Warum ausgerechnet rot?

Warum haben Chinarestaurants oft diese dunkel-rot-braunen Wände und Möbel, die an geronnenes Blut erinnern?
Warum ausgerechnet rot?
Und Aquarien mit stumpf blubbernden Koi-Karpfen. Ob die unvermeidlich sind?
Das Lokal, in dem wir gestern saßen, hatte dazu noch einen riesigen, quadratischen Spiegel an der Decke, genau in der Mitte des Raumes. „So einen will ich in meiner Wohnung haben“, sagte einer der Gäste und zwinkerte sich selbst im Spiegel zu, den Kopf in den Nacken gelegt, dass man seinen Adamsapfel tanzen sah. „Wenn ich mich einsam fühle, kann ich mir zuwinken“, fuhr er fort.
Alle lachten, er selber am lautesten.
Das ist gar nicht lustig, dachte ich.
Draußen regnet es weiter, wie es die ganze Woche geregnet hat. Der Regen plätschert anhaltend, wie unabwendbar, verwandelt die Landschaft vor meinem Fenster in eine unwirklich graue Szenerie, die Wiesen bedeckt von tiefen Pfützen. Der Hof liegt in einer Senke, so dass das Wasser, das sich seit Tagen über ihn ergießt, zu kleinen und großen Tümpeln gesammelt hat. Der Horizont geht über in einen braun-grauen Himmel. Bäume zeichnen sich matt dagegen ab, als wollten sie ihre Konturen verbergen und im Grau des allgegenwärtigen Regens verschwimmen. Gibt es etwas trübsinnigeres, als im Winter bei diesem Wetter auf der Straße zu wandern? Gibt es ein einsameres Geräusch als Regen, der unablässig auf Büsche und Bäume trommelt, die keinen Unterschlupf mehr bieten?
Die Pferde stehen missmutig auf der Weide. Kein Anflug der Freude, die sie sonst in übermütigem Springen und Rennen ausdrücken.
Die ganze Welt fließt. Nur meine Gedanken stocken und stolpern. Der Regen könnte sie befruchten, so, wie er die Erde und Pflanzen nährt. Vielleicht macht er das sogar, vielleicht sprießen morgen die wunderbarsten Ideen und Gedanken aus meiner Hand aufs Papier. Heute jedoch scheint der Regen jeden Impuls zu ertränken.
Könnten meine Ideen doch schwimmen.
Es ist früher Nachmittag. Das Licht im Zimmer wirkt es jetzt wie in einer Vollmondnachtnacht, eine schemenhafte Dämmerung.
Ich schalte die Lampe  ein. Es wird heimelig im Raum. Das erinnert mich wieder an das Rot im Chinarestaurant. Es hatte etwas vom Inneren einer Gebärmutter. Dazu das Geräusch der Pumpen im Aquarium. Doch wirklich. In so einem Raum zu sitzen und etwas zu essen zu bekommen ist wie die Vorbereitung auf eine Geburt.
Wer weiß, als was ich mich morgen wiederfinde.
Neu geboren aus dem Rot.
copyright g.m.auth

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