Zeit für Prinzen

Der, auf den sie lange schon wartet. Der, der mit ihr in den Sonnenaufgang reiten soll. Jetzt, wo er vor ihr steht, ist da eine seltsame Wundheit in ihrer Seele und ihr Herz hüpft eine Million Mal. So als hätte es Schluckauf. Bis es weh tut. Aber, selbst wenn sie die Luft anhält, hört es nicht auf. Er fordert sie zum Tanz. Sie lächelt wie betrunken. Wenn das Herz so ungestüm hüpft, setzt die Wahrnehmung aus. Der Traum fängt an. Sie tanzen. Und tanzen. Sie dreht sich, bis ihre Füße wund sind. Sie tanzt, bis ihre Beine schmerzen. Sie muss weiter tanzen. Immer weiter. Wie in dem Märchen mit den roten Schuhen. Ihr Prinz schleift sie im Kreis und rund und herum. Sein Lachen klingt wie Rasierklingen. Sein Blick hat jede Sanftheit verloren. Bis sie am Boden liegt. Wie tot. Das Herz so müde, schwer wie rostiges Eisen. Sag, wo ist jetzt der Zauber? Ihr Prinz flieht in den Sonnenuntergang. Die Nacht zieht herauf. Und beim nächsten Prinzen wird gar nichts besser. Der, auf den sie wirklich wartet, kommt nicht auf einem weißen Pferd. Vielleicht kommt er mit dem Bus, mit dem Rad oder zu Fuß. Seine Krone verstaubt in irgendeiner Ecke seiner Zweizimmerwohnung. Wenn er vor ihr steht, hüpft ihr Herz nicht. Es dehnt sich aus. Sie sehen sich an. Ruhig. Die Wundheit der Seele löst sich . Sie nehmen sich bei der Hand. Ihr Herz lehnt sich an seines. Der erste Schritt. Und noch einer. Am Nachthimmel blühen Sterne. Sie gehen, teilen sich miteinander, ihr Licht, ihre Dunkelheit. Es ist der Moment. Sie weiß es und sie pfeift auf den Sonnenaufgang.

Im Leben verorten

Dieser schrille Ton, der das Gehirn fast zersprengt. Aufwachen, den Kopf drehen, die Geräuschquelle suchen. Neben mir auf dem Tisch, ein schwarzes Ding. Den Schalter drücken.  – Stille –  Die Hirnhaut kommt zur Ruhe, eine sanft ausschwingende Membran. Ich fühle mich wie ein verstimmtes Klavier in der Wüste. Sperrig, nutzlos, fehl am Platz. Zögernd steige ich aus dem Bett. Die nackten Füße berühren den Boden. Holz auf Holz, denke ich. Vor dem Fenster schreien Krähen ein misstönendes Lied in den grauen Himmel. Ein Montagmorgen im Februar. Verorten im Leben.

Jakobs Christkind

Jakob kann nicht einschlafen.
Er denkt an morgen. Er verspürt so ein kribbeliges Freudegefühl.
Wie soll denn dabei das Einschlafen funktionieren?
Morgen ist Weihnachten. Da kommt das Christkind und bringt Geschenke für Jakob. Vielleicht einen großen Bagger, oder sogar das Feuerwehrauto, das er im Fernsehen gesehen hat. Richtig fahren konnte das. Der Junge im Fernsehen hat auf einen Knopf gedrückt und hui ist das Auto tatü tata losgebraust. So eines wünscht sich Jakob. Dann wird er ein richtiger, toller Feuerwehrmann sein. Jetzt, wo er daran denkt, kann er erst recht nicht mehr einschlafen.
Er öffnet die Augen.
Im Zimmer ist es nicht so dunkel wie sonst. Draußen schneit es. Dicke Flocken stupsen gegen die Fensterscheibe. Der Garten ist zugedeckt mit einer glitzernden, weißen Schneedecke. Es sieht aus, als flimmerten darauf winzige blaue, rote und gelbe Lichter. Jakob klettert aus seinem Hochbett und tapst zum Fenster. Das Schneegestöber wird immer dichter. Schön sieht das aus. Über der Terrassentür des Nachbarhauses hängt ein Stern, der abwechselnd rot, gelb und blau aufleuchtet.
Ob die tanzenden Lichter im Schnee von dem Stern kommen?

Jakob will es genau wissen. Er zieht seinen Schneeanzug an, schlüpft in die warmen Winterstiefel und wickelt sich seinen bunten Lieblingsschal um den Hals. Den hat die Oma für ihn gestrickt. Er ist weich wie das Fell von Titus, dem Kater. Am Haken hängt die rote Wollmütze. Jakob findet, dass sie sich kratzig anfühlt. Mama sagt, das wäre Quatsch. Mama muss die Mütze ja auch nicht aufsetzen.
„Jakob, setz deine Mütze auf“, sagt sie immer und dann streiten sie ein bisschen und am Ende gewinnt Mama. Aber sie schläft jetzt.
Jakob kann tun, was er will.
Er klatscht in die Hände. Lacht, die Augen leuchtend wie blaugrüne Glasmurmeln. Er öffnet die Tür, dreht sich noch einmal um, sieht die Mütze, die einsam am Haken baumelt, geht zurück, nimmt Mütze und Handschuhe, steckt sie in die Taschen seines Schneeanzugs. Vielleicht braucht man ja doch eine Mütze, wenn man nachts in den Garten geht und es so stark schneit.
Im Haus ist es sehr still. Nur das Ticken der  alten Standuhr im Wohnzimmer ist zu hören. Papa und Mama liegen schon lange im Bett.
Jakob ist ganz alleine wach.
Das ist noch nie passiert, aber heute ist eben ein besonderer Abend, der Abend, bevor das Christkind kommt. Da kann alles passieren. Vorsichtig tastet Jakob sich durch den dunklen Flur zur Gartentür. Beinahe wäre er über den Schirmständer gestolpert. Puh, das hätte einen Krach gegeben.
Die Tür zum Garten quietscht beim Öffnen. Es hört sich an wie Titus, als Mama ihm einmal auf den Schwanz getreten ist. Ob das Quietschen sie aufgeweckt hat?
Jakob bleibt stehen wie ein Denkmal.
Im Haus ist es immer noch still. Glück gehabt. Leise huscht er hinaus vor die Tür. Schneeflocken schweben ihm ins Gesicht. Er fängt ein paar von ihnen mit der Zunge auf. Sie werden zu kleinen Wassertropfen, die ganz anders schmecken als Regen oder Wasser aus dem Wasserhahn. Sie schmecken nach Winter, nach Sternenluft.
Jakob sieht die Lichter des bunten Weihnachtssterns auf der zugeschneiten Wiese tanzen. Der Schnee glitzert, eine große helle Fläche, die noch niemand betreten hat. Langsam macht Jakob den ersten Schritt ins Weiß und wieder einen und noch einen, eine lange Spur von Schritten bis zum Holunderbusch.
Was ist das?
Dort hinten, hinter dem Apfelbaum, nahe an der Hecke, da, wo das kleine Gartentor ist, da hat sich doch etwas bewegt.
Er macht noch zwei Schritte, versucht zu erkennen, was da ist. Jemand steht dort und sieht zu ihm herüber. Seine Augen gewöhnen sich allmählich an die Dunkelheit. Es sieht aus, als stünde ein Kind an der Hecke. Er schleicht ein Stückchen weiter, hält wieder an. Ja. Es ist ein Kind. Etwas kleiner als Jakob. Es steht ganz still. Er geht noch näher heran. Jetzt sehen sie sich an, Jakob und das andere Kind, ein Mädchen in einem hellen, dünnen Kleid.
„Ist dir nicht kalt“, fragt Jakob. „Du hast keine Jacke an.“
Das Mädchen sieht ihn an, ihre Augen dunkel wie die Augen von Jakobs Lieblingsteddy. Er geht noch ein Stückchen näher und streckt die Hand aus. Das Mädchen weicht einen Schritt zurück, starrt ihn weiter an.
„Hallo, ich bin Jakob“.
Sie klatscht in die Hände und sagt etwas in einer Sprache, die Jakob nicht versteht.
„Ich dachte, du bist das Christkind“, antwortet er. „Du hast so ein schönes Gesicht. Und deine Haare und deine Augen leuchten.“ Er lächelt, hält dem Mädchen weiter die Hand hin. Sie legt ihre Hand in seine. Ganz kalt fühlt sie sich an. Jakob zieht seine Handschuhe aus der Tasche. Den einen stülpt er ihr über die kalte Hand. Dann hält er ihr den anderen hin und macht Zeichen, dass sie ihn nehmen soll. Sie zögert kurz, nimmt den zweiten Handschuh und zieht ihn an.
„Shirin“, flüstert sie, „ich Shirin.“ Dabei tappt sie sich mit der Hand auf die Brust.
Jakob versteht.
„Jakob“, sagt er und zeigt mit dem Finger auf sich „ich bin Jakob“.
Das Mädchen lächelt.
Jakob merkt wie sein Mund mit lächelt. Shirin nimmt seine Hand und zieht ihn durch das kleine Gartentor. Dahinter liegt die große Wiese vom Turnverein. Das Mädchen zeigt auf die Turnhalle am anderen Ende.„Shirin da geht“ sagt sie.
„Du musst in die Turnhalle gehen?“
Sie nickt, sagt wieder einen langen Satz in der fremden Sprache. Dann lässt sie seine Hand los und geht weiter, auf die Turnhalle zu. Jakob sieht ihr einen Moment nach.
„Warte, ruft er dann und läuft hinter ihr her „Shirin, warte.“
Sie dreht sich um. Ihre Locken sehen ein bisschen nass aus, viele Schneeflocken haben sich darauf niedergelassen. Jakob nimmt seinen bunten Strickschal ab, wickelt ihn behutsam um Shirins Hals. Sie lacht. Da zieht er noch die rote Wollmütze aus der Tasche und setzt sie auf ihren Kopf.
„Das Christkind soll nicht frieren“ sagt er und umarmt Shirin. Es fühlt sich an, als könnte sie kaputtgehen, wenn man nicht aufpasst, leicht und dünn wie ein kleiner Vogel. Sie schlingt ihre Arme um Jakob und küsst ihn erst auf die eine, dann auf die andere Wange.
„Ma’ as Salama “, flüstert sie.
Dann läuft sie flink in Richtung Turnhalle. Jakob sieht so lange hinter ihr her, bis sie nicht mehr zu erkennen ist. Seine Augen brennen ein bisschen vom langen Hinsehen. Langsam dreht er sich um und geht zurück über die Wiese. Seine alten Fußspuren sind vom Schnee verwischt. In seiner Brust hat er ein flatteriges Gefühl, warm und schön.
„Das Christkind heißt Shirin“, flüstert er als er zurück ins Haus geht.

Foto/ ferdelans2008 on Pixabay

Ohnmacht

November. Gelsenkirchen Hauptbahnhof. Später Nachmittag. Das Hamsterrad des Feierabendverkehrs dreht sich. Viele müde Menschen. Kauflustige Hausfrauen, Rentnerinnen, die kleine Hunde an langen Leinen hinter sich herziehen und Männer aller Altersgruppen mit Aktentaschen oder Rucksäcken. Leere Blicke. Finger die über Smartphones wischen. Jugendliche mit Musikstöpseln in den Ohren. Alltag.
Ich schwimme mit dem Strom Richtung Bahnhofsgebäude, vorbei am Drogeriemarkt, neben dessen Eingangstür eine Holzbank zum Ausruhen einlädt. Ob ich mich setzen soll? Mein Bedürfnis, nachhause zu kommen ist größer als meine Lust auf eine kurze Pause mitten im Getümmel. Wenige Schritte nachdem ich die Bank hinter mir gelassen habe, höre ich eine heisere Frauenstimme hinter mir schreien
„Untersteh dich, noch mal abzuhauen!“
Begleitet von Kinderweinen.
Ich drehe mich um. Auf der Bank ein Junge, vier oder fünf Jahre alt vielleicht. Die schreiende Frau ragt über ihm auf. Ihre Hände fahren durch die Luft, landen immer wieder in dem Kindergesicht. Sie brüllt, dass ihre Stimme fast überschnappt.
Ich stehe eine Sekunde starr. Verdammt, das ist ein Kind. Ich setze mich in Bewegung. Als ich die Bank erreiche, spricht bereits eine andere Passantin die Frau an.
„Hören sie auf, das Kind zu schlagen. Das geht gar nicht.“
„Kümmern Sie sich um ihren eigenen Kram“ brüllt es zurück und die Angesprochene rennt in den Drogeriemarkt. Die Passantin, eine junge Frau mit langen, braunen Haaren und einem bunten Strickschal geht vor der Bank in die Hocke, redet leise mit dem weinenden Kind. Der Junge schluchzt und starrt auf den Boden. Ich sehe wie die Schlägerin sich noch einmal umdreht, zurück gerannt kommt, schreit:
„Und das soll jetzt okay sein, sich an den Jungen ranmachen und sich in fremde Angelegenheiten einmischen?“
„Klar mische ich mich ein“, antwortet die Junge. „Sie haben das Kind geschlagen. Das ist es, was nicht in Ordnung ist.“
„Das geht Sie gar nichts an. Ich hatte schon meine Gründe.“
„Für so was gibt es keinen Grund“, sage ich jetzt.
„Was wollen Sie denn, sich auch noch um Sachen kümmern, die Sie nichts angehen?“ keift die Frau mich an und setzt sich neben den Jungen auf die Bank. Aus wässrig blauen Augen sieht sie uns an. Ich schätze sie auf Mitte fünfzig. Ihre Haare sind schulterlang und strohig vom Blondieren.
„Ich seh mir doch nicht an, wie Sie auf Ihr Kind einschlagen“ antworte ich.
„Das ist nicht mein Kind.“
„Umso schlimmer“, ruft eine Passantin mit blauem Kopftuch, die ebenfalls stehen geblieben ist.
„Ich rufe das Jugendamt an“, eine andere.
„Halten Sie sich da raus“, brüllt die Frau auf der Bank.
Ihr Credo.
Der Junge weint leise in sich hinein, die braunen Augen starr geradeaus gerichtet. Unter seiner Strickmütze lugen ein paar dunkle Haarsträhnen hervor. Die Frau mit dem bunten Schal streicht ihm über die Schulter. Er hält beide Hände zwischen die Knie gepresst. Rote Flecken leuchten auf seinen Wangen. Zeichen der Ohnmacht.
„Ich bin vom Jugendamt“, höre ich eine Stimme hinter mir, drehe mich um. Da steht eine Frau mit Smartphone in der Hand.
„Die Polizei ist unterwegs“, sagt sie. „Hat jemand gesehen, wie das Kind geschlagen wurde?“
Sie blickt in die Runde der Passanten. Einige nicken.
„Ich hab den Jungen nicht geschlagen“, kreischt die Blonde und springt von der Bank, das Kind am Arm hochziehend.
„Los jetzt, wir gehen.“
Sie zerrt den Kleinen mit sich, versucht im Strom der Einkäufer unterzutauchen. Drei Frauen hasten hinter ihr her. Ich sehe ihnen nach wie sie in die Fußgängerzone einbiegen. Von rechts kommt ein Polizeiwagen. Die Frau vom Jugendamt spricht kurz mit dem Fahrer. Der Wagen schiebt sich wie ein Keil in die Menge hinter der Blonden her.
Die Jugendamtsmitarbeiterin kommt auf mich zu.
„Haben Sie gesehen, wie das Kind geschlagen wurde?“
Ich nicke.
„Würden Sie mir Ihren Namen und Ihre Telefonnummer geben und bezeugen, dass die Mutter den Jungen verprügelt hat? Die anderen Zeugen sind ja alle hinter ihr hergelaufen.“
Ich nicke, nenne ihr meine Daten und erzähle, was ich gesehen habe.
Eine halbe Stunde später im Zug. Mein Handy klingelt. Die Polizei, die nach meinen Beobachtungen fragt.
Die Bahn ist voll. Ich stehe im Gang, sehe während ich rede, dass mehrere Fahrgäste zuhören.
„Ich stehe in einer brechendvollen Bahn“, sage ich zu der Beamtin. Jetzt wissen hier alle Bescheid.“
Manche Fahrgäste grinsen. Die Beamtin bedankt sich und wünscht mit einen schönen Abend. Na ja.
„Bei Kontonummer und Geheimzahl, sollte man Schluss machen“, sagt ein Mann neben mir und lacht. Ich versuche mitzulachen, aber es gelingt mir nicht so richtig. Ich fühle mich hilflos. Wie die schlagende Frau? Wie der kleine Junge? Nein, ich bin nicht so ausgeliefert wie er. Jemand, der so klein und hilflos ist wie er, sollte nicht ausgeliefert sein. So viel Ohnmacht.
Verdammte Welt.

nature love

Der Himmel glüht seit Stunden brennend blau und trunken vor Sonne. Hitze umfängt die Erde, brandet gegen Pflanzen und Tiere in wabernden Wellen aus Luft.
Mittagswucht.
Kein Luftzug schenkt Kühlung, jede winzige Feuchtigkeit scheint aus der Erde gesogen zu werden, aufzusteigen, sich dem Himmel in einem feuchtwarmen Dunst entgegen zu recken gleich einem geöffneten Mund, der sich zum Kuss darbietet.
-Stille-
nicht einmal das Summen von Fliegen.
Spannung baut sich auf, steigt von Minute zu Minute, in der Erwartung einer kommenden Entladung, Muskeln gleich, sich mit ungeheurer Kraft beinahe schmerzlich zusammenziehend.
Himmel und Erde scheinen einen geheimen Dialog zu führen, ähnlich dem atemlosen Flüstern zweier Liebender, die der ersten Berührung entgegenfiebern.

Die Natur wartet in verhaltenem Beben.

Dunkle Wolken ballen sich am Himmel zusammen zu einer gigantischen, fast schwarzen Wand, die nahezu alles zu überkuppeln scheint, sich unaufhaltsam voranschiebt, als wolle sie die ganze Erde umfangen in ihrer stürmischen Umarmung.
Wind kommt auf, streicht über Büsche und Bäume. Sie zittern wie unter der Berührung eines Geliebten.
Das vertraute Tschilpen der Spatzen ist verstummt. Erstes Wetterleuchten zeigt sich am Horizont, formt sich zu einem grellen Blitz, gefolgt von Donnergrollen.
Die Spannung steigt. Die Erde scheint sich dem Himmel entgegenzurecken, sich zu biegen, eine Geliebte, die dem Höhepunkt der Lust zustrebt.
Erste schwere Tropfen lösen sich aus der schwarzen Wolkenkuppel. Blitze und Donner steigern ihren wirbelnden Tanz zu einem atmosphärischen Crescendo, bis endlich der Himmel überfließt, sich in einem prasselnden Schauer auf die Erde ergießt, die Grenzen aufzulösen scheint, sich mit ihr vereinigt, sie durchtränkt und durchdringt in einer gewaltigen Ejakulation.
-Erlösung-
In gemeinsamem Erschauern scheinen Himmel und Erde sich zu wiegen und zu winden bis das Grollen in der Ferne verblasst zu einer Art stotterndem Summen, der Regen in leichtes Tröpfeln übergeht und schließlich ganz versiegt.

Entspannung, Ruhe, Erfüllung.

©gabi m. auth

Die fünfte Dimension

Es gibt keine Zukunft, nur Entwicklungsmöglichkeiten des Jetzt, immer wieder jetzt.
Wenn ich zurückblicke, sehe ich den Weg, den ich zurückgelegt habe. Die Parameter der Vergangenheit sind gefärbt durch den Filter der Erinnerung.
Ich kann nicht erkennen, wie andere Entscheidungen den Verlauf meines Weges hätten ändern können. Und ich weiß nicht, ob er mich vielleicht genau an denselben Punkt geführt hätte, an dem ich stehe, möglicherweise mit essentiell denselben Erfahrungen.
Wenn ich nach vorne sehe, erkenne ich die Entscheidungen, die ich genau jetzt treffen kann. Nicht aber, wie und wohin sie mich führen werden.
Ich weiß, dass ich geboren wurde, und dass ich sterben werde.
Das erste entzieht sich meiner Erinnerung, das zweite meiner Vorstellung.
Das einzige, das ich gleichzeitig weiß und erlebe, ist, dass ich bin, jetzt, in diesem Moment.
Wenn ich jede Sekunde annehme als ein Geschenk des Universums an sich selbst, erlebe ich das Wunder des Seins.
Die fünfte Dimension ist die Liebe.

Schuld

Es ist einer dieser vernieselten Tage, an denen die Feuchtigkeit unter die Haut kriecht.
Sie sind etwas zu spät losgefahren zu ihrem Treffen mit den Freunden. Das Auto ist prall gefüllt mit ihrem Stress, ihrer Hast, ihrem Ärger. Der Mann fährt in schnellen Spurwechseln, andere Wagen überholend. Auf nassen Schienen. Den Blick etwas verbissen geradeaus gerichtet, als wolle er die Zeit in ihre Schranken weisen. Im Magen seiner Beifahrerin kreist ein seltsames Gefühl, wirbelt nach oben, verengt sekundenlang ihre Brust, bevor es sich in einem lauten Ausruf Ausdruck verschafft: „Langsamer!“
Aus den Augenwinkeln streift sie sein verständnisloser Blick. „Aber wir kommen zu spät.“
Die Stresswolke wabert um ihre Köpfe. Eine seltsam zeitlose Spannung breitet sich im Fahrzeug aus, dringt durch die Ritzen nach Außen, umgibt die beiden Menschen und ihre Fahrt wie ein magnetisches Feld. Es ist diese Art von Spannung, aus deren Fahrwasser schwer auszusteigen ist.
Das im Paar im Auto schweigt. Kurz vor dem Ziel. Der Blick des Mannes ist zur Seite gerichtet, am Gesicht der Frau vorbei. Er beobachtet ein Ereignis auf dem Gehweg, während das entscheidende Ereignis liegt vor ihm. Ein abrupt zum Stillstand kommender Ford Corsa
„Was machst du da?“ schreit die Frau.
Sein Kopf fährt herum. Seine Augen weiten sich.
„Einen Unfall“, antwortet er, als sprächen sie übers Wetter. Steht die Zeit, oder rast sie?
Mit einem fast sanften Stoß prallen sie auf den Corsa, schieben den kleinen Opel mit ihrem schweren Passat Kombi in eine BMW Limousine.
Stillstand. Stille.
Der Fahrer des Corsa hebt die Arme über den Kopf. Wie hilfesuchend. Wie in einem Aufschrei. Dann lässt der Schock seinen ganzen Körper zittern, einem epileptischen Anfall nicht unähnlich.

Der Fahrer des Passats sprintet zu dem Opel, spricht mit dem Geschockten. Der fuchtelt mit beiden Armen in der Luft. Krächzende, unverständliche Laute stürzen aus seinem Mund. Wo sein Kehlkopf sein sollte, befindet sich ein Loch mit einem Kunststoffeinsatz, wie ein kleines Rohr, mitten in seinem Hals.
„Wir brauchen einen Notarzt“, brüllt der Fahrer des Kombis seiner Frau zu. Sein Schrei gellt über die Straße zu den Zuschauern, die sich eingefunden haben, zerplatzt an ihren neugierigen Blicken.
Manchmal ist das Handy Gold wert, denkt die Frau, während sie der Feuerwehr ihren Standort durchgibt. Ihr Blick wandert über ihren lädierten VW Passat.
Ganz verbogen und zerbeult sieht er von vorne aus. Wie ein ausgeknockter Preisboxer mit blutender Nase. So sehen Autos in James Bond Filmen aus, wenn sie bei einer Verfolgungsjagd, einmal um die eigene Achse gedreht auf der Strecke bleiben. Sie fragt sich, warum sie sich nicht ärgert.
Den grauen Corsa hat es übel erwischt.  Unheilbar beschädigt sieht er aus. Der Aufprall hat ihn zwischen den beiden großen Fahrzeugen wie in einem Sandwich zusammengequetscht. Ein monumentaler Blechburger. Nur der BMW wirkt unversehrt.
Typisch, denkt die Frau und steckt ihr Handy wieder ein.
Ihre Gedanken taumeln. Eigenartig, denkt sie, wie nach so einem Unfall alle dastehen und den Ablauf rekonstruieren. Als ließe sich durch eine möglichst genaue Wiedergabe des Geschehens etwas an den Tatsachen ändern. An den Tatsachen, dass hier drei Pkws stehen, von denen zwei schrottreif sind. Unfallbeteiligte diskutieren mit Zeugen, so als könnte man alles noch einmal zurückdrehen, wenn man es nur genau erforscht und durchleuchtet. Was dabei besonders wichtig zu sein scheint, ist die Suche nach dem Schuldigen.
Der „Hauptschuldige“ lautet das magische Wort, das alles gerade rücken soll.
Jeder versucht den Ablauf zu verstehen. Fragen schwirren durch die Nieselregenluft.
„Warum hat da vorne einer so plötzlich angehalten? Warum hat der im selben Moment, in dem er blinkte, schon beinahe gestanden? Warum ist der dann einfach abgehauen, als hätte er mit dem ganzen Geschehen hinter sich nichts zu tun?“
„Ich hab dessen Autonummer gar nicht gesehen, sagt die junge Frau, die in dem BMW saß. Sie fischt eine Zigarette aus der Schachtel, die ihr Freund ihr hinhält. Beide zünden sich eine Kippe an. Er legt den Arm um sie, streicht ihr unbeholfen über die Schulter.
„Eigentlich war der an allem Schuld“, sagt er, „erst hält der so abrupt an und dann haut er auch noch ab.“
Er zieht er an seiner Zigarette.  Sein Gesicht sieht blass und angespannt aus.
Das Paar steht Arm in Arm am Straßenrand wie von irgendwem vergessen.  Sie sehen aus wie zwei ratlose Kinder, denkt die Frau des Passatfahrers und setzt sich auf den Boden. Wie weit entfernen sich Menschen in ihrem Leben für gewöhnlich von dem, was sie als Kind waren?
Wenn sie etwas aus ihrer Routine reißt, wenn Ereignisse in ihrem Leben sie verunsichern, stehen sie oft hilflos da und lassen das Geschehen Revue passieren, versuchen zu verstehen, und einzuordnen. Es scheint, als würde von der Zuordnung eines Ereignisses ein Schutz ausgehen, eine gewisse Sicherheit. Das verstehen wollen, das einordnen wollen ist noch dasselbe wie in der Kindheit, doch die Taten haben sich unendlich weit davon entfernt. Wie lässt sich Hiroshima begreifen und einordnen, wie Auschwitz, Vietnam oder Gaza?
Die Suche nach Schuldigen ändert nichts daran, sie erhöht nicht wirklich das Verstehen. Trotzdem schieben die Menschen die Schubladen in ihren Köpfen befriedigt zu. Hauptschuld zugeordnet, etikettiert. Das Leben geht weiter wie gehabt.

Die Polizei und ein Rettungswagen sind eingetroffen. Sanitäter kümmern sich um den Fahrer des Corsa. Der Fahrer des Passats spricht mit den Polizisten. Alles folgt der bekannten Choreographie eines Verkehrsunfalls.
Die Frau sitzt am Straßenrand und schweigt.

Unfalltagebuch 3 Hundert Teile

Ich höre Stimmen in dem Grau. Eine fragt mich, wie ich heisse, wann ich geboren bin und was passiert ist. Ich weiß gar nichts, aber ich antworte und lasse mich wieder in den Nebel sinken. Irgendwann gehen meine Augen auf, als hätten sie das verdammte Recht, mich in den Schmerz zurückzuholen. Ich liege auf einer schmalen, fahrbaren Bahre, die in einem leeren, engen Gang steht, der mich an einen Kellergang erinnert, aber okay, ich bin nicht zurechnungsfähig, wahrscheinlich ist es nur irgendein dröger Krankenhausflur. Aber warum ist niemand hier bei mir? Wo ist T? Ich rufe in den Gang. Meine Stimme klingt seltsam fremd und verwaschen in meinen Ohren.
„Hallo. Ist da jemand?“
Nichts.
Und noch einmal: „Hallo“.
Schritte nähern sich, ein Mann in einem weißen Kittel bleibt vor meiner Bahre stehen.
„Wo ist mein Mann? Er müsste doch längst hier sein.“
„Wenn er kommt, bringen wir ihn sofort zu Ihnen.“
„Aber, er müsste längst hier sein. Bitte fragen Sie an der Anmeldung, ob er hier ist.“
„Wenn er kommt, schickt man ihn direkt hierher.“
„Kann ich dann was zu trinken haben?“
„Später, auf der Station.“
Schritte entfernen sich. Mist, das kann doch nicht so schwer sein. Ich hab doch nicht nach Brad Pitt und Champagner gefragt. Mag ich sowieso beides nicht. Ich wollte Wasser und T. Das war alles. Ich schließe die Augen und versuche wieder wegzutreiben ins Kunterbunt. Keine Chance. Okay, dann eben nicht, aber die Augen lasse ich trotzdem zu. Ich will nicht aufgebahrt in diesem leeren Gang liegen und an die Decke starren. Klingt das nach einem Sumpf aus Selbstmitleid? Ist mir egal, ich hab einen Gummiarm, der in einem komischen grauen Fixiergurt steckt wie in einer Zwangsjacke. Ich hab keine Ahnung, wann die mich in dieses Ding gesteckt haben.
Ich hasse es jetzt schon.
„Hallo“, rufe ich noch einmal ins Leere. Keine Antwort. Ich werde jetzt nicht heulen, wenn die Trockenheit aus meinem Mund sich in meinem ganzen Körper breit gemacht hat, hab ich sowieso keine Tränen. Ich bin eine verdammte Wüste.
Endlich höre ich Schritte, die nicht nur irgendwo da hinten über den Flur huschen. Es klingt wie mehrere Personen. Sie kommen näher. Ich öffne die Augen, blinzele in den dämmrigen Gang. Da ist er, T kommt auf mich zu, neben ihm ein Mann in einem weißen Kittel. T streicht mir übers Gesicht. „Die Polizei wollte noch so viel wissen“, sagt er.
Ich hab Tränen in den Augen. Doch keine Wüste. Ts Augen glänzen auch ziemlich feucht. Der Mann im weißen Kittel beugt sich über mich. Er hat ein rundes, lächelndes, schwarzes Gesicht. „Ich bin der diensthabende Arzt“, stellt er sich vor. „Sie haben sich ganz schön die Schulter zerlegt, hundert Teile, würde ich sagen.“ Er lacht. „Aber das kriegen wir wieder hin. Jetzt kommen Sie erst mal auf die Station und morgen entscheiden wir, wann wir Ihre Schulter zusammenschrauben.“ Ich verstehe nur zerlegt und hundert Teile. Shit.
„Kann ich bitte etwas zu trinken haben?“ frage ich, mein Dauermantra seit dem Unfall.
„Auf der Station“, sagt der fröhliche Doc. War irgendwie klar. Ich werde nicht mehr danach fragen. Ich hab den Unfall überlebt, ich werde auch die Dürre danach überleben. Eine Schwester bringt ein richtiges Bett. Mit vereinten Kräften schaffen wir mich von der Bahre dort hinein. Wunderbar. Sie schiebt mich in den Fahrstuhl, durch den Stationsflur, in ein leeres Zimmer. T hält auf dem Weg meine Hand. Sie ist warm wie immer. Wie oft habe ich mich eigentlich schon in ihn verliebt?
Auf dem Nachttisch neben meinem Bett steht eine Flasche Mineralwasser. T gießt mir etwas in ein Glas. „Alles wird gut“, sagt er. Ich trinke. Dieses unbeschreiblich köstliche Kribbeln der Kohlensäure.
Ich weiß, dass er Recht hat. Alles ist gut.

Bunte Schläuche – Unfalltagebuch 2

Schnell in die Jacke geschlüpft, Helm auf, auf den Roller geschwungen und los. Ich mag meinen speedigen, blauen Piaggio, wenn er gut drauf ist, schnurrt er wie eine mechanische Riesenkatze und der Tacho steigt bis auf hundert km/h.
Er ist gut drauf, die Strecke durch den Stadthafen reine Poesie, Rollerblues in der späten Nachmittagssonne. Am rechten Straßenrand erstreckt sich eine wilde Industriebrache. Ich sehe aus den Augenwinkeln einen Fasan im Gebüsch verschwinden. Ich lache. Ein Fasan mitten im Ruhrpott, im Industriehafen. Das ist so tolkienesk.
Ui, ich fahre mal wieder zu schnell, viel zu schnell. Ich bin spät dran. T und ich sind an der Bank verabredet, wir haben einen Termin bei der netten Frau A, die seit Jahren unsere Kontoführung macht.
Die Straße liegt vor mir wie eine Landebahn, niemand außer mir unterwegs, also, was soll’s? Ich gebe mich dem Rausch des Fahrens hin, der mir den Verstand jedes Mal rückstandslos durchpustet, aufräumt und ein paar kleine Alphawellen freisetzt.
Laut singend lenke ich meinen Roller über die Bahn „ Load up on guns and bring your friends. It’s fun to lose and to pretend.  She’s over-bored and self-assured. Oh no, I know a dirty word. Hello, hello, hello, how low……”
Nirvana, smells like teen spirit.
Hier ist keiner, hier hört mich keiner und wenn doch, auch egal.
Der verdammte Cobain hätte sich nicht umbringen sollen. Ist doch bullshit, sich einfach so die Kugel zu geben.
Das Hafengebiet liegt hinter mir, ich fahre brav fünfzig, na gut, sechzig, bin fast da, sehe T schon vor der Bank stehen, biege von der Vorfahrtstraße rechts in eine kleine Straße ein und brettere mit zu viel Gas auf den Gehweg. Krach, titscht mein Roller gegen die Hauswand. Eine ältere Frau kommt vorbei. „Hui“, sagt sie, „ das war wohl was heftig, da hätte leicht was passieren können“.
Ich lache und schüttele den Kopf. „Geht schon“, sage ich. Ist ja gut gegangen.“
Insgeheim ärgere ich mich.
T hat alles beobachtet, kommt auf mich zu. „Du unverbesserliche Kamikaze-Braut, du musst echt besser aufpassen.“
Ich seufze und nicke. Mein kleiner Piaggio hat Kratzer an der Frontverkleidung. An der Hauswand sehe ich eine blaue Lackspur wie eine missglückte Unterschrift. Unlustig. Ich stehe heute nicht nur eindeutig unter Strom, sondern irgendwie auch neben mir.
Frau A, unsere Konto-Fee, ist nett wie immer, und sie hat Recht, dass ich eine Rentenlücke schließen muss. Wer denn nicht? Ich unterschreibe für das Auffüllen der Lücke, wir verabschieden uns und ich stehe mit T vor der Bank.
„Trinken wir noch irgendwo einen Kaffee“, frage ich
„Ich will lieber direkt nach Hause, bin völlig platt von der Arbeit“, antwortet er.
Ich küsse ihn und sage, dass ich noch fürs Abendessen einkaufen werde.
„Bis gleich“.
T steigt in sein Auto, ich setze den Helm auf, schwinge mich auf den Roller, starte den Motor (ich liebe dieses Geräusch, wenn der Motor anspringt). Der Piaggio ist beim Anfahren ein echter Sprinter. Ich biege links in die Vorfahrtstraße ein, rechts an der Haltestelle steht ein Linienbus, ich höre lautes Hupen, sehe im selben Moment einen dunklen BMW vor mir. Ganz genau vor mir. Wo kommt der plötzlich her? Ich meine, der kommt von rechts, klar, aber warum zum Teufel hab ich den nicht früher gesehen?
Bremsen, bremsen…
Sind die Dinger kaputt? Der Piaggio rutscht weiter Richtung BMW. Ich werd dem in die hintere Seite fahren, keine Chance. Es knallt. Ich weiß nichts mehr, liege auf dem Boden, neben mir mein rechter Arm, der aussieht wie ein verdammter Gummiarm. Der ist doch noch dran, oder? Jemand muss mir den Helm abgenommen haben, irgendein Passant, von denen inzwischen mehrere um mich herumstehen.
Mist, mein Shirt ist hoch gerutscht, denke ich und frage mich, wie ich das in diesem Moment wichtig finden kann. Na und, dann ist mein Bauch halt nackt. Einer der Passanten nimmt meinen rechten Arm und will ihn mir auf die Brust legen. Anscheinend will er mich in die stabile Seitenlage bringen. Millionen Schmerzgeschosse fetzen in meine Schulter, ich schreie, brülle den Typen an: „Nein! Nicht anfassen, nicht anfassen, der Arm ist kaputt“.
Er lässt mich los. Okay, mein Arm sieht aus wie Gummi, ich kann ihn nicht bewegen, aber er ist offensichtlich noch dran.
„Krankenwagen ist unterwegs“, sagt eine Stimme irgendwo links über mir. Ich drehe den Kopf, sehe hoch. Ein Mann steht da, und ein Stück weiter vorne liegt mein Roller.
Oh Gott, T ist auf dem Weg nach Hause und hat keine Ahnung.
„Bitte ziehen Sie den Schlüssel und schließen den Sattel auf. Da ist meine Tasche drin“:
Der Mann nickt mir beruhigend zu. „Alles in Ordnung“, sagt er, „an die Tasche geht keiner dran.“
„Nein, darum geht es nicht. Bitte schließen Sie auf. Mein Handy, holen Sie mein Handy raus. Ich will meinen Mann anrufen.“ Verdammt, ist das anstrengend. Der Typ hat mich zum Glück verstanden. Ich sehe ihm dabei zu, wie er meine Tasche herausnimmt und nach dem Smartphone sucht. Jetzt hat er meine Dose mit Bachblütenbonbons in der Hand. Notfallbonbons. Also, wenn dies hier kein Notfall ist.
„Ja“, rufe ich „ja, bitte, geben Sie mir eins von den Bobons aus der Dose“.
Er steckt mir ein Bonbon in den Mund. Das wird den Arm nicht richten, aber es lindert die Mundtrockenheit und überhaupt, wozu hab ich die Dinger schließlich?
Er hat jetzt mein Handy gefunden. Ich verrate ihm meine Pin und sage, dass er in den Kontakten nach T mobil suchen soll. Er wählt. „Ihre Frau will Sie sprechen“, sagt er. Dann gibt er mir das Handy. Ich fühle mich ganz ruhig. Vielleicht liegt das an dem Notfallbonbon, oder daran, dass ich Ts Stimme höre.
„Was ist passiert?“
„Ich hatte einen Unfall.“
„Wo?“
„Vor der Bank“.
„Ich bin in drei Minuten da“.
Ich lasse das Smartphone aus der Hand gleiten und schließe die Augen. T wird gleich bei mir sein. Ich bin nicht alleine.
Ein Sanitäter kniet sich neben mich und tastet mein Becken ab, drückt meinen Bauch und fragt, ob das weh tut.
„Nur der Arm“, sage ich, „ich bin okay, nur der rechte Arm ist kaputt“.
Ein anderer Sanitäter legt mir eine Halskrause an. Verdammt, will der mich erwürgen? Mir reicht es so schon, ich brauch nicht noch so ein Ding um den Hals. Panik.
„Machen Sie das bitte weg.“
„Das muss dran bleiben.“
Ich fummele den Verschluss von dem Mörderteil auf. Ist das mein Körper oder seiner?
Er schiebt meine Hand zur Seite und schließt die Krause wieder.
„Ich will das nicht, ich hab nichts am Hals, nur am Arm.“ Sage ich und mache mich wieder an dem Verschluss zu schaffen. Jetzt brüllt der Kerl mich an, steht über mir, sein Zeigefinger durchbohrt den Himmel.
„Die Krause bleibt dran.“.
Meine Güte, wer hat hier eigentlich mehr Panik, ich oder dieser Rettungstyp?
Der andere Retter, der, der rechts neben mir hockt, erklärt mir, dass die Krause eine unumgängliche Sicherheitsmaßnahme ist und erst im Krankenhaus von den Ärzten in der Notaufnahme entfernt werden darf. Er hat eine ruhige, freundliche Stimme. Gechillter Typ. Krankenhaus, langsam sickert es in mein Bewusstsein, die werden mich in ein verdammtes Krankenhaus bringen.
„Ich will was trinken“, sage ich.
„Das geht jetzt nicht“, sagt der Typ, der mich angebrüllt hat. War ja klar irgendwie. Mein Mund fühlt sich an wie frisch geschmirgelt. Die werden mir sicher kein Bonbon mehr erlauben. Die haben wahrscheinlich Angst, dass ich daran ersticke. Ich schließe die Augen und ergebe mich. Jemand hält meine Hand und streicht mir übers Haar. Das fühlt sich vertraut an.
„Was machst du für Sachen?“
T. Endlich. Jetzt kann ich weinen.
Zwei Polizisten beugen sich über mich und stellen irgendwelche Fragen. Ich gebe irgendwelche Antworten. Keine Ahnung, was wir da reden.
„Keine Fotos“, höre ich jemanden sagen.
„Das ist der andere Unfallbeteiligte“, antwortet eine andere Stimme. Ach ja, den gibt es ja auch noch. Na, wenn er Fotos vom Tatort machen kann, ist er besser dran als ich.
Sie verfrachten mich in so eine Art Gummihängematte, von da aus auf eine Liege, und dann in den Krankenwagen. T kommt mit.
„Ich will was trinken“, sage ich.
„Das geht jetzt nicht“ antwortet eine Frauenstimme.
„Ich bin die Notärztin“, stellt sie sich vor. „Sie bekommen jetzt einen Tropf gegen den Durst.“
Einen Tropf? Mein Mund ist trocken wie Rindenmulch. Was soll ich mit einem Tropf?
„Wenigstens einen nassen Lappen für die Lippen?“
„Wir haben hier keinen Lappen.“
Okay, diese Wassersache ist offensichtlich nicht verhandelbar. Also beantworte ich die zweihundert Fragen der Notfallärztin.
„Und wenn Sie ein Stück Mull nass machen?“ frage ich dann.
„Wenn Sie im Krankenhaus sind“.
„Ich bin manchmal ein bisschen panisch“, sage ich.
„Ich geb Ihnen jetzt ein Beruhigungsmittel.“
„Will kein Beruhigungsmittel.“
T wird aufgefordert, auszusteigen.
„Wir sehen uns gleich, dann bekommst du auch Wasser“, sagt er.
Ich gebe auf.
Etwas sticht in meinen Arm, dann fahren wir los. Was ist das für ein komischer bunter Tunnel? An den Wänden und an der Decke sind farbige Schläuche angebracht, einer neben dem anderen, grüne, gelbe, rote und viele blaue. Das ist wie in diesem St. Martinslied aus dem Kindergarten. Schwachsinn, denke ich. Ich sehe nichts anderes mehr, nur bunte Schläuche in einem Tunnel. Dann wird es allmählich alles grau. Abscheulich, beklemmend aber seltsamerweise okay.

Notfallknopf – Unfalltagebuch 1

Die Unwägbarkeit der Freiheit springt mich von hinten an, krallt sich in meinem Nacken fest und kreischt mir ins Ohr:
„Du bist total gefährdet hier, jedem dummen Zufall hilflos ausgeliefert. Und es gibt keinen Knopf, um die Schwester zu rufen.“ Meine Gehirnwindungen bibbern, als das Gekreisch in ein hysterisches, irgendwie irres Kichern übergeht.
Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht.
„Verpiss dich“, flüstere ich. Es fühlt sich weniger energisch an, als es klingt.
„Was?“ fragt T.
„Ach nichts“ sage ich.
Wir stehen auf dem Gehweg vor dem Haupteingang des Krankenhauses. Die Autos auf der Straße machen mich nervös. Ich drehe mich um und sehe zurück auf die schmucklose Glastür. Meine Füße wollen sich nicht so recht in Bewegung setzen. Verdammte Feiglinge. Schließlich ist mit ihnen alles in Ordnung. Es ist mein Arm, genauer gesagt meine rechte Schulter, die wie eine pubertierende Magersüchtige hyperventiliert und ängstliche Signale an mein Gehirn sendet. S.O.S. ich bin verletzt. S.O.S. das hier geht gar nicht. Ich kann das nicht.

Okay, es stimmt ja, ich habe keinen Knopf mehr, um die Schwester zu rufen. Zwei Wochen war ich im Krankenhaus, rundum sicher, Tag und Nacht überwacht. Ich hatte mir gewünscht nach Hause zu gehen, aber ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt. Ich wollte doch nicht einfach so vor die Tür gestellt werden, mit einer Fixiermanschette um Schulter, Arm und Taille und einem Arztbericht für den Hausarzt in der Tasche. Ich wollte den Notfallknopf mitnehmen.
Die gewohnte  Freiheit fühlt sich fremd und gefährlich an, wenn man verletzt ist.            Verdammter Drecksunfall. Mir läuft eine Träne übers Gesicht, hatte nicht mal gemerkt, dass ich angefangen hab zu heulen.
„Komm, ich stehe direkt nebenan auf dem Parkplatz“, sagt T und nimmt meine Hand. Es fühlt sich gut und sicher an. Ich beschließe, dass T mein Übergangs-Ersatz-Notfallknopf ist und setze mich in Bewegung.
Wie bin ich bloß hier gestrandet?
Ich wollte doch nur schnell zur Bank und dann einkaufen. Ich hatte nicht mal das verdammte Notebook ausgeschaltet. Ich sehe es  vor mir wie in einem Film, mich selbst an diesem sonnigen Dienstag vor zwei Wochen.