Eurydike

Wollten denselben
Weg gehen
Mondkind
Wir spucken das
Höllenfeuer

einfach aus,
hast du gesagt.

Du hast
dich verlaufen
im Dickicht
deiner
Vergangenheit
hingst äonenlang
in deinen Abgründen.

Und ich
auf schmalem Grat
hielt weiter
deine Hand.
mein ganzes Sein
zum Zerreißen
gespannt.

Das Gewicht
deiner Angst
zerrte so schwer
langes Entsetzen
in unseren Augen,
als ich dich los ließ.

Du stürztest lautlos

mache mich
auf den Weg
weiter zur Sonne.
müde,  schwer
Steine in der Seele
Staub im Herzen
Nacht.

Finde ich
den Weg
hinaus,
in den Tag,
bist auch du
nicht verloren.
Vielleicht .
© gabriele auth

Leben ist Traum

Auf Straßen
sterben
Schmetterlinge,
taumeln mit
staubigen Flügeln
in die Gosse.
Wer hört ihr
tonloses Weinen
außer denen,
die folgen wollen.
Wohin gehen
die Schmetterlinge,
wenn sie tot sind?
© gabriele auth

Nicht seine Welt

Er steht an der Wand mit den Wochenplänen. Ein großer, stämmiger Typ mit tätowiertem Kopf. Von der Stirnmitte bis zum Nacken zieht sich ein stoppelkurzer Streifen Haare. Irokesenschnitt. Die äußeren Ränder seiner Ohren sind mehrfach gepierct. Eine Goldkreole neben der anderen. Bis zu den Ohrläppchen. Sein mächtiger Oberkörper steckt in einem karierten Hemd, das am Hals weit geöffnet ist.
Drei Reihen Gold blitzen dort in der kleinen Kuhle unterhalb des Adamsapfels. Sie bilden einen leuchtenden Kontrast zu der rotbraunen Haut, die seltsam lederartig aussieht und mich an einen Leguan erinnert. Eine Fleecejacke mit indianischem Muster spannt sich über den Schultern. Die Beine, in braunen Tarnhosen, stemmen sich gegen den abgetretenen PVC Boden.
Wir wollen uns erden, scheinen die Füße in den abgetretenen Turnschuhen zu schreien, erden gegen die Angst, gegen das verfickte Gefühl in einem schlechten Traum festzustecken. Die rechte Hand ist zur Faust geballt. Die linke umklammert eine abgewetzte Sporttasche aus schwarzem Nylon.
Reglos steht er da, die Kiefer fest aufeinander gepresst. Der Blick aus leicht zusammengekniffenen, braunen Augen schweift wie Halt suchend durch den Raum. Er taxiert die nüchterne Einrichtung. Weiße Resopaltische, schwarze Stühle. Es ist Essenszeit. An allen Tischen sitzen Patienten, essen, reden, lachen. Das Summen der Gespräche wabert wie eine unsichtbare, amorphe Masse durch den Raum.

Ich schließe die Augen und fühle mich in ein Freibad versetzt. Als ob sie meine Assoziation bekräftigen will, schickt die Sonne ein breites Lächeln durchs Fenster. Ich fühle es auf den Wangen wie ein zärtliches Nichts, öffne die Augen, beobachte den neuen Patienten. Indianer, nenne ich ihn in Gedanken. Verloren sieht er aus. Wie er da an der Wand steht im Aufenthaltsraum einer Reha Klinik für psychosomatische Erkrankungen. Seine imposante Breite sendet Einsamkeit aus. Und Angst. Ich spüre fast, wie sie von seinen Schultern durch den leicht angewinkelten Arm in die geballte Faust strahlt. Wenn die Angst übermächtig würde, könnte diese ledrige, rotbraune Faust nach vorne schnellen.
Wo so eine Faust hinhaut, da wächst kein Gras mehr, flüstert es in meinem Kopf.
Blöder Machospruch, denke ich.
Der Indianer hat sich nicht einen Millimeter bewegt. Sein Blick geht jetzt über die Köpfe der Patienten ins Leere. Ich stehe auf, gehe auf ihn zu.
„Hat dir schon einer gezeigt, wo du deinen Kram abstellen kannst?“
Ich deute auf die Sporttasche die traurig vor seinen Beinen hängt. Viel scheint da nicht drin zu sein. Er sieht mich an, prüfend.
„Ja. Brauch ich nicht. Ich halt die Sachen bei mir“, knurrt er. „Das hier macht mich aggro. „Ist nicht meine Welt.“
Wir schweigen. Was soll ich ihm schon sagen?
Ist nicht seine Welt. Meine ist es auch nicht. Darum sind ja alle hier. Weil es nicht ihre Welt ist. Weil sie sich vor der Kälte nach Innen verkrochen haben. Die Türen verschlossen und den Schlüssel verschluckt.
„Das geht Vielen am ersten Tag so“, antworte ich. „Ist einfach ein komisches Gefühl, aber das wird nach ein paar Tagen besser“.
Ich lächele. Er steht und sieht mich an. Ein Blick vor dem die Jalousien sich für einen winzigen Moment geöffnet haben. Dahinter ahne ich einen dunklen Gang, unbegehbar, vollgestopft mit zerschlagenen Kinderwünschen.
Ein verlassener Junge von mindestens vierzig Jahren vor einem verlassenen Mädchen.
„Willste nicht wenigstens die Jacke ausziehen?“
Ich zeige in Richtung Garderobe. Er scheint einen Moment nachzudenken. Schließlich nickt er. Sein Gesicht entspannt sich ein wenig als er sich umdreht und zum Kleiderständer geht. Ich sehe hinterher. Das Drachentatoo in seinem Nacken leuchtet blauschwarz. Ist nicht meine Welt scheinen seine Schultern zu sagen.
Ist es meine Welt, frage ich mich.
Aber wessen Welt soll es denn sonst sein, wenn nicht unsere?
© gabriele auth

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Minenfelder

Gestern, neulich, oder irgendwann spät abends, in einer Facebook Autorengruppe. Ein junger Mann, sympathisch aussehend, freundlich, lud ein Gedicht hoch. Er bat um Anmerkungen.
Und schon eierten wir über das Minenfeld der Lyrik, auf dem man schnell daneben treten kann und

B O O M.

Die Kommentare pitchten hin und her, Pingpongbälle der literarischen Gelehrsamkeit und freundlich aufbauende Botschaften aus dem Genre wenn ich deinen Text lobe, lobst du beim nächsten Mal auch meinen und wir sind beide glücklich.

Ich gebe zu, diese Art von win win Beifall liegt mir nicht. Der Text wurde als Gedicht, als Lyrik hochgeladen, las sich jedoch wie ein Schlagertext. Nichts dagegen einzuwenden. Atemlos durch die Nacht verkauft sich Millionenfach. Irgendwie Geschmacksache. Andererseits gibt es ein Handwerk des Schreibens, das viele Autoren gerne mit der Begründung, Schreiben sei Kunst und Kunst kann alles, in den Staub treten. Ich habe immer ein wenig den Verdacht, sie reden gern von künstlerischer Freiheit, wenn sie das verschmähte Handwerk nicht beherrschen.
Es kam das Unabänderliche. Ich hatte mir geschworen, es nicht mehr zu tun, aber ich tat es. Ich tat es schon wieder. Ich wies auf handwerkliche Mängel hin. Ich verglich das Gedicht mit einem Schlagertext. Und. Gott, ja, ich wagte es die Formulierung  Ich werde dich nie mehr vergessen, als abgenutzt und als nah am Kitsch zu bezeichnen.
Ein anderes Gruppenmitglied fragte, ob der Verfasser Türke sei. Nun, ja, sein Name klang tatsächlich türkisch. Er bestätigte und wollte den Hintergrund der Frage wissen. Der Frager hüllte sich zunächst in ein nichtssagendes „Nur so“ und danach in vielsagendes Schweigen.
Der junge Dichter war verärgert.
Ich konnte seine Empfindlichkeit nachvollziehen. Aus welchem Grund könnte seine Nationalität eine Rolle spielen?
Warum ist es wichtig, ob der Verfasser eines Gedichtes Türke, Schwede oder Franzose ist?
Und plötzlich, ganz hinterhältig und ohne Vorwarnung schraubte sich ein Lied in meine Gehirnwindungen.
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch daran. GrUp TekkAn, kein Witz, die hießen wirklich so, millionenfach geklickt bei youtube,
Wo bist du mein Sonnenlicht?
Drei junge Türken landeten einen Hit, kitschig, ein bisschen abgedroschen, und ungeheuer charmant.
Ein Hit, der in dieser Art von drei jungen Schweden nicht möglich gewesen wäre.
Und dann dachte ich an die Sprache von Orhan Pamuk oder Elif Shafak überquellend, voller Adjektive, aber nie kitschig.
Ich schrieb dem jungen Dichter meine Gedanken und dass ich in seinem Hang zur blumigen Sprache ein südländisches Temperament sähe.
Ich meine, wenn sein Name Carl Ove Knausgaard wäre, hätte ich eine ruhige, lakonische Sprache eben dem nordischen Temperament zugeschrieben. Wohingegen mich dieses Überquellende, Pralle, dieses Schnörkelige, vor Adjektiven schier explodierende bei einem Knausgaard wundern würde.
Der Jungautor teilte meinen Gedanken nicht.
Er nannte ihn Alltagsrassismus.
Vielleicht war er nur empfindlich in dieser postmodernen Pegida Welt, oder er wollte wie alle Schreibanfänger Lob und Anerkennung für seine ersten lyrischen Gehversuche ernten. Vielleicht hatte er einfach Recht.
Ich weiß es nicht und war verdattert. Alltagsrassismus. Damit hatte ich mich noch nie identifiziert. Ich lebe in einer multikulturellen Familie und habe einen bunten Freundeskreis.

Okay, dachte ich, lass uns über Alltagsrassismus reden. Lass uns über Dinge sprechen, die ich sonst ohne Urteil annehme. Lass uns sprechen darüber, dass es türkische Nachbarn gibt, die deutsche Mädchen für Huren halten. Und wenn einer ihrer Söhne sich in eine Deutsche verliebt, droht ihm Enterbung. Kinder, die einer solchen Liebe entspringen, werden von der Familie des Mannes nicht selten als Hurenbastarde bezeichnet.
Lass uns darüber reden, dass Frauen, die sich stolz verschleiern, oder das Kopftuch tragen, unverschleierten Frauen manchmal vorwerfen, Sexualobjekte zu sein, arme, von Männern missbrauchte Opfer, die das selber nicht wahrnehmen.

Andererseits, warum verdammt noch mal läuft der NSU Prozess jetzt so unauffällig im Hintergrund unserer Gesellschaft ab?
So, als ob nie etwas gewesen wäre?

Alltagrassismus ist eine Drehtür.

Ich schrieb dem jungen Dichter eine Nachricht, dass es mir leid täte, wenn meine Sätze so bei ihm angekommen seien und auch, dass ich einfach nur an GrUp TekkAn und Orhan Pamuk gedacht hätte.
Dann verließ ich die Autorengruppe wie ich es schon mehrfach angekündigt, aber nicht getan hatte. Ich fühlte mich dort schon lange fehl am Platz.
Am nächsten Tag schrieb er mir zurück. „Ich bin aus der Gruppe rausgegangen“,
und „Der Türke ist weg. Ihr seid wieder unter euch.“
Das tat weh.
Als Großmutter eines halbtürkischen Enkels, weiß ich, dass diese Reaktion am selben Zweig blüht wie die blumige Sprache, dramatisch rote Blüten südländischen Temperaments, die mit ihrem überquellenden Duft die Nasen betören oder reizen können.
Ich sehe es wieder vor mir, wie wir an einem warmen Sommerabend bei Kerzenschein im Garten saßen. Mein Mann improvisierte etwas auf der Gitarre. Und  unser siebenjähriger Enkel fing an zu singen. Er sang von König Artus, vom roten Ritter, von Schwertkampf, von Liebe und Treue. Worte, die er sich im selben Moment ausdachte, in dem sie seinen Mund verließen und zum Himmel schwebten. Er sang in melodischen Schnörkeln. Ein bisschen klang es wie der Gebetsruf ein Muezzin vermischt mit einem Hauch von Poetry Slam.
Zum Niederknien.

Ich mag GrUp TekkAn. Ihren Text hätte ich allerdings in einer Autorengruppe handwerklich bemängelt. Und ich hätte ihnen südländisches Temperament bescheinigt.
Eine großartige Sache, diese blumige Sprache, aber bitte, wenn Ihr schreiben wollt, lernt doch, sie so wunderbar zu benutzen wie Orhan Pamuk oder Elif Shafak. Lernt das Handwerk.
Und dann hoffe ich, dass wir uns begegnen in einer Zeit, in der Rassismus nicht hinter jeder Ecke vermutet wird, direkt neben dem Ärger, der uns ja laut eines lakonisch deutschen Textes von Stephan Stoppok nicht anschmieren kann.
Glück auf.
Und beim nächsten Mal erzähle ich vielleicht, wie ich es schaffte, dass der Rassismusvorwurf flugs gegen den des Antisemitismus ausgetauscht wurde.
© gabriele  auth

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Regen

Wunderzaubertropfenküsse
kosen, krabbeln, kitzeln mich
Plusterwirbelzausewind
pustet mir durchs Haar
hüpft neben, über, hinter mir
hüpft durch mich durch
sogar,
Wolken tanzen im
Walzerschritt.
Der Himmel lacht Tränen
mein Herz lacht mit.
© gabriele auth

Manchmal Mai

Manchmal ist es zum Weinen schön
Ein Schmetterling auf einer Blüte
leuchtend in der Frühlingssonne.

Ein Kind, so klein,
viel kleiner als das Pferd,
vor dem es steht,
staunend zu weichen Nüstern
empor gesprochen
da
den kleinen Finger hochgereckt.

Ein Kinderrad
mit Schwung auf einen Hof geworfen,
Lachen unter wirrem Haar
blitzende Augen
im Schatten einer Scheune.
die Bremsen sind kaputt,
ich musste springen.

Ein Kreis von Menschen
geliebt, vertraut,
unter dem Maimond,
ein vergessener Schlüssel
auf einer Gartenbank.
Ein Brot zu viel
und die erstaunte Stimme
am neuen Telefon.

Manchmal ist es zum Weinen schön.
Und zum Danken.
Immer zum Danken.

© gabriele auth

Nachtmahr

Die Treppe hinauf, in die Dachkammer geflüchtet,
höre ich sie ums Haus schleichen.
Blutunterlaufenes Heulen begleitet ihr rasendes Rütteln
an den verschlossenen Türen.
Sie alle sind versammelt.
Der Rattenfüßige, der den Kopf in jedes Erdloch bohrt,
um meinem Herzschlag durch die Erde aufzuspüren.
Eis ist sein Atem.
Die graugesichtige Alte mit den Fledermausflügeln,  die nach meiner Wärme giert.
Sie frisst die Feuer der Herzen.
Der Schlimmste, der mit der Löwenmähne,
der mit Schlangenaugen durch mein Fenster späht.
Mit sanfter Stimme ruft er meinen Namen und
behauptet, mein verlorener Geliebter zu sein.
Er lügt.
Er ruft den falschen Namen.
Mein Geliebter hatte nie Schlangenaugen.
Banges Warten auf den Morgen.
Beim ersten Strahl der Sonne verweht der Spuk.
Das Gelichter verschwindet in seinen Löchern.
Ich überprüfe die Schlösser.
Rüste mich  für den Ansturm der kommenden Nacht.
© gabi m. auth

Apokalypse

Willkommen, bienvenue, welcome, bienvenida, hello und powitanie.
Auch ihr seid dabei.
Nicht drängeln. Es ist Platz für alle da . Ja, wirklich, jeder von uns hat seit Äonen seinen  eigenen Platz in diesem Spiel. Ob ihr wollt oder nicht, ihr hängt mit drin. Keiner kommt hier lebend raus. Ob ihr zappelt oder schreit, oder, so ganz pseudoschlau, euch nicht bewegt. Ganz still versucht, euch unsichtbar zu machen.
Könnt Ihr vergessen.
Rien nè vas plus.
Wir sind alle am Start und die Regeln sind klar.
Es ist alles da.
Das Tier aus dem Abgrund. Seht gut hin.
Und Feuer vom Himmel, Posaunen, das Schwert,
Pest, Plagen, die ganze, verdammte Apokalypse.
Jetzt und Hier.
Wir sind mittendrin.
Und am Ende
am Ende
sind wir tot
oder

frei
© gabi m. auth

Komm

Komm
Nimm die Welt mir
von den Schultern
den Krieg, das Morden,
Hunger, Leid und
das falsche Lächeln
der Mächtigen.

Den Fernseher aus,
die Zeitung ins Feuer,
nimm die Gitarre
und spiel unser Lied,
das sanfte, vertraute
von Liebe und Glück.

Um unsere Hände
lass Bänder uns winden,
und lass unsere Herzen
im Gleichklang fliegen
hinaus zu den Sternen
den schweigenden.

(c) Gabriele Auth

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Das war das Schönste

Du warst hinausgeschwommen
und ich sah deinen Kopf
mit nassen Wuschelhaaren,
bloß so,
über den Wellen,
als ob du tanzen würdest.
Und wie du mir gewunken hast.
Ich konnte dein Lachen nicht hören,
wusste aber, es ist da.
Schön war das.
Ich schrieb in den Sand:
ich liebe dich.
Als du aus dem Wasser kamst,
hatte es der Wind verweht.
Macht ja nichts.

Jetzt schreib ich es
in meine Augen,
da kannst du es
jeden Tag lesen.

Und nächste Woche,
geh ich zum Copyshop,
und lass es auf
ein T-Shirt drucken
in Feuerrot auf rosa
„ich liebe dich“
Das ziehe ich an,
wenn du kommst,
du wirst lachen,
und ich finde das schön.
Schöner als den Vollmond
über den Bäumen am Kreidefelsen.
Als wir draußen geschlafen haben.
Unter den Sternen.
Das war das Schönste.
© gabi m. auth