Englisches Tagebuch Teil 7: please relax oder Glastonbury remix

Egal, wohin wir fahren, ich könnte schwören, dass T. immer die besten Sehenswürdigkeiten kennt.
Ich meine, ich alleine würde in irgendein Land reisen, leicht verpeilt, aber glücklich durch die Tage trudeln, und schon wäre der Urlaub vorbei.
Ich fühle mich im Urlaubsort immer, als lebte ich schon jahrelang dort, entdecke ein Lieblingscafé, wo ich sitze und schreibe oder lese, fahre mal zum shoppen in eine andere Stadt, und wenn ich Lust auf Live-Musik oder Theater habe, suche ich auf dem großen, world-wide-wühltisch, ob es in der Nähe etwas gibt, das sich nach einem tollen Event anhört.
Klar, auf die Art verpasst man oft etwas, aber das ist nicht schlimm, weil ich es sowieso nicht merke. Wenn, dann erst Wochen später. Das Leben ist eben oft ein großes Staunen über das, was alles passiert, während man nicht hinsieht.
Bei T. ist das anders. T. liest Veranstaltungskalender und Reiseführer. Er studiert sie, als müsste er einen Vortrag halten. Und natürlich weiß er genau, welche Ziele eine Tagestour wert sind.
Ziemlich weit oben auf seiner Liste der interessanten Orte in Dorset, steht Glastonbury, die sagenumwobene Stadt des heiligen Gral, das ist der Kelch, in dem Josef von Arimathia das Blut des Gekreuzigten aufgefangen haben soll. Er hat den Gral auf schnellstem Weg nach England gebracht und am Fuß des Glastonbury Tor vergraben, einem 160 Meter hohen Kegelberg, auf dessen Spitze ein Kirchturm aus dem vierzehnten Jahrhundert steht, St. Michael.
Und es geschah ein Wunder. Was auch sonst?
Kaum war der blutgefüllte Kelch in der Erde, sprudelte eine Quelle aus dem Boden, eine mit heißem, rötlich schimmerndem Wasser, die blood spring genannt wird. Blutquelle, das muss man sich mal im Hirn zergehen lassen.
Und als ob das noch nicht genug Magie und Mystik  wäre,  sagt man, dass Glastonbury das geheimnisvolle Avalon ist. Das ist die Insel zu der König Artus nach der Schlacht von Camlann segelte, einsam und tödlich verwundet. Überflüssig zu erwähnen, dass er und seine Guinevere angeblich in Glastonbury begraben sind, weshalb die kleine Stadt schon im Mittelalter ein Wallfahrtsort war.
Es gibt zwei Dinge, die ich dabei nicht kapiere.
1. Wie kann ein Ort, der mitten im Land liegt, eine Insel sein?
2. Wenn das tatsächlich Avalon ist und König Artus alleine dorthin segelte, wieso verdammt noch mal, ist seine Frau dort mit ihm zusammen begraben?
Klar, wir können gar nicht anders, als nach Glastonbury zu fahren.
Die Fahrt zieht sich in die Länge, was an den vielen Kreisverkehren auf der Schnellstrasse liegt. Kurz bevor wir den Ort erreichen, sehen wir auf einem Acker ein gigantisches Schild, auf dem das Glastonbury – Musikfestival angekündigt ist, das hier auf den Wiesen jedes Jahr stattfindet, eine Art Woodstock made in Dorset.
Wenig später sehen wir ihn. Kurz hinter dem Ortseingang, an der rechten Seite, ragt er majestätisch in die Höhe, der Kegelberg mit dem St. Michaels Tor.
„Ich muss pinkeln“, sage ich.
T. nickt. „Passt schon, ich hab’ sowieso Lust auf ein Stout.“
Wir fahren auf einen Parkplatz in der Stadtmitte, den Ort auf uns wirken zu lassen, zu bummeln und irgendwo ein Stout aufzutreiben.
Die Parkgebühren sind fair, wie auf den meisten Parkplätzen hier. Was mir im Augenblick viel wichtiger erscheint, dass es ein Toilettenhäuschen gibt, eine public toilet, die ich eilig ansteuere. An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich in Dorset noch nie eine schmutzige, öffentliche Toilette erlebt habe.
Als ich das Natursteinhäuschen betrete und die Tür hinter mir abschließe, nagelt es mich unversehens am Boden fest. Das Klo sieht aus wie andere Parkplatzklos, pflegeleichter Edelstahl und eines dieser tricky Waschbecken, in denen man gleichzeitig Seife Wasser und warme Luft zum Waschen und Trocknen der Hände bekommt. Stell sich das ma einer vor. Aber das geht wahrscheinlich nicht, wenn man es nicht selber gesehen hat, und es ist wirlich nichts, das einem die Füße an den Boden nagelt. Was mich mit offenem Mund stehen und staunen lässt, obwohl ich dringend pinkeln muss, ist die Musik.
Aus einem unsichtbaren Lautsprecher dudelt sanfte Meditationsmusik im Stil von „Keltische Klänge für Jeden“.
Ich merke kaum , wie ich die Jeans herunterziehe und auf die Klobrille sinke. Pinkeln zur celtic harp, definitiv nichts, das man jeden Tag erlebt.
Während es unter mir sanft plätschert und über mir lieblich dudelt, sinkt mein Kinn fast auf die Brust und meine Augen schalten um in den ich-seh-nix-obwohl-ich-gucke-Modus, aus dem sie jäh zurückzucken, als sich eine Stimme aus dem Lautsprecher schlängelt, eine Frauenstimme, die im Tonfall einer Meditationstrainerin in meine Ohren säuselt:
“Welcome in our public toilet. Please relax and leave the place like you want to find it. Thank you for coming. We wish you a nice stay.”
Ehrlich, das haut mich vom Thron. Noch halb in Trance ziehe ich den Reißverschluss der Jeans zu. Hände waschen und nichts wie raus hier.
Vor der Tür steht T.
„Hattest du auch Musik auf dem Klo“, frage ich und merke, wie mein Blick sich allmählich aus der glasigen Starre befreit.
T. verneint.
„Wie jetzt“, hake ich nach, „no music, no warm welcome?“
T. schüttelt den Kopf.
Ich nicke. „Ist wohl nur für Frauen. Männer würden bestimmt brüllend die Wand anpinkeln“, sage ich, „wer will das schon?“
Jetzt brauche ich dringend Kaffee. Auf dem Weg in Richtung Stadtzentrum erzähle ich T. detailliert von meiner unheimlichen Begegnung der sanitären Art. Als wir die Hauptgeschäftsstraße erreichen, fühle ich mich übergangslos wie beim Jazz-Festival in Moers, oder bei einem dieser
Folk-Rock-Festivals, wo sich ein Verkaufsstand mit Indienkram an den anderen reiht. Nur, dass es hier in Glastonbury Geschäfte sind, Indienshops und Esoterik-Läden, die Kristalle, Runensteine und anderes magisches Zubehör auf beiden Seiten der Straße anbieten.
Über allem schwebt ein Duft nach Räucherstäbchen und ätherischen Ölen. Frauen in langen, Samtkleidern mit viel violett und rot, stehen vor den Geschäften und unterhalten sich, vermutlich über Mondphasen, Monatszyklen oder das Erlebnis, der Göttin zu begegnen. Zumindest sehen sie nicht aus, als ob sie Backrezepte austauschen.
Männer mit langen Haaren und bestickten Westen schlendern die Straße entlang. Einige tragen Gitarrentaschen auf dem Rücken und mittelalterlich anmutende Mützen auf dem Kopf. Andere sehen einfach nur aus wie abgewetzte Althippies und ziehen eine Wolke von Grasgeruch hinter sich her.
Wir sind anscheinend in einer verdammten Hollywoodkulisse gelandet. Ich frage mich, ob es hier noch waschechte Engländer gibt, originäre Dorseter. Wenn ja, dann haben sie sich an den Stadtrand zurückgezogen und das Zentrum Heilssuchern aus ganz Europa überlassen. Zwischen den enthusiastisch bunten Läden gibt es Cafés und Gaststätten mit vegetarischen und veganen Speisekarten. Das meiste ist organic food. Neben manchen Türen hängen Schilder, auf denen Tarotkarten legen, Kristallkugel lesen, Energiearbeit, Yogakurse und anderes Zeug aus dem Füllhorn der Esoterik angeboten wird.
Ich schließe die Augen, versuche den Traum abzuschütteln. Als ich sie wieder öffne ist alles noch genauso anwesend wie vorher, bunt und unheimlich real.
„Ich brauche Chips“, flüstere ich, „am besten eine Killerportion“. während ich verstohlen über die Schulter spähe und hoffe, dass die Ladies of Shalott mich nicht gehört haben. Wir steuern verschiedene Lokale an. Nirgendwo gibt es um diese Zeit Chips.  „It’s tea-time, verkündet man uns. Die hübsche Bedienung in einem der Cafés bietet mir mit beruhigendem Lächeln carrot-cake an. Ich brauche keinen bescheuerten Möhrenkuchen.
Ich will fetttriefende Pommes, um meine gewöhnliche Realität zu spüren.
Unwillkürlich schlagen meine Füße den Weg zum Parkplatz ein. Ich sehe ihnen beim Laufen zu und frage mich, ob ich sie wohl überholen könnte.
Die Göttin steh’ mir bei, ich glaube ich bin dicht am Wahnsinn. Ich spüre schon, wie sich ein hysterisches Kichern in meiner Kehle auf den Ausbruch vorbereitet. Glastonbury schafft mich.
Auf dem Parkplatz flüchte ich hilfesuchend aufs Klo. Meditative keltische Klänge umschmeicheln mich erneut, als ich mich auf die Brille fallen lasse.
„Please relax and leave the place like you wish to find it”, wispert die Yogatrainerinnenstimme. Ich atme sehr langsam ein und noch langsamer wieder aus. Plötzlich kommen mir japanische Touristinnen in den Sinn. Ich kann gar nicht mehr aufhören, daran zu denken, wie sie immer wenn sie auf eine öffentliche Toilette gehen, fürchten, dass man draußen ihre Pinkelgeräusche hört. Es macht mich ganz fertig, wenn ich mir vorstelle, wie sie mit schamroten Gesichtern diese Toilette betreten, die Musik hören, sich mit einem seligen Lächeln auf die Klobrille setzen, wo sie der Natur ihren Lauf lassen. Sie lauschen der Musik und verstehen vielleicht kein Wort von der Begrüßung aber Verstehen ist unwichtig. Es zählt nur, dass niemand sie hören kann, egal wie laut und lange sie pinkeln. Es schüttelt mich richtig, wenn ich daran denke, wie glücklich die armen schamhaften Japanerinnen hier in Glastonbury sein dürfen.
Ich lasse das Kichern aus meiner Kehle frei . Es verwandelt sich in lautes Lachen.
Als ich aus dem Häuschen komme, sehe ich in der Ferne den Kegelberg, an dessen Fuß die bloody source sprudelt. Den Teufel werde ich tun,  jetzt diesen Hügel zu besteigen. Ich will zurück nach Beaminster, wo von morgens Sieben bis nachts um Zwölf die Welt noch in Ordnung ist. Oder was  viel besser ist, wir fahren  zuerst ans Meer, nach Westbay, wo es nach Fisch riecht und im Hafen zahllose Imbissbuden Fish and Chips anbieten.
Saint Michaels Tor kann warten.
Bevor mich jemand falsch versteht, Glastonbury ist ein wirklich schönes, altes Städtchen und dieser ganze Esoterikrummel durchaus charmant, wenn man darauf vorbereitet ist. Beim nächsten Mal werde ich den Hügel besteigen, Räucherstäbchen, bunte Tücher oder Patchouli kaufen und ein Stück carrot-cake essen.

Englisches Tagebuch: wild garlic

Wild garlic on the hill.
wild, wild garlic.
All that milky stars
and those tiny blue bells,
blue like the sky at dawn,
waving a sparkling carpet
between the gnarled old trees.
It makes me feel free like
a dreaming beauty, living
in an ancient fairytale.
But my eyes are wide open
And there is no dream at all.
So my heart stands still.
wild, wild garlic,
wild garlic on the hill.

© g.m.auth

Englisches Tagebuch Teil 6. Über den Hügel

„In England existiert ein weit verzweigtes Netz öffentlicher Wegerechte, deren Geschichte zum Teil bis ins Mittelalter zurückreicht.  Eigentümer eines Grundstückes, über das ein öffentliches Wegerecht verläuft, dürfen dieses Recht nicht einschränken und müssen darauf achten, dass Benutzer des Weges nicht durch die Nutzung durch den Eigentümer gefährdet sind.“
Was wären wir ohne Wikipedia und all die Nerds, die dort so emsig Fakten sammeln. Dafür spende ich gerne ab und zu ein paar Dukaten.
Gut, nun wissen wir also, dass wir  bei der Erkundung der englischenCountryside nicht fürchten müssen, dass ein gereizter Stier aus den Büschen stürmen und auf uns zurasen wird, um sein Revier zu verteidigen. Das gibt uns ein sicheres Gefühl bei unserer ersten Expedition, auf einen Hügel hinter Beaminster. Zusätzlich sind wir gerüstet mit einer Flasche Wasser und einer Dose englischer Drops. Wir folgen dem public footpath durch ein Holzgatter und über eine Weide. Zwei Pferde trotten auf uns zu. Wir haben keine einzige, verdammte Möhre dabei. Die Pferde beschnuppern uns zur Begrüßung und erlauben uns, sie am Hals zu kraulen. „Tut uns leid, wir haben keinen Leckerbissen für euch“, flüstere ich dem größeren der beiden, einem jungen Apfelschimmel ins Ohr. Er schnaubt leise. Sein Atem trifft warm meinen Arm.
„Next time we’ll bring you some carrots“, sage ich sicherheitshalber noch mal auf Englisch. Er nickt und begleitet uns auf dem Weg zum nächsten Tor. Wir erzählen ihm, dass er ein verflixt sympathischer Typ ist, a nice guy. Zwischendurch bleibe ich stehen und rupfe ein paar saftige Grasbüschel, die hinter dem Zaun wachsen, grün und saftig, an einer Stelle, die ein hungriges Pferdemaul nicht erreichen kann. Unser Wegbegleiter nimmt vorsichtig das Büschel aus meiner Hand. Sein Maul fühlt sich weich und warm an. Zufrieden kauend geht er neben uns her. Ich könnte schwören, dass er mir aus seinen dunkel glänzenden Augen zuzwinkert, bevor er sich mit einer nonchalanten Bewegung seines Halses an T. wendet. T. spricht Englisch mit ihm. Ich vermute, sie haben so ein Männergespräch und gehe einen Schritt schneller. Am Gatter müssen wir unseren Begleiter zurücklassen Wir winken ihm zum Abschied zu. Er galoppiert mit wehender Mähne über die Weide. Seine Hufe rappen von Lebensfreude. Ein Lachen kitzelt in meiner Kehle. Ich lasse es fliegen. Jetzt führt uns der Weg steil in die Höhe. Meine Muskeln nörgeln, fühlen sich noch eingerostet von der Reise. Ich gebe ihr Gemecker weiter an niemand bestimmtes, sehe in die Wolken, hoffe, dass Groß Britannien unsere Anstrengung zu würdigen weiß. Vögel zwitschern. Ich verbuche es als Anerkennung. Auf halber Höhe passieren wir ein weiteres Tor. Wenige Schritte dahinter, zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch, fahren meine Synapsen unvermittelt Achterbahn. Kindheitserinnerungen flattern durch meinen Kopf, Bilder aus alten Märchenbüchern, die ich mit meiner Oma las. Über den Hügel ist ein Teppich aus winzigen Blüten gewachsen, zarte weiße Sterne und zierliche blaue Glocken. Dazwischen ragen verwegene Baumgestalten auf, bei denen ich fast damit rechne, dass sie erwachen und schwerfällig losmarschieren. Unwillkürlich setzen wir unsere Füße vorsichtiger und flüstern während wir durch den Zauberwald gehen. Auf einem umgekippten Baumstamm sitzt ein Squirell, ein Eichhörnchen. Es ist größer als die, die ich aus dem Stadtpark Zuhause kenne und graubraun statt fuchsrot. Mit flinken, kleinen Bissen knabbert es an einer Nuss, die es zwischen den Vorderpfoten hält. Seine Augen sind wie glitzernde schwarze Perlen. Ein kurzer Blick huscht in unsere Richtung. Mister Squirell gestattet uns ein Foto, bevor er flink einen Baum hinauf klettert, wo er nach wenigen Sekunden im dichten Laubwerk verschwindet. Wir waren nicht sicher, ob es vielleicht auch eine Missis Squirell gewesen sein könnte. Die Bereitschaft, sich fotografieren zu lassen, spricht dafür.

Englisches Tagebuch Teil 5: Beaminster Church

Beaminster ist ein kleiner, alter Ort mit einer noch älteren, Kirche aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Fast fühle ich mich in diese Zeit versetzt, als ich umringt von typisch englischen Natursteinhäusern durch die engen Gassen gehe. Hier wurde das Buch  Tess d’Urbanville von Thomas Hardy verfilmt, der ein Kind Dorsets war.
Auch  der kleine Ort, in dem Dumbledore seine Kindheit verbrachte, ähnelt im Film dem, in dem wir hier gelandet sind.
Ich würde jetzt gerne erzählen, dass an unserem ersten Tag die Sonne scheint, das Wetter gebärdet sich jedoch wie eine unzufriedene Ehefrau. Wolkenverhangen, diesig. Immerhin weint der Himmel nicht.
Wir haben uns aus dem Haus gewagt, um den Ort zu erkunden und entdecken den alten Friedhof, der wie in einer brüderlichen Umarmung die Kirche umschlingt.
Der älteste Grabstein, von 1420, gibt keinen Namen preis.  Er neigt sich müde zur Seite,  so weit, dass man ihn stützen möchte. Überhaupt scheinen die meisten Steine archaisch und schief, die Inschriften verwittert, die Oberflächen von ockerfarbenen und weißgrauen Flechten überzogen.
Ein greiser, ein sterbender Ort für die Verstorbenen, erzählt wortlos die Geschichte der Vergänglichkeit, liebevoll überschattet von knorrigen Bäumen, deren mächtige Kronen zu singen scheinen.
Während T.  mit der Kamera zu verewigen versucht, was nicht ewig sein kann, sitze ich auf einer Bank und genieße Ruhe.  Vereinzelt kriechen Sonnenstrahlen  durch die Wolkendecke wie vorwitzige Kinderfinger ins Nutellaglas und  verschwinden genauso schnell wieder.
Als T. die Fototour beendet, betreten wir die Kirche. Der Raum, der uns umfängt, hat nichts gemeinsam mit den ernsten, in schwermütigem Schweigen verharrenden katholischen Kirchen, die ich zum Beispiel in Italien gesehen habe. Die, in denen es so stark nach Weihrauch riecht, dass die Stirnhöhle bebt.
Das Gotteshaus in Beaminster hat etwas heiteres, fast verspieltes, scheinbar immer in Auflösung und Wandel begriffenes. Achtet mich, aber nehmt mich nicht zu ernst, scheint es zu flüstern und verströmt seinen Geruch nach vergilbtem Papier, Staub und feuchtem Mauerwerk.
Rechts neben der Eingangstür entdecken wir die Kinderecke. An einer Pinwand hängen Listen, in die die Kinder sich für Back oder Bastelaktionen eintragen können. An einem runden, ferrariroten Plastiktisch, Marke Ikea klobig, sitzen  Puppen, handgestrickt aus bunter Wolle. Alle haben sie sorgfältig aufgestickte, lächelnde Gesichter. Fast unheimlich.
Ich stelle mir die Ladies der Gemeinde vor, wie sie bei einer Tasse Tee und ein paar Scones mit clotted cream, die Nadeln schwingen.
Wir müssen lachen. Es ist so schräg, so exzentrisch, so zum Verlieben britisch.
Vor dem Verlassen der Kirche erwerbe ich gegen eine Spende noch The Dorset cooking book. Die Rezepte wurden von Gemeindemitgliedern gesammelt.
Der Erlös aus dem Verkauf soll dem Erhalt der Kirche dienen.
Ich denke, sie hat es verdient.

Englisches Tagebuch Teil 4: Glockenklang

Katholische Kirchenglocken haben für meine Ohren etwas Alttestamentarisches.
Dieses tiefe Bum Bom Bom Bum Bum Bom.
Das erinnert mich an Gott, wie er erhobenem Zeigefinger im brennenden Dornbusch erscheint, eine Steintafel in der Hand, eine Augenbraue leicht hochgezogen, im Gesicht diesen Ausdruck von du-sollst-keine-anderen-Götter-neben-mir-haben.
Ein Klang, in dem eine düstere Vorahnung des unendlichen ora et labora schwingt. Scharen von Gläubigen ziehen am inneren Auge vorbei zum Gottesdienst. Manche freiwillig, andere zwangsverpflichtet, sich unwürdig fühlende Diener der zehn Gebote, die sie sich kaum alle merken, geschweige denn ständig befolgen können.
Ganz anders das Geläut anglikanischer Glocken mit ihrem fast jazzigen Dam Da Dam Da Da Dam Dam Da Dam Da Da Dam.
Sie scheinen eher zum Spiel zu rufen, statt zur Arbeit. Neutestamentarisch.  Ein lasset-die-Kindlein-zu-mir-kommen swingt in ihrem Klang, und ein -kommt alle, die ihr mühselig und beladen seid – oder so etwas Ähnliches.
Ein kluger Gott, der das Dienen zum Spiel macht für seine Anhänger , die gebunden werden mit leuchtenden Seidenbändern, so zart, kein Gramm leichter als rasselnde Ketten, aber so unendlich viel hipper.

Englisches Tagebuch Teil 3: Banksy versus Yoghananda oder from Dover to Beaminster

Die Strecke von Dover nach Dorset zieht sich wie immer in die Länge. Ich könnte fast schwören, dass sie jedes Mal ein paar Meilen länger wird. England ist nicht zufällig das Land von Hogwarts und Dumbledore. Zum Glück sind an einem Feiertag nur wenige LKWs unterwegs und wir haben freie Fahrt auf der Autobahn Richtung London, wo sich normalerweise  ein Autokonvoi, der länger ist als Voldemorts Schlange, in Richtung Hauptstadt schiebt .
Hinter London verwandelt sich die Autobahn in eine Schnellstraße, die ihren Namen vermutlich beim Bingo gewonnen hat, eine Art mehrspurige Landstraße, ungefähr alle acht Kilometer unterbrochen  durch einen Kreisverkehr. Slow down steht auf der Fahrbahn und dann ab in den Roundabout und wieder Gas geben.
T. hat den Linksverkehr gut drauf, vielleicht hat er eine vorinstallierte Linksfahrer App. Es ist vermutlich trotzdem anstrengend, links zu fahren wie alle hier, aber im Gegensatz zu den anderen das Steuer auf der falschen Seite zu haben.
Ich biete sicherheitshalber keinen Fahrerwechsel an. T. würde sich sowieso nicht darauf einlassen. Ich meine, wer möchte seine Reise schon in einem Krankenhaus beginnen, oder wohlmöglich in einem Sarg? Wobei der Gedanke, über den Klippen von Charmouth oder am Golden Cap als Asche in den Wind gestreut zu werden, begleitet vom Klagelied der Möwen, etwas seltsam Anziehendes hat.
Muss aber noch nicht sein.
T. teilt meine Auffassung offensichtlich und kutschiert uns unversehrt ans Ziel, vorbei an Stonehenge, das rechts neben uns majestätisch still in der Abendsonne ruht. Früher konnten Besucher sich ungehindert zwischen den riesigen Steinen bewegen. Inzwischen ist das ganze verdammte Ding eingezäunt. Schwer zu sagen, wovor es mehr geschützt werden muss, vor Graffity Künstlern mit Rucksäcken voller Spraydosen oder vor Esoterik Freaks, die sich mit Seidenbändern an die Steine fesseln und keltische Lieder chanten.
Banksy versus Yoghananda. Ich schätze, Banksy wäre mir lieber.
Wir erreichen unser Cottage in Beaminster kurz vor Mitternacht.
Müde, glücklich, allways in love with Dorset.

Englisches Tagebuch Teil 2: Über den Kanal

Man kann sich England aus der Luft nähern, es sich in einem Flieger erarbeiten, in den man beispielsweise in Düsseldorf einsteigt und nach ungefähr einer Stunde mit feuchten Händen und erhöhtem Puls in London oder Bristol wieder aussteigt.
Man kann es sich aber auch verdienen, indem man an einem ersten Mai mit dem Auto quer durch Belgien nach Calais fährt, dort auf die Fähre geht, wo man sich möglichst noch vor dem Ablegen eine Portion Chips mit Senf und Mayonnaise holt, sich an einen Tisch setzt mit Blick auf die Hafenausfahrt und auf den Horizont starrt, wo bei klarem Wetter bereits schemenhaft die Küste Großbritanniens zu erahnen ist und mit jeder Kartoffelspalte, die im Mund verschwindet, ein Stück näher rückt.
Für mich die einzige Art auf die Insel zu reisen.
Während ich also meine Chips esse und English Breakfast Tea schlürfe, schiebt sich das Schiff durch die Hafenausfahrt in den Channel, Bugspitze voraus auf Dover zu.
Es schlingert leicht und wir beschließen an Deck zu gehen und auf den Horizont zu sehen, was in Kombination mit frischer Luft schonender für den Magen ist, besonders dann, wenn der Seegang stärker wird.
Auf dem Weg zum Außendeck geht T. vor mir her. Er hat diesen leicht wiegenden, breitbeinigen Seemannsgang.
An Deck stehen Holztische, Stühle, und Bänke mit hohen Lehnen. Kaum jemand ist hier heraufgekommen. Auf einer der Bänke sitzt eine Frau, vor sich auf dem Tisch ein Glas mit Rotwein, neben sich auf der Bank ein Buch. Sie lächelt in den Wind, der sanft mit ihren Haaren spielt.
Während T. das Deck durchstreift, die Kamera im Anschlag, lege ich mich auf eine Bank, meinen Rucksack unter dem Kopf und schließe die Augen. Unter mir spüre ich das Brummen der Motoren, liege wie in einer Wiege, die mich sacht in den Schlaf schaukelt.
Das Meer kann eine Mutter sein, liebevoll sorgend, aber auch verschlingend, wenn man nicht stark genug ist.
Als ich aufwache, sind wir ungefähr in der Mitte des Kanals. Ich hole mein Buch aus dem Rucksack, Herrndorfs Arbeit und Struktur. Seine Lust auf Leben angesichts des heranschleichenden Todes in seinem Gehirn, treibt mir die Tränen in die Augen. Ich halte es nicht lange aus, klappe das Buch wieder zu und sehe auf den Horizont.
Das Leben kann wunderbar sein, schillernd und bunt wie ein Schmetterling. Ein paar Flügelschläge, ein bisschen Taumeln im Sonnenlicht und in den Staub sinken.
So verdammt kurz.
Links gleiten jetzt die Klippen von Dover vorbei. Ich heule, wie jedes Mal und denke an diesen Robin Hood Film mit Kevin Costner – Der König der Diebe – wo er englischen Boden betritt, auf die Knie sinkt und die Stirn in den Sand presst.
Ich verzichte darauf, seine Geste nachzuahmen. Ich vermute, es würde an der Anlegestelle von Dover nicht ganz so würdevoll wirken.

Englisches Tagebuch Teil 1: Belgien geloopt

England, immer wieder England, Insel, die mir Sinne und Denken anfeuert, so dass meine Füße sich fühlen wie Wurzeln und mein Körper wie Stamm und Krone eines Baumes, dessen Äste sich zum Himmel strecken und im Wind wiegen, während Vögel ihre Nester bauen bevor sie in die Morgensonne taumeln.
So einen Baum macht diese seltsam schrullige Insel aus mir.
Und das allerseltsamste ist, es fühlt sich so gut an, dass ich dort immer wieder sein will.
T. teilt meine Begeisterung. Ich bezweifle, dass er auch das Gefühl der Baumwerdung teilt.
Wir sitzen wieder einmal im Auto und fahren in Richtung Großbritannien, beziehungsweise in Richtung Frankreich zur Fähre. Wenn man vom Ruhrgebiet mit dem Auto nach Calais gelangen will, findet man sich in der Regel irgendwann in Belgien wieder, genauer gesagt auf der Autobahn durch das von Jaques Brel so liebevoll besungene platte Flanderland. An diesem ersten Mai bedeutet das, Teil eines endlosen Convois von Autos zu sein, die sich -stop and go- weiterschieben.
„Wo, verdammt, wollen die alle hin“, frage ich niemand besonderen.
„Ans Meer“, antwortet T. „ans Meer“.
Nun ja, was soll eine gelangweilte belgische Familie an einem semisonnigen Mai Feiertag auch sonst mit der Zeit anfangen?
Warum demonstrieren die eigentlich nicht, wie es sich gehört am Tag der Arbeit?
Die Landschaft schleppt sich vorbei, irgendwie unverändert, flach, unspektakulär.
Langweilig.
Ich könnte schwören, dass wir seit Stunden an demselben Stück Weideland vorbei kriechen. Allein der Anblick einer Herde von Eseln verändert ab und zu die Aussicht und lässt mich vermuten, dass wir uns möglicherweise doch fortbewegen.
Das Navi sagt, dass wir die Fähre um eine Stunde verpassen werden.
Wir fragen nach einer Umgehungsstrecke.
Das Navi sagt, dass wir über Land ungefähr fünf Minuten vor Abfahrt der Fähre im Hafen von Calais ankommen werden.
Ein guter Plan.
Also ab auf die Landstraße. Sofort wechselt die Kulisse. Statt der Esel sehen wir jetzt eine Ackerfläche samt Windmühle.
„Muss schön sein, in so einer Mühle zu wohnen“, sagt T.
Ich bin nicht sicher, ob ich zustimmen will. Ich meine, in einem runden Haus zu leben, das auf einer endlosen Fläche steht, die keine winzige Erhebung zeigt soweit das Auge reicht?
Dagegen scheinen die Türme von Mordor ein Vergnügungspark. Als Gott die Meditation erschuf, muss er in einer runden Mühle gesessen haben. Es ist einfach, alles gleich zu achten, wenn es nichts anderes gibt, einen Verstand zu leeren, in den sowieso nichts rein will.
„Verschollen in Belgien“, sage ich, schalte den CD Player ein und überlasse es den Songs von Eszther Balint die allgegenwärtige Leere und Flachheit auf eine Anhöhe aus Melancholie und Weltschmerz zu führen. Ein wohliger, sentimentaler Schauer lässt mich spüren, dass ich noch lebe.
„Ich muss pinkeln“, sage ich.
T. hält an einer Tankstelle mit Shop und Café, beide leider geschlossen, Inhaber vermutlich auf dem Weg ans Meer.
Egal, pinkeln kann man auch in dem Gestrüpp, das trotzig zwischen der Seitenwand des Gebäudes und dem Zaun des angrenzenden Ackers wächst. In Belgien dienen Zäune vermutlich zur Auffindung des eigenen Hauses.
T. raucht während ich Dehnungsübungen für meine bewegungshungrigen Bein und Armmuskeln mache.
Als wir wieder ins Auto steigen, teilt uns das Navi mit, dass wir die Fähre verpassen werden. Ist jetzt auch schon egal. Weiter geht die Fahrt durchs platte Land bis am rechten Straßenrand ein blaues Schild mit einem Kranz aus gelben Sternen das Überschreiten der französischen Grenze verkündet.
Allmählich verändert sich die Landschaft. Vive la France. Ein bisschen riecht man schon das Meer. Hundert Jahre Belgien liegen hinter uns, und der Begriff Dankbarkeit bekommt eine neue Dimension. Am Ende erreichen wir Calais zweieinhalb Stunden später als geplant und zahlen 25 Euro Aufpreis für das Ticket mit einer späteren Fähre.

Ich bin Shirin

Ich bin Shirin.
Das ist das Einzige, das ich weiß.
Aber vielleicht stimmt auch das nicht.
Vielleicht ist es falsch, wie alles andere.
Wie mein Leben.

Ich bin Shirin.
Sie sagen, sie haben mich
am Strand gefunden, aber
kann man einen Menschen finden
wie ein Stück Strandgut.

Ich bin Shirin.
Alles, woran ich mich erinnere,
ist dieser Name und die Farbe des Bootes,
in dem wir saßen, meine Umi und ich,
zusammen mit dreihundert anderen.

Ich bin Shirin
Das Meer brennt in den Augen.
Es schmeckt wie Tränen.
Umi kommt nicht mehr.
Es gibt nur noch mich.

© gabi m. auth

Tatort

Menschen können nicht fliegen wie die Vögel.
Wenn sie sich über die Wolken heben, sitzen sie meist in langen Metallröhren mit starren Flügeln, die von kräftigen Motoren in der Luft gehalten werden.
Manchmal,  stürzen sie, rasen hilflos in eine Tiefe, in der sie zerbrechen, Mensch wie Maschine.
So wie in Südfrankreich.
Und über den Trümmern erhebt sich das Weinen und Klagen der Mütter und Väter, der Brüder, Schwestern, Kinder und der Freunde all jener, die Herz an Herz verbunden waren mit den Gestürzten.
Und Viele, die nicht getroffen sind, klagen mit in ihrer Betroffenheit der Verschonten, halten erschrocken, voller Mitgefühl , aber erleichtert die Hände ihrer Liebsten, davon gekommen, doch ahnend, die einzige Sicherheit im Leben ist der Tod.
Und manchmal die Liebe.

Menschen können nicht unbegrenzt schwimmen, nicht wie die Fische, die sich frei in den Meeren zwischen den Kontinenten bewegen.
Wenn Menschen die Meere durchqueren, sitzen sie meist in schwimmenden Kisten, die von kräftigen Motoren vorwärts bewegt werden.
Manchmal sind diese Kisten die einzige Hoffnung auf ein Leben ohne  Hunger, Krieg und Angst. Sie sind oft alt und leck, und sie sinken, ziehen die Menschen mit sich  in die Tiefe und in die Weite des Ozeans, wo die Kraft schwindet und die Lungen sich füllen mit Tränen des Mittelmeeres .

Körper tanzen auf den Wellen, unbeweint, fremd, ungerufen bis der letzte Atemzug verklingt, ein krampfhaftes Gluckern.
Stille.
Wer kennt die  Namen?  Wer lauscht dem Weinen und Klagen der Väter und Mütter, der Brüder, Schwestern, Kinder und Freunde?
Manchmal klingt Schweigen so schrill, dass es schmerzt.
Und nach der Tagesschau kommt Tatort, es gibt Chips.  Werden Thiel und Börne es richten?

© gabi m. auth