Minenfelder

Gestern, neulich, oder irgendwann spät abends, in einer Facebook Autorengruppe. Ein junger Mann, sympathisch aussehend, freundlich, lud ein Gedicht hoch. Er bat um Anmerkungen.
Und schon eierten wir über das Minenfeld der Lyrik, auf dem man schnell daneben treten kann und

B O O M.

Die Kommentare pitchten hin und her, Pingpongbälle der literarischen Gelehrsamkeit und freundlich aufbauende Botschaften aus dem Genre wenn ich deinen Text lobe, lobst du beim nächsten Mal auch meinen und wir sind beide glücklich.

Ich gebe zu, diese Art von win win Beifall liegt mir nicht. Der Text wurde als Gedicht, als Lyrik hochgeladen, las sich jedoch wie ein Schlagertext. Nichts dagegen einzuwenden. Atemlos durch die Nacht verkauft sich Millionenfach. Irgendwie Geschmacksache. Andererseits gibt es ein Handwerk des Schreibens, das viele Autoren gerne mit der Begründung, Schreiben sei Kunst und Kunst kann alles, in den Staub treten. Ich habe immer ein wenig den Verdacht, sie reden gern von künstlerischer Freiheit, wenn sie das verschmähte Handwerk nicht beherrschen.
Es kam das Unabänderliche. Ich hatte mir geschworen, es nicht mehr zu tun, aber ich tat es. Ich tat es schon wieder. Ich wies auf handwerkliche Mängel hin. Ich verglich das Gedicht mit einem Schlagertext. Und. Gott, ja, ich wagte es die Formulierung  Ich werde dich nie mehr vergessen, als abgenutzt und als nah am Kitsch zu bezeichnen.
Ein anderes Gruppenmitglied fragte, ob der Verfasser Türke sei. Nun, ja, sein Name klang tatsächlich türkisch. Er bestätigte und wollte den Hintergrund der Frage wissen. Der Frager hüllte sich zunächst in ein nichtssagendes „Nur so“ und danach in vielsagendes Schweigen.
Der junge Dichter war verärgert.
Ich konnte seine Empfindlichkeit nachvollziehen. Aus welchem Grund könnte seine Nationalität eine Rolle spielen?
Warum ist es wichtig, ob der Verfasser eines Gedichtes Türke, Schwede oder Franzose ist?
Und plötzlich, ganz hinterhältig und ohne Vorwarnung schraubte sich ein Lied in meine Gehirnwindungen.
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch daran. GrUp TekkAn, kein Witz, die hießen wirklich so, millionenfach geklickt bei youtube,
Wo bist du mein Sonnenlicht?
Drei junge Türken landeten einen Hit, kitschig, ein bisschen abgedroschen, und ungeheuer charmant.
Ein Hit, der in dieser Art von drei jungen Schweden nicht möglich gewesen wäre.
Und dann dachte ich an die Sprache von Orhan Pamuk oder Elif Shafak überquellend, voller Adjektive, aber nie kitschig.
Ich schrieb dem jungen Dichter meine Gedanken und dass ich in seinem Hang zur blumigen Sprache ein südländisches Temperament sähe.
Ich meine, wenn sein Name Carl Ove Knausgaard wäre, hätte ich eine ruhige, lakonische Sprache eben dem nordischen Temperament zugeschrieben. Wohingegen mich dieses Überquellende, Pralle, dieses Schnörkelige, vor Adjektiven schier explodierende bei einem Knausgaard wundern würde.
Der Jungautor teilte meinen Gedanken nicht.
Er nannte ihn Alltagsrassismus.
Vielleicht war er nur empfindlich in dieser postmodernen Pegida Welt, oder er wollte wie alle Schreibanfänger Lob und Anerkennung für seine ersten lyrischen Gehversuche ernten. Vielleicht hatte er einfach Recht.
Ich weiß es nicht und war verdattert. Alltagsrassismus. Damit hatte ich mich noch nie identifiziert. Ich lebe in einer multikulturellen Familie und habe einen bunten Freundeskreis.

Okay, dachte ich, lass uns über Alltagsrassismus reden. Lass uns über Dinge sprechen, die ich sonst ohne Urteil annehme. Lass uns sprechen darüber, dass es türkische Nachbarn gibt, die deutsche Mädchen für Huren halten. Und wenn einer ihrer Söhne sich in eine Deutsche verliebt, droht ihm Enterbung. Kinder, die einer solchen Liebe entspringen, werden von der Familie des Mannes nicht selten als Hurenbastarde bezeichnet.
Lass uns darüber reden, dass Frauen, die sich stolz verschleiern, oder das Kopftuch tragen, unverschleierten Frauen manchmal vorwerfen, Sexualobjekte zu sein, arme, von Männern missbrauchte Opfer, die das selber nicht wahrnehmen.

Andererseits, warum verdammt noch mal läuft der NSU Prozess jetzt so unauffällig im Hintergrund unserer Gesellschaft ab?
So, als ob nie etwas gewesen wäre?

Alltagrassismus ist eine Drehtür.

Ich schrieb dem jungen Dichter eine Nachricht, dass es mir leid täte, wenn meine Sätze so bei ihm angekommen seien und auch, dass ich einfach nur an GrUp TekkAn und Orhan Pamuk gedacht hätte.
Dann verließ ich die Autorengruppe wie ich es schon mehrfach angekündigt, aber nicht getan hatte. Ich fühlte mich dort schon lange fehl am Platz.
Am nächsten Tag schrieb er mir zurück. „Ich bin aus der Gruppe rausgegangen“,
und „Der Türke ist weg. Ihr seid wieder unter euch.“
Das tat weh.
Als Großmutter eines halbtürkischen Enkels, weiß ich, dass diese Reaktion am selben Zweig blüht wie die blumige Sprache, dramatisch rote Blüten südländischen Temperaments, die mit ihrem überquellenden Duft die Nasen betören oder reizen können.
Ich sehe es wieder vor mir, wie wir an einem warmen Sommerabend bei Kerzenschein im Garten saßen. Mein Mann improvisierte etwas auf der Gitarre. Und  unser siebenjähriger Enkel fing an zu singen. Er sang von König Artus, vom roten Ritter, von Schwertkampf, von Liebe und Treue. Worte, die er sich im selben Moment ausdachte, in dem sie seinen Mund verließen und zum Himmel schwebten. Er sang in melodischen Schnörkeln. Ein bisschen klang es wie der Gebetsruf ein Muezzin vermischt mit einem Hauch von Poetry Slam.
Zum Niederknien.

Ich mag GrUp TekkAn. Ihren Text hätte ich allerdings in einer Autorengruppe handwerklich bemängelt. Und ich hätte ihnen südländisches Temperament bescheinigt.
Eine großartige Sache, diese blumige Sprache, aber bitte, wenn Ihr schreiben wollt, lernt doch, sie so wunderbar zu benutzen wie Orhan Pamuk oder Elif Shafak. Lernt das Handwerk.
Und dann hoffe ich, dass wir uns begegnen in einer Zeit, in der Rassismus nicht hinter jeder Ecke vermutet wird, direkt neben dem Ärger, der uns ja laut eines lakonisch deutschen Textes von Stephan Stoppok nicht anschmieren kann.
Glück auf.
Und beim nächsten Mal erzähle ich vielleicht, wie ich es schaffte, dass der Rassismusvorwurf flugs gegen den des Antisemitismus ausgetauscht wurde.
© gabi m. auth

https://www.youtube.com/watch?v=Mue6Vc_T9Ds

2 Gedanken zu “Minenfelder

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