Spatzentage 10

Ich lese im Internet, dass man Ästlingen zusätzlich zu der Aufzuchtnahrung, irgendwann auch Maden und Würmer geben soll.
Also, konkret steht da es sollen Buffalo Würmer sein, weil die klein sind. Und Wachsmaden oder Pinkies. Ich frage in der Zoohandlung danach. Man schickt mich zum Anglerbedarf.
Kein Problem, es ist Sommer, ich liebe Roller fahren. Im Anglerbedarf werde ich fündig. Buffalo Würmer kennt die Dame dort zwar nicht, aber sie empfiehlt mir Rotwürmer. Das wären sowieso die kleinsten und würden gerne genommen. Ich bin unschlüssig. Ich meine, ich will ja keine Fische fangen. Aber okay, wenn es die kleinsten sind. Ich nehme eine Schachtel Rotwürmer und eine Schachtel Pinkies. Der Name täuscht, weil er so nett klingt.  In Wirklichkeit  sind es kleine, gelbliche Maden, die in der durchsichtigen Schachtel umherwimmeln, dass einem kotzübel werden kann.
Als ich Zuhause ankomme, sind die Dinger von der Rollerfahrt so durchgerüttelt, dass sie sich alle am Deckelrand versammelt haben. Es müssen Hunderte sein. Wahrscheinlich wollen sie verzweifelt raus aus der Kiste. Ich verzichte darauf, mir vorzustellen, was passiert, wenn ich den Deckel öffne. Sobald ich nur ansatzweise daran denke, tun sie mir nicht mehr leid. Einfrieren, entscheide ich. Ab zu den Spring-Heimchen ins Gefrierfach. Ich glaube,  bin ein Monster.
Okay, fange ich halt mit den Rotwürmern an. Die winden sich in einer, mit Erde gefüllten Dose. Mit der Pinzette picke ich einen von ihnen heraus und spüle ihn unter dem Wasserhahn ab.
Das sollen die kleinsten sein, die es gibt? Ich möchte auf keinen Fall wissen, wie die größten aussehen. Es schüttelt mich ein bisschen. Ich werde den Wurm zerteilen müssen. Okay, er ist ziemlich dünn, aber locker fünf bis sechs Zentimeter lang. Oder länger. Und jeder Millimeter versucht der Pinzette zu entkommen, windet sich und ringelt sich von zwei Seiten hoch an dem Metall.
Es gelingt mir nicht, ihn  mit der Pinzette zu zerteilen. Da hilft nur die Schere. Ich schneide ihn in vier Teile. Alle vier zucken und winden sich auf dem Dosendeckel, den ich als Unterlage benutzt habe. Ich weiß, dass Würmer das tun, wenn man sie zerteilt. Habe ich vor tausend Jahren im Biologie-Unterricht gelernt. Hab’s bis heute nie ausprobiert.
Es ist ziemlich… Also ich erinnere mich nicht, wann ich mich das letzte Mal so sehr geekelt habe. Ich meine, so richtig geekelt, so, dass man sich hinterher noch schütteln muss, wenn man daran denkt. Ist eine komische Mischung aus Selbstekel und Ekel vor diesen Wurmviechern.
„Ich hätte nicht geglaubt, dass ich so was mal mache“, sage ich zu dem Piepmatz.
Der sperrt den Schnabel auf und scheint schwer begeistert von dem Wurmragout. Danach gibt es wie immer eine Breiportion und der kleine Prinz ist satt. Während es mich immer noch schüttelt schläft er ein.
Am Abend zerteile ich wieder einen Rotwurm. Es ist noch schlimmer als beim ersten Mal.  Der Federling verspeist nur die Hälfte davon, und ich beschließe, dass es solche Würmer nicht mehr geben wird. Ich meine, die Dinger bluten sogar. Dann lieber Mehlwurmköpfe knacken.
Wir machen wieder Flugübungen.
Der Kleine flattert von meiner Hand in sein Nest auf dem Käfigboden. Mehrere Male macht er das. Dann ändert er unvermittelt die Richtung, flattert an meine Brust, hält sich mit den Krallen am T-Shirt fest und hangelt sich hoch auf meine Schulter.
Es kitzelt.
Er hüpft in meinen Nacken und kuschelt sich unter meine Haare, zieht  eine Strähne  durch seinen Schnabel und  zwickt  mich leicht mit dem Schnabel in den Nacken.
Es kitzelt noch mehr.
Das schafft mich,  also ich hänge total in den Seilen. Es ist wie auf einer Wiese in der Sonne liegen und die Grashalme an den nackten Armen spüren. Kitzelig. Warm. Schön. So eine Art Gefühl ist das.
Vorsichtig hole ich den Piepmatz nach ein paar Minuten aus meinem Nacken in meine Hand. Er kuschelt sich ein und schließt die Augen. Als ich ihn später in sein Haus setzen will, tschilpt er. Es klingt wie: „Mehr kuscheln bitte“.
Na gut, du Schmusevogel“, sage ich und nehme in wieder in die Hände. So sitzen wir ungefähr eine viertel Stunde und kuscheln, also, er mit meiner Hand, während ich sein Köpfchen streichele. Er zirpt und schläft ein. Aber, sobald ich ihn in sein Haus setzen will, tschilpt er. Ich biete ihm Aufzuchtfutter an. Will er nicht. Also nehme ich ihn wieder in die Hand. Es ist spät. Ich bin müde. Irgendwann setze ich ihn ins Haus.
„Schlaf gut, kleiner Matze“, sage ich. Er tschilpt und ich decke das dünne Tuch für die Nacht über den Käfig. Der Federling tschilpt noch einmal, als ich die Tür schließe. Ich trinke den letzten Schluck Rotwein aus meinem Glas und mache mich klar fürs Bett.
„Ich denke, am Sonntag können wir ihn fliegen lassen“, sagt T.
„Ich glaube, er ist ein Mädchen“, sage ich.

4 Gedanken zu “Spatzentage 10

      1. Ich bin mit Dir traurig. Hab ich doch heute/gestern (manchmal ist das mit der zeitversetzten Schreiberei echt schwierig) noch extra hierher verwiesen … Und nun das.

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