nach Hause“, sagt sie während der Visite.
„Auf eigene Verantwortung, und das frühestens morgen“, antwortet der Arzt und nickt der Schwester zu, die eine Notiz auf ihr Klemmbrett schreibt.
Kurz nachdem Ärzte und Schwestern den Raum verlassen haben, gleitet Juli in einen dumpfen Halbschlaf, aus dem sie hochschreckt, als das Mittagessen gebracht wird. Der Geruch des Rotkohls verursacht einen unangenehmen Druck in ihrem Magen.
„Schokopudding ist mein Lieblingsnachtisch“ sagt die Bettnachbarin. Ihr Blick heftet sich wie Sekundenkleber auf Julis Pudding. Die Augen sehen durch die Brille aus wie die Augen eines Koi-Karpfen.
Juli hält ihr das Schüsselchen hin.
„Hier, nehmen Sie den.“
Die Lippen der Frau verziehen sich zu einem runzeligen Lächeln. Sie greift nach dem Pudding und senkt den Löffel in die Sahnehaube.
„Die Mahlzeiten sind das Einzige, was die Stunden hier voneinander abgrenzt“, sagt Juli.
Der Puddinglöffel hält einen Moment inne, bevor er im Mund der Patientin verschwindet.
Am Abend überwindet sich Juli, eine Scheibe Brot zu essen, mit Käse, der mehr zu werden scheint, je länger sie ihn kaut. Sie spült mit Tee nach, nimmt ihren Tabak und schlurft in den Aufenthaltsraum. Der Raum ist leer, bis auf Elsa, die am Fenster sitzt, raucht und ihr entgegen lächelt. Juli setzt sich neben sie. Sie spürt ein warmes Flattern im Brustkorb.
Wie eine Sternschnuppe. Verglüht, kaum, dass man sie entdeckt hat.

Eine Nacht für Juli Lesung erster Teil

Was, wenn Gott eine Frau wäre?
Juli öffnet die Augen. Der Satz verweht zu einem sanft wabernden Echo und die Vogelfrau, die vor Sekunden noch real zu sein schien, bleibt zurück in ihrer blauen Welt, letzte Impression eines bizarren Traumes.
Die ersten Strahlen der Morgensonne vertreiben den kühlen Atem der Nacht.
Auf dem Nachttisch steht das Frühstück.
Wurst und Käse sehen aus, als ob sie schwitzen. Der Anblick verstärkt die Übelkeit in Julis Magen. Sie trinkt einen Schluck von dem dünnen Kaffee, schließt die Augen, versucht zurückzugleiten in die Zone zwischen Schlaf und Wachzustand.
Als sie kapituliert, fällt ihr Blick auf die Vorhänge vor dem halb geöffneten Fenster. Babyblau. Bescheuerte Farbe, denkt sie.
Ein Lufthauch bauscht den Stoff auf wie ein Segel. Einen Moment stellt sie sich vor, das Krankenhaus wäre ein Boot, mit voller Takelage auf dem Weg in Richtung Horizont, auf und davon.
Juli dreht sich auf den Rücken, den Blick zur Zimmerdecke gerichtet. Sie denkt daran, wie sie als Kind oft auf dem Boden lag und solange nach oben starrte, bis sie das kribbelige Gefühl hatte, mit dem Rücken an der Decke zu kleben. Damals war der Perspektivwechsel leicht gewesen. Sie schließt die Augen, streicht mit den Händen über ihr Gesicht, spürt die Knochen unter der Haut, die Augenhöhlen, die Jochbeine, das Kinn.
Wie verwischt sie sich fühlt, abgenutzt wie ihr Nachthemd.
Eine Liedzeile kriecht in ihre Gedanken,
it’s feeling near as faded as my jeans.
Das trifft es auf den Punkt. Me and Bobby McGee von Janis Joplin. Als sie das Lied zum ersten Mal hörte, war Janis längst tot. Juli war vierzehn gewesen, und die große Stimme der kleinen Janis fuhr ihr unter die Haut. Sie gab der Melodie des Lebens einen Namen.
Blues.
Janis ist am Blues gestorben. Fast hätte sie es laut in den Raum gesprochen. Die Zeitungen hatten damals von einer Überdosis Heroin berichtet. Aber Juli ist überzeugt, dass die Droge nur ein Symptom war. Die Ursache musste eine Überdosis Blues gewesen sein.
Ein krampfartiger Schmerz fährt ihr durch Rücken und Unterleib. Sie spürt das Blut aus sich heraussickern, dreht sich auf die Seite, zieht die Beine an die Brust, umschlingt sie mit den Armen und fühlt sich einen Augenblick geborgen wie ein Fötus in der Gebärmutter.
Langsam ebbt der Schmerz ab. Zurück bleiben ein unangenehmes Ziehen und das drängende Bedürfnis zu rauchen. Juli kramt Tabak und Feuerzeug aus dem Nachttisch und dreht eine dünne Zigarette. Der letzte lauwarme Schluck Kaffee aus ihrer Tasse schmeckt bitter ohne stark zu sein.
Sie verzieht das Gesicht, verlässt das Krankenzimmer, geht, fast ohne die Füße anzuheben, in den Aufenthaltsraum, wo sie sich auf einen der blauen Plastikstühle setzt und die Zigarette anzündet. Ein leichter Schwindel zwingt sie, die Augen zu schließen. Sie überlässt sich der Musik in ihrem Kopf. Da ist nur die Melodie, And I’ll trade all my tomorrow for one single yesterday. Sie will auf keinen Fall in der Klinik bleiben. Nach der Visite würde sie nach Hause fahren.
Ihr Körper wiegt sich im Rhythmus der inneren Musik. Es fühlt sich an wie das Schaukeln eines Kinderwagens. Einfach die Zeit zurückdrehen, neu aus dem Mutterschoß kriechen in ein frisches, ungeöffnetes Leben. Ob auch Janis sich das gewünscht hätte?