Nicht seine Welt

Er steht an der Wand mit den Wochenplänen. Ein großer, stämmiger Typ mit tätowiertem Kopf. Von der Stirnmitte bis zum Nacken zieht sich ein stoppelkurzer Streifen Haare. Irokesenschnitt. Die äußeren Ränder seiner Ohren sind mehrfach gepierct. Eine Goldkreole neben der anderen. Bis zu den Ohrläppchen. Sein mächtiger Oberkörper steckt in einem karierten Hemd, das am Hals weit geöffnet ist.
Drei Reihen Gold blitzen dort in der kleinen Kuhle unterhalb des Adamsapfels. Sie bilden einen leuchtenden Kontrast zu der rotbraunen Haut, die seltsam lederartig aussieht und mich an einen Leguan erinnert. Eine Fleecejacke mit indianischem Muster spannt sich über den Schultern. Die Beine, in braunen Tarnhosen, stemmen sich gegen den abgetretenen PVC Boden.
Wir wollen uns erden, scheinen die Füße in den abgetretenen Turnschuhen zu schreien, erden gegen die Angst, gegen das verfickte Gefühl in einem schlechten Traum festzustecken. Die rechte Hand ist zur Faust geballt. Die linke umklammert eine abgewetzte Sporttasche aus schwarzem Nylon.
Reglos steht er da, die Kiefer fest aufeinander gepresst. Der Blick aus leicht zusammengekniffenen, braunen Augen schweift wie Halt suchend durch den Raum. Er taxiert die nüchterne Einrichtung. Weiße Resopaltische, schwarze Stühle. Es ist Essenszeit. An allen Tischen sitzen Patienten, essen, reden, lachen. Das Summen der Gespräche wabert wie eine unsichtbare, amorphe Masse durch den Raum.

Ich schließe die Augen und fühle mich in ein Freibad versetzt. Als ob sie meine Assoziation bekräftigen will, schickt die Sonne ein breites Lächeln durchs Fenster. Ich fühle es auf den Wangen wie ein zärtliches Nichts, öffne die Augen, beobachte den neuen Patienten. Indianer, nenne ich ihn in Gedanken. Verloren sieht er aus. Wie er da an der Wand steht im Aufenthaltsraum einer Reha Klinik für psychosomatische Erkrankungen. Seine imposante Breite sendet Einsamkeit aus. Und Angst. Ich spüre fast, wie sie von seinen Schultern durch den leicht angewinkelten Arm in die geballte Faust strahlt. Wenn die Angst übermächtig würde, könnte diese ledrige, rotbraune Faust nach vorne schnellen.
Wo so eine Faust hinhaut, da wächst kein Gras mehr, flüstert es in meinem Kopf.
Blöder Machospruch, denke ich.
Der Indianer hat sich nicht einen Millimeter bewegt. Sein Blick geht jetzt über die Köpfe der Patienten ins Leere. Ich stehe auf, gehe auf ihn zu.
„Hat dir schon einer gezeigt, wo du deinen Kram abstellen kannst?“
Ich deute auf die Sporttasche die traurig vor seinen Beinen hängt. Viel scheint da nicht drin zu sein. Er sieht mich an, prüfend.
„Ja. Brauch ich nicht. Ich halt die Sachen bei mir“, knurrt er. „Das hier macht mich aggro. „Ist nicht meine Welt.“
Wir schweigen. Was soll ich ihm schon sagen?
Ist nicht seine Welt. Meine ist es auch nicht. Darum sind ja alle hier. Weil es nicht ihre Welt ist. Weil sie sich vor der Kälte nach Innen verkrochen haben. Die Türen verschlossen und den Schlüssel verschluckt.
„Das geht Vielen am ersten Tag so“, antworte ich. „Ist einfach ein komisches Gefühl, aber das wird nach ein paar Tagen besser“.
Ich lächele. Er steht und sieht mich an. Ein Blick vor dem die Jalousien sich für einen winzigen Moment geöffnet haben. Dahinter ahne ich einen dunklen Gang, unbegehbar, vollgestopft mit zerschlagenen Kinderwünschen.
Ein verlassener Junge von mindestens vierzig Jahren vor einem verlassenen Mädchen.
„Willste nicht wenigstens die Jacke ausziehen?“
Ich zeige in Richtung Garderobe. Er scheint einen Moment nachzudenken. Schließlich nickt er. Sein Gesicht entspannt sich ein wenig als er sich umdreht und zum Kleiderständer geht. Ich sehe hinterher. Das Drachentatoo in seinem Nacken leuchtet blauschwarz. Ist nicht meine Welt scheinen seine Schultern zu sagen.
Ist es meine Welt, frage ich mich.
Aber wessen Welt soll es denn sonst sein, wenn nicht unsere?
© gabi m. auth

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