Spatzenzeit

Es war glaube ich John Lennon, der gesagt hat: Leben ist das, was passiert, während du damit beschäftigt bist, Pläne zu machen.“
Wer auch immer es gesagt hat, der Mann hatte verdammtnochmal Recht.
An dieser Stelle sollte der nächste Teil des Englandtagebuchs stehen. Für alle, die es gerne lesen, es wird natürlich weitergehen, sofern das Leben meine Pläne berücksichtigt.
Nur eben nicht jetzt.
Das liegt daran, dass Juni ist.
Die Spatzen haben ihre Nester am Dach des Pferdestalls gebaut, der sich an unser Haus lehnt wie ein Greis, der Wange an Wange neben seiner Frau auf der Parkbank sitzt.
Wie immer in dieser Jahreszeit höre ich das Schreien der Nestlinge unter dem Dach.
Wie jedes Jahr hoffe ich, dass sie überleben.
Jeden verdammten Juni seit ich hier wohne, fallen ein paar von ihnen aus dem Nest, stürzen auf den Steinboden vor dem Haus. Meistens sind sie sofort tot. Einige von den sehr jungen, noch fast nackten Spatzen, die fast wie kleine Saurier aussehen, starben wenige Minuten, nachdem ich sie gefunden hatte, in meinen Händen. Zwei von ihnen, die schon erste flaumige Federn hatten, überlebten immerhin einige Tage.
Ja ja, ich weiß, es sind nur kleine Spatzen, nichts weiter, sagen manche.
Für mich ist das anders. Ich bin so eine alte Hippie-Else, eine, die im Freibad Wespen aus dem Becken fischt und auf die Wiese trägt, wo sie trocknen und dann weiter fliegen. Klar schimpfe ich auch auf die verdammten Wespen, wenn sie mich mal stechen, aber beim nächsten Mal trage ich sie wieder aus dem Wasser. Als Kind habe ich wohl erwartet, dass sie mich als „besonders nützlich“ kennzeichnen, so dass alle ihre Wespenkollegen das Zeichen sehen und mich verschonen. Wenn ich es genau betrachte, bin ich in meinem Leben tatsächlich nur drei Mal von einer Wespe gestochen worden. Ich nehme an, die drei waren nicht gut im Zeichen lesen. Oder aber sie haben mich auf diese Weise gekennzeichnet und ich seh’s nur nicht.
Egal, was nun die Rettung der gefallenen Spatzenbabies angeht, es blieb jedes traurige Mal bei dem Versuch. Keiner der kleinen Findevögel hat überlebt. Und ja, ich habe geheult. Obwohl ich die Aussichtslosigkeit meiner Versuche  nicht vergesse,  will ich keines von ihnen hilflos dort am Boden liegen lassen wo Pferde, Reiter, Hunde und Katzen vorbei laufen und wo die Eltern keine Chance haben, ihr Junges weiter zu füttern. Ich meine, ich könnte es nicht.  Für mich sind es Babies, atmende, fühlende, kleine Federlinge, die das Potential des freien Falls genaus so in sich tragen wie das des freien Fluges. Alleine das macht sie uns Menschen ähnlich.
Okay, also, wie gesagt, es ist Juni, da fallen  die Spatzen aus dem Nest. Und vor mir auf dem Hof, direkt neben der Mülltonne, hockt plötzlich so ein schreiender kleiner Nestling. Es gibt keine richtige Beschreibung für das Gefühl, das der Anblick dieses winzigen Wesens in mir auslöst. Alles in mir geht auf standby mit Ausnahme dieses namenlosen XXL Gefühls.
Und ehe du bis zehn zählen kannst, sitzt das Vögelchen in einem Karton voller Heu in meinem Badezimmer und ich erinnere mich nur vage, wie es dorthin gekommen ist. Der Kleine ist nicht ganz so federlos wie seine verstorbenen Vorgänger. Er hat sogar schon winzige Schwungfedern an den Flügeln. Wie er da so zusammengekauert im Nest sitzt, könnte man ihn fast für vollständig halten, wäre da nicht dieser übergroße Schnabel mit den gelben Mundwinkeln. Ich weiß nicht, ob sich das jemand vorstellen kann, der es noch nie gesehen hat. Wenn der Winzling nur ein wenig die Flügel spreizt und versucht, sich wärmesuchend tief in das Heu zu graben,   dann sieht man, dass er unter den Flügeln und am Bauch noch nackt ist. Seine Haut ist etwas rötlicher, aber im Grunde genau wie unsere Haut.  Ich lege ihm eine Wärmeflasche unter das Heu und koche ein Ei.
Vor kurzem habe ich gesehen, wie ein Nestling gefüttert wurde. Der Tierarzt hatte Quark verordnet, verrührt mit gekochtem Eigelb und geriebenem Zwieback. Kleine Bröckchen dieser Mischung wurden auf einen Zahnstocher gespießt und dem Vogelbaby vorsichtig tief in den weit geöffneten Schnabel gesteckt.
Es kommt mir so vor, als hätte das Leben mir den Crash Kurs in Vogelaufzucht beschert, weil ein Spatzenbaby auf mich wartete. Oder war es am Ende umgekehrt?
Wie auch immer, mein halb gefiederter Nestling bekommt Quark mit Ei und Zwieback. Er sperrt den Schnabel so weit auf, dass man meinen könnte, er wäre ein Schnabel auf Beinen, ziemlich langen, wackeligen Beinen, die ihm das Aussehen eines Flugsauriers geben. Wenn der Schnabel geschlossen ist verleiht er dem winzigen Spatzengesicht etwas clowneskes, wegen der gelben Schnabelränder, die aussehen wie ein aufgemalter Clownsmund. Ein trauriger kleiner Clown, der Hunger hat und friert.

9 Gedanken zu “Spatzenzeit

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