Manchmal Mai

Manchmal ist es zum Weinen schön
Ein Schmetterling auf einer Blüte
leuchtend in der Frühlingssonne.

Ein Kind, so klein,
viel kleiner als das Pferd,
vor dem es steht,
staunend zu weichen Nüstern
empor gesprochen
da
den kleinen Finger hochgereckt.

Ein Kinderrad
mit Schwung auf einen Hof geworfen,
Lachen unter wirrem Haar
blitzende Augen
im Schatten einer Scheune.
die Bremsen sind kaputt,
ich musste springen.

Ein Kreis von Menschen
geliebt, vertraut,
unter dem Maimond,
ein vergessener Schlüssel
auf einer Gartenbank.
Ein Brot zu viel
und die erstaunte Stimme
am neuen Telefon.

Manchmal ist es zum Weinen schön.
Und zum Danken.
Immer zum Danken.

© gabriele auth

Dschungel AG – Tod i.V.

U-Bahn Station. Penner, lambruscotriefend, watteweich
beim Flaschentanz.
Junkies taumeln, staksen im Traumnadelwald,
zeigen ihr Sterben. Tag für Tag.
Vorbei, du gehst vorbei.
Siehst dem Tod nicht in die Augen.
Nicht jetzt.
Du lebst,
weißt weder Tag, noch Stunde,

Ruhige See vor Griechenland. Sonne lässt das Meer flimmern.
Das Boot ist voll.
Menschen, achtzig oder hundert, hechelnder Atem, aufgeplatzte Lippen.
Namen, die niemand kennen will.
Weg, du schaust weg.
Siehst dem Tod nicht in die Augen,
Nicht jetzt.
Du lebst,
weißt weder Tag, noch Stunde,

Hinterhof. Müll quillt aus Containern. Ein Mann stürzt
schreiend.
Messer im Mondlicht. Stummes Stakkato. Gelächter.
Totes Gesicht in roter Pfütze. Schwarze, fremde Haut.
Zu, du schließt zu die Fenster.
Siehst dem Tod nicht in die Augen.
Nicht jetzt.
Du lebst,
weißt weder Tag, noch Stunde

Büro am Morgen. Das Summen der Computer. Kaffeeduft.
Einer schreit.
Kalaschnikowhagel, kalte Augen in schwarz vermummtem Gesicht.
Blut an weißer Wand. Menschen fallen wirr.
Hin, du siehst hin.
Doch siehst dem Tod nicht in die Augen.
Nicht jetzt.
Du lebst,
weißt weder Tag, noch Stunde.
Das Einzige, das du mit Charlie teilst.
Sonst nichts.

Du sitzt in Nürnberg, Hamburg, Kassel,
in München, Dortmund, Rostock, Köln,
Heilbronn.
Du sagst, du wärst Charlie.
Warum nicht
Abdurrahim Özüdoğru,
Enver Şimşek,
Mehmet Turgut,
Süleyman Taşköprü,
İsmail Yaşar,
Mehmet Kubaşık,
Theodoros Voulgaridis,
Halit Yozgat?
Warum nicht Michèlle Kiesewetter?
copyright g.m.auth

Nachtmahr

Die Treppe hinauf, in die Dachkammer geflüchtet,
höre ich sie ums Haus schleichen.
Blutunterlaufenes Heulen begleitet ihr rasendes Rütteln
an den verschlossenen Türen.
Sie alle sind versammelt.
Der Rattenfüßige, der den Kopf in jedes Erdloch bohrt,
um meinem Herzschlag durch die Erde aufzuspüren.
Eis ist sein Atem.
Die graugesichtige Alte mit den Fledermausflügeln,  die nach meiner Wärme giert.
Sie frisst die Feuer der Herzen.
Der Schlimmste, der mit der Löwenmähne,
der mit Schlangenaugen durch mein Fenster späht.
Mit sanfter Stimme ruft er meinen Namen und
behauptet, mein verlorener Geliebter zu sein.
Er lügt.
Er ruft den falschen Namen.
Mein Geliebter hatte nie Schlangenaugen.
Banges Warten auf den Morgen.
Beim ersten Strahl der Sonne verweht der Spuk.
Das Gelichter verschwindet in seinen Löchern.
Ich überprüfe die Schlösser.
Rüste mich  für den Ansturm der kommenden Nacht.
© gabi m. auth

Apokalypse

Willkommen, bienvenue, welcome, bienvenida, hello und powitanie.
Auch ihr seid dabei.
Nicht drängeln. Es ist Platz für alle da . Ja, wirklich, jeder von uns hat seit Äonen seinen  eigenen Platz in diesem Spiel. Ob ihr wollt oder nicht, ihr hängt mit drin. Keiner kommt hier lebend raus. Ob ihr zappelt oder schreit, oder, so ganz pseudoschlau, euch nicht bewegt. Ganz still versucht, euch unsichtbar zu machen.
Könnt Ihr vergessen.
Rien nè vas plus.
Wir sind alle am Start und die Regeln sind klar.
Es ist alles da.
Das Tier aus dem Abgrund. Seht gut hin.
Und Feuer vom Himmel, Posaunen, das Schwert,
Pest, Plagen, die ganze, verdammte Apokalypse.
Jetzt und Hier.
Wir sind mittendrin.
Und am Ende
am Ende
sind wir tot
oder

frei
© gabi m. auth

Komm

Komm
Nimm die Welt mir
von den Schultern
den Krieg, das Morden,
Hunger, Leid und
das falsche Lächeln
der Mächtigen.

Den Fernseher aus,
die Zeitung ins Feuer,
nimm die Gitarre
und spiel unser Lied,
das sanfte, vertraute
von Liebe und Glück.

Um unsere Hände
lass Bänder uns winden,
und lass unsere Herzen
im Gleichklang fliegen
hinaus zu den Sternen
den schweigenden.

(c) Gabriele Auth

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Das war das Schönste

Du warst hinausgeschwommen
und ich sah deinen Kopf
mit nassen Wuschelhaaren,
bloß so,
über den Wellen,
als ob du tanzen würdest.
Und wie du mir gewunken hast.
Ich konnte dein Lachen nicht hören,
wusste aber, es ist da.
Schön war das.
Ich schrieb in den Sand:
ich liebe dich.
Als du aus dem Wasser kamst,
hatte es der Wind verweht.
Macht ja nichts.

Jetzt schreib ich es
in meine Augen,
da kannst du es
jeden Tag lesen.

Und nächste Woche,
geh ich zum Copyshop,
und lass es auf
ein T-Shirt drucken
in Feuerrot auf rosa
„ich liebe dich“
Das ziehe ich an,
wenn du kommst,
du wirst lachen,
und ich finde das schön.
Schöner als den Vollmond
über den Bäumen am Kreidefelsen.
Als wir draußen geschlafen haben.
Unter den Sternen.
Das war das Schönste.
© gabi m. auth

Das Modell Gott – Nachdenken über Gott Teil 1

Was wir Gott nennen, ist eine breite Projektionsfläche für eigene Vorstellungen : Gott ist groß, mächtig, strafend. Gott ist Liebe, Fülle, All-Einheit.
Er ist der Schöpfer der Welt. Er ist alles, was ist. Gott ist tot.
Oder anders ausgedrückt, Gott ist das, was Menschen in ihm sehen. Es gibt so viele Götter wie es Menschen gibt.
Jedem seinen eigenen, persönlichen Gott, den er verehren oder schmähen, den er fürchten oder lieben kann.
Was wäre, wenn das Universum keine Absicht hätte?

Meine Katze, die auf dem Sofa liegt und sich das Fell leckt, nur eine zufällige Anordnung von Materie, die ohne Absicht genau diese grau getigerte Form bildet?
Die Schöpfung scheint formverliebt und spielt immer wieder neu mit den Möglichkeiten der Erscheinungen. Bis in das feinste Detail.
Vielleicht geschieht das ohne Absicht aus purer Lust am Sein. Wie ein Kind an einem sonnigen Tag die Arme ausbreitet und sich selbst genießt, spielerisch, voller Freude über die eigenen Möglichkeiten.
Vielleicht ist alles, was ist, ein unvorstellbar gigantischer Ozean aus Materie, der in rasanten Wirbeln und Bewegungen Blasen wirft, aus denen sich Formen bilden. Sie entfalten in einem kurzen Aufsteigen Schönheit und Eigentümlichkeit und sinken wieder zurück.
Ein Katzenleben kann mehr als zwanzig Jahre dauern. Eine beachtliche Zeit für das Feld der Formen im Aufstieg und Fall. Eine verspielte Sekunde für den Ozean der Materie, der keine Zeit kennt, nur Erschaffen, Werden, Vergehen und wieder neu Erschaffen.
Was wäre, wenn es nichts weiter gäbe als das?
Wäre es nicht Verschwendung, den kurzen, wunderbar leuchtenden Moment des Erscheinens und Vergehens  mit der Jagd nach einer Gottesidee, mit der Suche nach   Ruhm, Ehre, Macht Erfüllung und Liebe  zu verbringen?
Menschen wünschen sich eine Aufgabe in diesem kurzen Moment, den wir Leben nennen, einen Sinn, der hinausgeht über das Spiel des Universums mit seinen Möglichkeiten .
Was, wenn  genau dies die Aufgabe ist, dass es keine gibt? Vielleicht ist der Sinn nur das Spiel des leuchtenden Werdens.
Wie wichtig nehmen wir uns?
Wie schwer können wir das Nichts ertragen?
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Türen

In der Parabel „Der Türhüter“,  von Franz Kafka, kommt ein Mann an eine Tür, die von einem Wächter bewacht wird.
Der Mann setzt sich hin und wartet, dass die Tür geöffnet wird. Er wartet Jahre, aber die Tür bleibt verschlossen und der Türwächter bleibt unbewegt davor stehen. Als der Wanderer spürt, dass sein Tod naht, spricht er endlich den Wächter an. „In all den Jahren, ist nie jemand gekommen, um durch diese Tür hindurchzugehen.“
„Ja“, antwortet der Wächter. Es ist ja deine Tür. Sie wurde ganz alleine für dich gemacht. Sie ist nicht verschlossen. Du hättest nur hindurchgehen müssen.“
Der Mann sieht ihn erstaunt an, seufzt und stirbt.“

Ich hatte mich entschieden, nicht sitzen zu bleiben und zu warten. Ich wollte durch meine Tür hindurchgehen, neugierig, offen, aufmerksam.
Was ich dahinter gefunden habe?
immer neue Räume. Zu immer neuen Türen.
In jedem Raum lerne ich.
Hinter jeder Tür ist der Raum weiter, immer weiter.
Inzwischen scheint jeder neue Raum grenzenlos, ist raumloser Raum geworden. Dennoch sind die Erfahrungen nicht gleich.
Ich weiß, eines Tages wird die letzte Tür kommen .
Ich will durch sie hindurchgehen und fliegen.
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7. Januar 2015 Und Gott weint

Religion und Gott,
ganz gleich welcher, sind kein Grund, zu töten.
Sie müssen herhalten als Alibi
für Extremismus, Hass, Mord.
Am Anfang steht nicht Glaube.
Am Anfang steht Hass.
Am Anfang steht Menschenverachtung,
geboren  aus Ohnmacht,
Selbstverachtung, Selbsthass.
Genährt mit Sehnsucht nach Macht,
und einer purpurnen Lust,
Herr zu sein über Leben und Tod .
Gott und Religion ,
ganz gleich welche,
sind nicht in den Reihen der Täter.
Religion und Gott
liegen bei den Opfern. Am Boden
Missbraucht, missachtet, ermordet.
Ihr Leichentuch ist die Trauer

Und Gott weint in allem.
copyright g.m.auth

Villa Arcangela

Leben,
so zerbrechlich,
dreißig Jahre ein Flügelschlag.
Wind in schlafenden Räumen,
wilder Wein kitzelt behutsam
sterbende Mauern.
Das Echo eines Kinderlachens
gefangen im Spiel der Sonne.
Auf der Terrasse ein gekippter Stuhl,
den niemand mehr aufhebt
und die Erinnerung
an den Duft von Rosmarin.
Kein Name am Tor
stört den Traum.
Das Herz hütet die Namen.
Leben
© gabriele auth