Federling

Es ist halb sieben, als ich aufwache. Der Wecker hat noch nicht geklingelt. Es ist still. Kein Tschilpen. Na ja, gestern abend war es spät. Ich gehe ins Badezimmer. Als ich die Tür öffne, wird er nicht wach.
„Aufwachen, Piepmatz“, sage ich und habe ein ganz mieses Gefühl. Er müsste eigentlich wachwerden. Vorsichtig linse ich durch das Tuch auf dem Käfig. Ich sehe keine vertraute, plustrige Spatzenkugel auf der Stange. Vielleicht sitzt er ja im Heu. Eigentlich weiß ich es, aber ich will es nicht wissen.
Ich nehme das Tuch vom Käfig. Er liegt auf dem Boden im Heu, so ganz klein und unplustrig. Regungslos. Ein Federling, der fortgeflogen ist.
„Er ist tot“, schreie ich und trage den Käfig ins Schlafzimmer. „Er ist verdammtnochmal tot T. Wieso? Das kann gar nicht sein.“
T sagt, dass er dasselbe miese Gefühl beim aufwachen hatte,als er kein Tschilpen hörte.
Ich nehme den Kleinen Spatzen behutsam in meine Hand, als ob es nicht längst egal wäre, als ob noch etwas kaputt gehen könnte. Er fühlt sich fast an wie immer. Er ist in meiner Handhöhle geborgen, aber er ist nicht da.
Heulend sitze ich auf dem Boden neben dem Käfig, eine Ewigkeit, den toten Federling in der Hand. Ich heule und spreche mit ihm, mit T, mit dem Universum, mit mir selbst: „Aber, warum?“
T versucht mich zu trösten. Ich bin untröstlich. Irgendwann, hundert Stunden später, bette ich den Federling in ein Nest aus frischem Heu und lege es in einen Schuhkarton. Darin liegt er bis zum Abend. Als T von der Arbeit kommt, begraben wir ihn mit dem Heu unter einem Ahornbaum hinter dem kleinen Reitplatz. Ich halte das Nest in den Händen, sehe den kleinen Körper mit den braungrauen Federn noch ein Mal an und weine. Diese Woche wollten wir ihn fliegen lassen.

Es gibt unzählige Spatzen. Der Federling ist nur einer von ihnen. Aber für mich ist es genau so, wie es im Buch „Der kleine Prinz“ steht. Wenn du dir ein Wesen, das nur eines unter vielen ist, vertraut machst, wenn du dich auf dieses eine einlässt, dann wird es besonders für dich. Es ist nicht länger ein Spatz unter vielen, sondern der Eine, mit dem du vertraut bist.
Dann tschilpt er nicht mehr wie alle Spatzen, sondern alle tschilpen wie er. Und du hörst immer ihn.

Spatzentage 10

Ich lese im Internet, dass man Ästlingen zusätzlich zu der Aufzuchtnahrung, irgendwann auch Maden und Würmer geben soll.
Also, konkret steht da es sollen Buffalo Würmer sein, weil die klein sind. Und Wachsmaden oder Pinkies. Ich frage in der Zoohandlung danach. Man schickt mich zum Anglerbedarf.
Kein Problem, es ist Sommer, ich liebe Roller fahren. Im Anglerbedarf werde ich fündig. Buffalo Würmer kennt die Dame dort zwar nicht, aber sie empfiehlt mir Rotwürmer. Das wären sowieso die kleinsten und würden gerne genommen. Ich bin unschlüssig. Ich meine, ich will ja keine Fische fangen. Aber okay, wenn es die kleinsten sind. Ich nehme eine Schachtel Rotwürmer und eine Schachtel Pinkies. Der Name täuscht, weil er so nett klingt.  In Wirklichkeit  sind es kleine, gelbliche Maden, die in der durchsichtigen Schachtel umherwimmeln, dass einem kotzübel werden kann.
Als ich Zuhause ankomme, sind die Dinger von der Rollerfahrt so durchgerüttelt, dass sie sich alle am Deckelrand versammelt haben. Es müssen Hunderte sein. Wahrscheinlich wollen sie verzweifelt raus aus der Kiste. Ich verzichte darauf, mir vorzustellen, was passiert, wenn ich den Deckel öffne. Sobald ich nur ansatzweise daran denke, tun sie mir nicht mehr leid. Einfrieren, entscheide ich. Ab zu den Spring-Heimchen ins Gefrierfach. Ich glaube,  bin ein Monster.
Okay, fange ich halt mit den Rotwürmern an. Die winden sich in einer, mit Erde gefüllten Dose. Mit der Pinzette picke ich einen von ihnen heraus und spüle ihn unter dem Wasserhahn ab.
Das sollen die kleinsten sein, die es gibt? Ich möchte auf keinen Fall wissen, wie die größten aussehen. Es schüttelt mich ein bisschen. Ich werde den Wurm zerteilen müssen. Okay, er ist ziemlich dünn, aber locker fünf bis sechs Zentimeter lang. Oder länger. Und jeder Millimeter versucht der Pinzette zu entkommen, windet sich und ringelt sich von zwei Seiten hoch an dem Metall.
Es gelingt mir nicht, ihn  mit der Pinzette zu zerteilen. Da hilft nur die Schere. Ich schneide ihn in vier Teile. Alle vier zucken und winden sich auf dem Dosendeckel, den ich als Unterlage benutzt habe. Ich weiß, dass Würmer das tun, wenn man sie zerteilt. Habe ich vor tausend Jahren im Biologie-Unterricht gelernt. Hab’s bis heute nie ausprobiert.
Es ist ziemlich… Also ich erinnere mich nicht, wann ich mich das letzte Mal so sehr geekelt habe. Ich meine, so richtig geekelt, so, dass man sich hinterher noch schütteln muss, wenn man daran denkt. Ist eine komische Mischung aus Selbstekel und Ekel vor diesen Wurmviechern.
„Ich hätte nicht geglaubt, dass ich so was mal mache“, sage ich zu dem Piepmatz.
Der sperrt den Schnabel auf und scheint schwer begeistert von dem Wurmragout. Danach gibt es wie immer eine Breiportion und der kleine Prinz ist satt. Während es mich immer noch schüttelt schläft er ein.
Am Abend zerteile ich wieder einen Rotwurm. Es ist noch schlimmer als beim ersten Mal.  Der Federling verspeist nur die Hälfte davon, und ich beschließe, dass es solche Würmer nicht mehr geben wird. Ich meine, die Dinger bluten sogar. Dann lieber Mehlwurmköpfe knacken.
Wir machen wieder Flugübungen.
Der Kleine flattert von meiner Hand in sein Nest auf dem Käfigboden. Mehrere Male macht er das. Dann ändert er unvermittelt die Richtung, flattert an meine Brust, hält sich mit den Krallen am T-Shirt fest und hangelt sich hoch auf meine Schulter.
Es kitzelt.
Er hüpft in meinen Nacken und kuschelt sich unter meine Haare, zieht  eine Strähne  durch seinen Schnabel und  zwickt  mich leicht mit dem Schnabel in den Nacken.
Es kitzelt noch mehr.
Das schafft mich,  also ich hänge total in den Seilen. Es ist wie auf einer Wiese in der Sonne liegen und die Grashalme an den nackten Armen spüren. Kitzelig. Warm. Schön. So eine Art Gefühl ist das.
Vorsichtig hole ich den Piepmatz nach ein paar Minuten aus meinem Nacken in meine Hand. Er kuschelt sich ein und schließt die Augen. Als ich ihn später in sein Haus setzen will, tschilpt er. Es klingt wie: „Mehr kuscheln bitte“.
Na gut, du Schmusevogel“, sage ich und nehme in wieder in die Hände. So sitzen wir ungefähr eine viertel Stunde und kuscheln, also, er mit meiner Hand, während ich sein Köpfchen streichele. Er zirpt und schläft ein. Aber, sobald ich ihn in sein Haus setzen will, tschilpt er. Ich biete ihm Aufzuchtfutter an. Will er nicht. Also nehme ich ihn wieder in die Hand. Es ist spät. Ich bin müde. Irgendwann setze ich ihn ins Haus.
„Schlaf gut, kleiner Matze“, sage ich. Er tschilpt und ich decke das dünne Tuch für die Nacht über den Käfig. Der Federling tschilpt noch einmal, als ich die Tür schließe. Ich trinke den letzten Schluck Rotwein aus meinem Glas und mache mich klar fürs Bett.
„Ich denke, am Sonntag können wir ihn fliegen lassen“, sagt T.
„Ich glaube, er ist ein Mädchen“, sage ich.

Spatzentage 9

Wir machen Flugübungen. Das rockt uns total.
Nicht, dass jemand sich falsche Vorstellungen davon macht.
Ich kann selbstverständlich immer noch nicht fliegen. Nun ja, und er, also der Federling, auch noch nicht richtig. Aber als ich mittags zu seinem Übergangswohnheim kam, flatterte er aufgeregt tschilpend von der Stange an die Käfigwand, an der er jetzt rundherum entlanglaufen kann. Ich finde seine Flügelspannweite inzwischen enorm im Vergleich zur letzten Woche, aber T meint, dass die Schwanzfedern noch wachsen müssen, weil Vögel damit steuern oder so ähnlich. Ich hab keinen Schimmer ob das stimmt.
Auf jeden Fall hole ich den Piepmatz nach dem Füttern aus dem Vogelhaus und setze ihn auf meine Hand. Seine kleinen Klauen umschließen meine Finger. Ich bewege die Hand auf und ab. Er breitet die Flügel aus und flattert, hält sich aber mit den Klauen noch an meinen Fingern fest. Es sieht jedes Mal aus wie ein abgebrochenes Fliegen. Flattern, ausbalancieren, festhalten. Er scheint es zu mögen. Wir machen das ein paar Mal hintereinander, dann reicht es ihm. Er kuschelt sich in meiner Hand wie in eine warme Kuhle und schließt die Augen. Es macht mich immer noch völlig fertig, wenn ich sehe wie sich sein Augenlid so langsam von unten über die Pupille schiebt. Ich streiche vorsichtig mit dem Finger über seinen Kopf. So ein Federlingskopf ist winzig, flauschig und so verflixt zerbrechlich. Ich hab das Gefühl, ich muss achtgeben, dass ich nichts kaputt mache. Das macht mich irgendwie ganz schwach.
Ich sage ihm das, und er macht wieder dieses Microgeräusch, so eine Art Schnalzen und Zirpen. Ich flüstere ihm zu, dass er fantastisch geflattert ist, fast wie ein großer Spatz. Er zirpt. Es ist ein bisschen wie ein leises Zwiegespräch unter Freunden, die im Mondschein an einem Fluß sitzen und der Nacht lauschen.

Spatzentage 8

Er braucht definitiv Platz.
Also mehr Platz. Ich habe den kleinen Karton, in dem sein Nest war, gegen einen größeren ausgetauscht. Suboptimal. Er braucht auch Raum in die Höhe. Vögel bewegen sich nun mal in dieser Dimension intensiver als Menschen, also,  wenn man Flugzeuge außen vor lässt.
Zum Glück kann ich nachmittags den Vogelkäfig abholen.
Ich finde, dass Käfig in diesem Fall ein scheußliches Wort ist , eigentlich in jedem Fall. Ich mag nicht, wenn jemand auf der Fensterbank so ein Ding stehen hat mit einem Sittich oder Kanarienvogel. Ich mag es selbst dann nicht, wenn das Vögelchen in der Wohnung fliegen kann. Ich meine, wer möchte schon in einem riesigen Gebäude leben, in dem man stundenlang durch die Räume laufen kann, ohne jemals diesen Moment zu erleben, in dem der Himmel über dir einfach frei ist? Grenzenlos frei. Wo der Weg sich in der Ferne verliert zwischen Bäumen und Wiesen.
Zugegeben, in so einem Großstadtleben verliert sich der Weg selten am Horizont, eher an der nächsten großen Kreuzung im Rattern der Straßenbahn. Und der Himmel ist ein grauweißer Fleck hoch oben zwischen den Häusern.  Aber trotz allem schmeckt die Luft ein bißchen nach Freiheit und man könnte laufen, raus aus der Stadt, bis der Weg sich endlich doch am Horizont verliert. Stunden. Tage. Jahre.
Wie auch immer, ich hole den verdammten Käfig und beschließe, ihn Vogelhaus zu nennen. Die Frau, die ihn mir verkauft, erzählt, dass sie ihn irgendwann für denselben Zweck angeschafft hat wie ich.
„Unser Vögelchen ist nicht durchgekommen“, sagt sie, „und nu steht das Ding seit Jahren im Keller.“
„Mhm, ja“, ich nicke. Ich will das eigentlich nicht wissen. Ich bezahle, bedanke mich bei der Frau und fahre mit meinem Vogelhaus nach Hause.
Als ich den Piepmatz hineinsetze, erkläre ich ihm, dass es nur für den Übergang ist, nur, damit er mehr Bewegungsfreiheit hat.
„Nächste Woche wirst du fliegen, Federling. Stell dir vor, ich hab deine Geschwister draußen gesehen. Die flattern schon richtig, aber sie müssen noch Futter picken lernen, genau wie du, damit ihr nicht mehr gefüttert werden müsst.“
Er scheint zuzuhören, tschilpt und verputzt eine Portion Vogelbabybrei. Ich räume die Küche auf, die langsam im Chaos zu versinken droht. Der Piepmatz sieht mir dabei zu. Sein Haus steht auf dem Kühlschrank, nur abends werde ich ihn, wie vorher den Karton, katzensicher ins Badezimmer bringen. Als ich fertig bin und die Küche fast Meister-Propper-mäßig glänzt, sitzt der Federling auf der Stange im Vogelhaus und sieht mich an, mit so einem Spatzensuperheldenblick. Dann spreizt er die Flügel. Ich finde, er sieht verdammt lässig aus, so hoch oben über dem Heu. Ein plustriger, grau gefiederter Vogel, der sich zum ersten Mal aus seinem Nest in die Höhe bewegt hat.
Ich staune. So ein Vogelkäfig hat auch seine guten Seiten.

Spatzentage 7

Eine Woche ist der Findevogel jetzt bei uns und voller Federn. Wenn er sich aufplustert und tschilpt, bekommt die Redewendung „Schimpfen wie ein Rohrspatz“ einen Sinn.
Ich rufe in der Taubenklinik an und erzähle, dass der Federling nicht mehr richtig satt wird. Die nette Frau am Telefon sagt, dass ich vorbeikommen soll und sie wird mir Handaufzuchtfutter geben. Endlich. Das ist das, das ich nirgendwo gefunden habe.
Mit Mehlwürmern, Nestlingsfutter und Heimchen rette ich uns über den Tag. Heimchen schmecken dem Piepmatz offensichtlich, aber er schreit so oft nach Futter, dass ich dem Nachmittag und dem Moment entgegenfiebere, wo ich zur Taubenklinik fahren kann.
Falls sich jemand fragt, warum der Kleine noch keinen Namen hat, wir wissen immer noch nicht, ob er ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich tendiere zu Mädchen. T hält ihn für einen Kerl. Mhmmm. Also heisst er erst mal Piepmatz oder Federling.
Endlich sitze ich auf dem Roller und rase Richtung Taubenklinik. In diesen Tagen sitze ich irgendwie ständig auf dem Roller und gebe Gas, immer zwischen füttern und Alltagspflichten.
Der Name Taubenklinik ist etwas irreführend. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Vogelklinik und im Wartebereich sitzen Menschen mit Vogelkäfigen in allen Größen. Es gibt auch die typischen Brieftaubenboxen. Irgendwie irre, eine ganze verdammte Klinik nur für Vögel. Ich fühle mich gleich gut aufgehoben mit meinem Anliegen und bekomme schließlich ein Tütchen mit einem gelblichen Pulver, das wie Flaschennahrung für Säuglinge aussieht, von Milupa, Hipp, oder wie sie alle heißen. Ab und zu ein Mehlwurm, Heimchen und das Nestlingsfutter soll ich weiter zusätzlich füttern. Das Tütchen ist nicht besonders groß. Wenn ich in eine Verkehrskontrolle komme, nehmen die mich mit, weil sie denken es wär’ irgendeine dämliche Droge. Ich rase trotzdem auch auf dem Rückweg. Ich weiß, der Piepmatz hat Hunger.
Der Vogelbaby-Brei wird mit einer 1ml Spritze in den Schnabel gegeben. Nachdem ich dem Kleinen die erste Spritze gegeben habe, schreit er sofort nach mehr. Das Zeug scheint zu schmecken. Es riecht irgendwie fruchtig. Insgesamt zieht der Federling sich 3ml weg. Nicht schlecht für so einen Winzling. Dann plustert er sich auf, spreizt die Flügel, zieht einzelne Federn durch seinen Schnabel und glättet mit dem Schnabel den Federflaum an seinen Schultern, bevor er den Kopf zur Seite dreht und einschläft. Eigentlich sollte das Zeug wie ein Energy drink wirken.
Aber er hat solange Hunger gehabt, dass er wahrscheinlich vom Schreien müde ist. Seine Bewegungen werden jetzt ausladender. Ich denke, er braucht mehr Platz und Bewegungsfreiheit, um seine Muskeln zu trainieren und sich aufs Fliegen vorzubereiten. Ein Vogelkäfig muss her, am besten einer, der groß genug ist, dass der Winzling schon ein bisschen darin flattern kann. Bei Ebay Kleinanzeigen werde ich fündig und mache für den nächsten Tag einen Abholtermin aus.
Bei der Schmusestunde nach der letzten Fütterung am Abend, erzähle ich dem Federling von seiner neuen Bleibe.
„Du wirst dann schon bald fliegen, und wir werden dich nach draußen tragen. Zuerst schaffst du es vielleicht nur auf einen der unteren Äste am Baum, dann in die Baumkrone, und irgendwann bis in die Wolken, “ sage ich.
„Tschilp Tschilp, “ sagt er.
Er sieht mich mit schräg geneigtem Kopf an. Sein Schnabel wirkt kaum noch zu groß. Er drückt sich kurz hoch auf seine Beine, als wolle er seine Beinmuskeln erproben. Dann schmiegt er seinen warmen Federbauch in meine Handfläche. Den Schnabel unter einen Flügel gesteckt, schläft er ein.
Das pustet mich total durch und weg. Völlig schachmatt sage „Ich zu ihm, „ich glaube, ich liebe dich, Federling.“
Ist wirklich wahr, genau das habe ich verdammtnochmal gesagt.
Okay, er ist ein Spatz, ich bin ein Mensch. Ich weiß das. Vielleicht möchte mich jetzt jemand für durchgeknallt halten.
Bitte, tut euch keinen Zwang an.

Spatzentage 6

Manchmal klingt das Tschilp Tschilp des Federlings schon richtig erwachsen.
Mehr so, wie Lebensfreude, und weniger wie Hunger. Heute kamen viele Twitter und whatsapp Nachrichten auf meinem Smartphone an. Ich weiß nicht, wer das kennt, aber bei mir werden die immer mit so einem Tschilp-Ton gemeldet. Der Piepmatz hat auf jede verdammte Meldung geantwortet. Seine Flügel sehen schon richtig spatzenmäßig aus, und bei der Handkuschelrunde bewegt er seinen Kopf so, wie große Spatzen es tun, ein wenig schräg geneigt mit einem Blick in meine Richtung. Das Federkleid an seinem Bauch ist dichter geworden. Man erkennt auch schon das typische braun-weiße Muster.   Manchmal glättet er die Federn an seinen Flügeln mit dem Schnabel, so wie ich mir die Haare kämme.  Danach plustert er sich auf und sieht aus wie eine kleine, wuschelige Kugel mit Augen und einem Schnabel dran.
Irgendwie wird er nur nicht mehr richtig satt. Ich wühle mich wieder mal durch eine verdammte Million Google-Einträge. In einem der Foren steht, dass das Nestlingsfutter, dass er bekommt, nicht gut für Vogelbabies ist. Mist. Dann entdecke ich die ausdrückliche Warnung vor Mehlwürmern.  Oh nein. Nestlinge sollen die auf gar keinen Fall essen. Ästlingen darf man ab und zu einen geben. Aber was ist er denn nun? Ein Ästling oder ein Nestling?
Ein Ästling, erfahre ich, ist ein Jungvogel, der sein Nest verlassen hat, aber noch von den Eltern versorgt wird. Ich entscheide, dass Federling so jemand ist.
In anderen Foren steht übrigens, dass Mehlwürmer klar gehen, wenn man die Köpfe knackt. Das ist typisch für den welt-weiten-Wühltisch. Einfach jeder tut seine Meinung kund, verkauft sie als Tatsachen und man muss für sich selber herausfinden, was denn nun stimmt. Ich bin dafür, dass man verpflichtet wird, ein könnte vor seine eigenen Ansichten zu stellen. Etwa so, die Erde könnte eine Scheibe sein. Oder, die Erde könnte eine Kugel sein.
Quod erat demonstrandum.
Okay, Ich rase also mit dem Roller zur nächsten großen Zoohandlung und frage nach geeignetem Futter. Die Leute da sind nett, haben aber nur das Zeug, dass der Federling sowieso schon bekommt. Sie bieten mir Heimchen an. Im Internet steht, dass Jungspatzen die essen dürfen.
Ich nehme sie. Als ich bezahle, wünscht die Verkäuferin mir viel Vergnügen beim Heimchen fischen. „Wieso?“ frage ich.
„Weil die aus der Schachtel hüpfen.“
Ach du Schande, ich sehe mich schon durch die Wohnung hechten und Heimchen jagen.
„Kann man die einfrieren?“ frage ich
Die Verkäuferin lacht und sagt, dass das die meisten so machen und die Viecher kurz vor dem Verzehr wieder auftauen. Dann empfiehlt sie mir noch, wegen des Futters zur Taubenklinik zu fahren. Wusste nicht mal, dass es so was hier gibt. Aber ist irgendwie logisch. Ich meine, ich lebe schließlich im Pott und wir sind so etwas wie die Hochburg der Taubenzucht.
Ich bin erleichtert.

Spatzentage 5

Mit Quark und Ei ist der Piepmatz nicht mehr zufrieden. Er isst Mehlwürmer, kleine Bröckchen von dem Nestlingsfutter und ein paar Erbdeerhäppchen.  Ich habe gelesen, dass Nestlinge kein Wasser brauchen, weil die Eltern ja alles einspeicheln. Das würde mir besonders bei den Mehlwürmern schwerfallen.  Also gebe ich ihm Wasser mit einer Pipette.  Er liebt es. Er unterscheidet die Pipette von der Pinzette. Manchmal dreht er den Kopf weg, wenn ich ihm ein Bröckchen  Futter mit der Pinzette hin halte, aber sperrt gierig den Schnabel auf, wenn er die Pipette sieht.
Beim Füttern und besonders beim warmhalten in meiner Hand, rede ich mit dem Kleinen.  Ja, klar, ich rede mit ihm. Das braucht er doch. Er ist zwar kein verdammter Säugling, aber ein Baby. Im Nest hat er ständig das Tschilpen der anderen Spatzenbabies gehört. Ich schnalze manchmal ein bißchen mit dem Mund. Das hält dem Vergleich mit einem echten Tschilp Tschilp nicht stand, aber ich finde, ich mache das schon ganz gut.
Und, ich erzähle ihm eben alles Mögliche. Was man so reden kann, wenn man mit einem Federling spricht. So, „Wahnsinn, deine Flügel sind ja wie verrückt gewachsen. Und dein Bauch ist ganz plustrig von Federn und gar nicht mehr völlig nackt. Ich sehe dich schon fliegen, kleiner Zirper, ganz hoch oben. Du wirst es lieben. Ist bestimmt ein tolles Gefühl.“
So ein Zeug eben. Wie man mit einem Säugling sprechen würde.
T hört zu und findet mich nun doch ein wenig skurril. „Sprichst du da mit dem Spatzen?“, ruft er aus dem Wohnzimmer.
„Ja, was denn sonst? Denkst du etwa ich führe schon Selbstgespräche?“
“ Mhmm…“ sagt er.
Aber im Ernst, warum sollte ein Spatzenbaby, das aus dem warmen Nest gefallen ist, nicht das verdammt normale Bedürfnis nach Zuwendung haben, die über simples Füttern hinausgeht?
Eben drum.
Er will jetzt häufiger als alle zwei Stunden gefüttert werden, und er spreizt manchmal schon die Flügel wie ein großer Spatz. Ein Anblick, der mich weg pustet.
„Bald wirst du bei Deinem Schwarm sein“, flüstere ich und, dass er ein wunderschöner Federling ist.

Spatzentage 4

Ich öffne die Augen. Zwanzig nach sechs. Ich bin von der Stille wach geworden. Ich hab keinen Wecker gehört. Ist ja okay, wenn man frei hat. Aber ich höre auch kein Tschilpen aus dem Bad, und das treibt mich nervös aus dem Bett . Für alle, die sich wundern, warum der Piepmatz im Bad steht, dafür ist der Kater verantwortlich, dem ich nicht so recht zutraue, den Kleinen als neuen Mitbewohner anzusehen, und nicht als Ergänzung des Speiseplans.
Okay, als ich die Badezimmertüre öffne, kommt der erste vertraute Ton und mit ihm die Freude an dem Federling. Der Schnabel sperrt sich auf in Erwartung des Futters. Ich atme aus und hole die Futterdose. Ich hatte schon befürchtet….
T und ich verbringen den Tag Zuhause mit Gartenarbeit, chillen und Spatz füttern. Der Kleine kommt mir schon viel vitaler vor. Die abendliche Kuschelrunde ist inzwischen ein Ritual, das er zu mögen scheint.
Wenn ich mich dann ganz nah mit dem Ohr zu seinem Kopf neige, höre ich ein winziges Schnalzen und Zierpen, ein XS Geräusch, das völlig anders klingt als der XXL Futterschrei. Ich glaube, es bedeutet: Ich fühl mich wohl und sicher. Zumindest hoffe ich das.

Spatzentage 3

Sechs Uhr morgens.
T. schläft noch tief und fest neben mir im Bett. Vielleicht träumt er von England. Der Wecker und sein dröges Miep Miep sind heute deaktiviert. Mein Leben tickt allerdings jetzt im Vogeltakt. Ob ich frei habe oder nicht, ungefähr um sechs wird gefüttert.
Der Federling schreit. Ich husche mit einem Lächeln ins Badezimmer, wo sich schon der aufgesterrte Schnabel aus dem Kartonnest reckt. Wer hätte gedacht, dass ich noch mal mit Freuden um sechs Uhr aufstehen würde? Ich, Madame mein-Biorythmus-lässt-aufstehen-vor-sieben-nicht-zu.
Es gibt wieder dieses Quark-Ei Gemisch. Nach dem Frühstück will ich Mehlwürmer und Aufzuchtfutter besorgen. Vorsichtshalber bitte ich T, sich um den Spatz zu kümmern, während ich einkaufe.
Als ich zurück komme, liegt der Kleine satt und zufrieden in seinem Heu-auf-Wärmflasche-Nest. Die Fütterung scheint gut geklappt zu haben. T ist äußerlich pragmatischer als ich, aber ich bin überzeugt, dass der Piepmatz einen Platz in  seinem Herz erobert hat.
Die Mehlwürmer sehen aus wie etwas, vor dem ich normalerweise schreiend wegrennen würde. Okay, das ist übertrieben, aber auf jeden Fall wie etwas, um das ich einen sehr großen Bogen  machen würde. Sie sind dankenswerterweise in einer hochwandigen durchsichtigen Kunststoffdose. Ich hoffe, sie ist auch wirklich hoch genug.  Es wimmelt und wimmelt nämlich. So orange und madenweiß. Man muss die Dinger im Kühlschrank aufbewahren, damit sie länger haltbar sind. Sie halten auch dann höchsten zwei Wochen, bevor sie sich verpuppen und später zu irgendwelchen Käfern werden.
Zwei und zwei zusammengezählt sagt, es könnten Mehlkäfer sein. Keine Ahnung, ob es die überhaupt gibt. Keine Lust, Tante Google zu fragen. Bei der nächsten Futterrunde stehen jedenfalls außer Quark mit Ei auch Mehlwürmer auf der Speisekarte. Den ersten findet der Federling lecker. Bevor ich ihm einen zweiten geben kann, ruft T aus dem Wohnzimmer:
„Gibst du ihm lebende Mehlwürmer?“
„Nein, ich spieße sie auf. Dann sind sie doch kaputt.“
„Nee, sind sie nicht. Im Internet steht, dass man ihre Köpfe kaputt machen muss, weil sie sich in den Magenwänden des Vogels festfressen können.“
Verdammter Mist. Ich fische mit der Pinzette zwei von den Dingern aus der Schachtel und sehe sie mir genauer an. Sie haben tatsächlich eine rötliche, kugelige Verdickung an einem Ende. Offensichtlich der Kopf. Darunter sind ein paar winzige Krabbelbeine, mit denen sie sich fortbewegen.
Irgendwie tun sie mir leid, als sie versuchen, der Pinzette zu entkommen. Ich zerquetsche trotzdem ihre Köpfe. Es knackt wie ein Hundefloh.
Ich frage mich, was mit mir nicht stimmt. Ich meine, ich bin Vegetarierin und kille hier grad Mehlwürmer, damit so ein kleiner Spatz sie essen kann. Vermutlich wurden sie speziell für diesen Zweck gezüchtet. Und das Gewimmel in der Schachtel sieht verdammt nach Massentierhaltung aus. Verstörend irgendwie.
Andererseits nimmt man ja auch Antibiotika, um Bakterien zu töten. Ab wann gilt eigentlich ein Wesen als Tier und als Lebe-Wesen? Natur ist eine komplexe und geheimnisvolle Angelegenheit, wo Leben und Tod ihren Platz haben und das vermutlich im perfekten Gleichgewicht. Manchmal denke ich, wir wissen zwar viel,  haben aber trotzdem keine Ahnung.
Wie auch immer, der Federling jedenfalls mag Mehlwürmer und bekommt sie auch bei der nächsten Fütterung. Das Nestlingsfutter ist  nicht so sein Ding, aber es gibt ja immer noch Quark-Ei-Brösel.
Am Abend, nach der letzten Mahlzeit halte ich den Winzling  in den Händen. Er hat in der kurzen Zeit bereits mehr Federn bekommen. Sein kleiner Körper passt perfekt in meine Handwölbung. Ich halte ihn lange so. Zwischendurch öffnet er kurz die Augen, wendet den Kopf in meine Richtung und sieht mich an. Das macht mich ganz schwach, als wäre ich selber so klein und hilflos. Als ich später im Bett liege, habe ich vor dem Einschlafen, wie einen Abdruck auf der Handfläche, immer noch das Gefühl, als hielte ich ihn in der Hand .
Ich lasse mich selten mit Haut und Haaren auf ein anderes Lebewesen ein. Keine Ahnung wieso.
Warum es mich jetzt bei dem Piepmatz so erwischt, weiß ich nicht. Es ist einfach so, sobald ich ihn höre, sehe, füttere, oder in der Hand halte, pustet es mich innerlich weg.

Spatzentage 2

Ich träume. Sommerwiesen in der Toskana, das Zirpen der Zikaden, Vogelgezwitscher. Die Luft riecht nach Hitze und Rosmarin. Schön. Der Gesang der Vögel wird lauter, gräbt sich mit drängender Energie in meine Ohren. Trommelfelle vibrieren.
Ich öffne die Augen. Keine Spur von blauem Sommerhimmel. Grau und dämmrig ist das Schlafzimmer. Ich sehe auf den Wecker. Viertel vor sechs. Noch etwas über eine Stunde bis er loslegt.
Doch aus dem Badezimmer tönt bereits jetzt das hungrige Rufen eines Spatzenbabies. Es klingt nach maximaler Verzweiflung. Noch schneller käme ich, glaube ich, nur dann aus dem Bett, wenn es brennen würde.  Ich hole mir die Dose mit der Quark-Ei Mischung und trage den Karton mit unserem teilgefiederten Gast behutsam ins Esszimmer. Das Schreien wird lauter, schwillt an, bis das erste Bröckchen im Schnabel gelandet ist, dann stoppt es ein paar Sekunden und fängt unvermindert von vorne an. So geht es etwa fünf Minuten.  Zum Glück hat T. den Zahnstocher, den ich zum Füttern benutze abgerundet.
Der kleine Spatz schenkt mir einen kurzen Blick aus einem Auge. Dann schiebt sich ein graues Augenlid von unten über die Pupille.  Der Federling schläft satt und zufrieden ein. Ich tapse zurück ins Bett, wo T. noch friedlich schläft. Er sieht fast so zerzaust aus wie der Spatz.  Großartig, dass ich heut nicht arbeiten muss, denke ich und dass wir danach beide noch zwei Tage frei haben. Ich wühle mich in meine Decken und schalte um auf Kuschelmodus, aus dem mich Ts. Wecker eine Stunde später wieder zurück pfeifft mit seinem nervigen Miep, Miep, Miep. Er wird unterstützt von einem hungrigen Tschilpen  aus dem Bad. Ich versenke erneut Quark-Ei-Bröckchen im Schnabel des Federlings. In meinem Hals spüre ich dabei so einen seltsamen Kloß. Ich spüle ihn später mit Kaffee weg.
Frühstück am Laptop ist besser, als man vermutet. Vor allen Dingen, wenn es in den unendlichen Weiten des virtuellen Raumes etwas über Spatzen und ihre Brut zu lesen gibt.
Mein Fazit nach eineinhalb Stunden: Ich brauche Mehlwürmer, Handaufzuchtfutter und eine riesige Kiste Geduld.
Und, ich weiß jetzt, dass mein kleiner Ziehvogel jede zweite Stunde gefüttert werden muss, aber dafür nachts von circa 22 Uhr bis morgens um sechs schlafen wird. Es scheint, als wären Spatzenbabies in dieser Hinsicht den menschlichen Babies ähnlich.
Okay, dann stelle ich mich eben innerlich auf einen anderen Lebensrythmus ein. Und ehrlich, ich freue mich darauf.
Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, schreit der kleine Findevogel wieder nach Nahrung. Nach dem Füttern nehme ich ihn in meine Handhöhle. Im Nest sitzen die Jungen dicht gedrängt beieinander. Ich meine, wie soll er sich wohl fühlen, wenn er hier immer nur alleine in seinem Kartonnest liegt?  So völlig ohne Körperkontakt?  Der alte Fritz hat mal ein Experiment mit Babies gemacht. Sie wurden rundum versorgt, aber nicht gestreichelt oder im Arm gehalten. Sie haben  nicht überlebt. Grausam oder?
Ich bin überzeugt, dass auch ein Spatzenbaby kuscheln möchte.
Ich spreche leise zu ihm. Ja, ich spreche mit einem Spatzen. Ich erzähle ihm, was für ein wunderschönes Wesen er ist und wie groß und kräftig er bald sein wird.
Er antwortet nicht.
Sein winziger Körper fühlt sich ganz warm an in meinen Händen. Ich habe gelesen, dass Vögel eine höhere Körpertemperatur haben, als Menschen ungefähr  39° bis 42°.
„Es ist ein verdammtes Geschenk, dich in den Händen zu halten und groß ziehen zu dürfen,  Federling“, sage ich und spüre wie meine Augen ein bisschen überlaufen, als er ein winziges, leises Zirpen und so etwas Ähnliches wie ein Schnalzen von sich gibt.
Glück hat manchmal kleine Federn.