Notfallknopf – Unfalltagebuch 1

Die Unwägbarkeit der Freiheit springt mich von hinten an, krallt sich in meinem Nacken fest und kreischt mir ins Ohr:
„Du bist total gefährdet hier, jedem dummen Zufall hilflos ausgeliefert. Und es gibt keinen Knopf, um die Schwester zu rufen.“ Meine Gehirnwindungen bibbern, als das Gekreisch in ein hysterisches, irgendwie irres Kichern übergeht.
Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht.
„Verpiss dich“, flüstere ich. Es fühlt sich weniger energisch an, als es klingt.
„Was?“ fragt T.
„Ach nichts“ sage ich.
Wir stehen auf dem Gehweg vor dem Haupteingang des Krankenhauses. Die Autos auf der Straße machen mich nervös. Ich drehe mich um und sehe zurück auf die schmucklose Glastür. Meine Füße wollen sich nicht so recht in Bewegung setzen. Verdammte Feiglinge. Schließlich ist mit ihnen alles in Ordnung. Es ist mein Arm, genauer gesagt meine rechte Schulter, die wie eine pubertierende Magersüchtige hyperventiliert und ängstliche Signale an mein Gehirn sendet. S.O.S. ich bin verletzt. S.O.S. das hier geht gar nicht. Ich kann das nicht.

Okay, es stimmt ja, ich habe keinen Knopf mehr, um die Schwester zu rufen. Zwei Wochen war ich im Krankenhaus, rundum sicher, Tag und Nacht überwacht. Ich hatte mir gewünscht nach Hause zu gehen, aber ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt. Ich wollte doch nicht einfach so vor die Tür gestellt werden, mit einer Fixiermanschette um Schulter, Arm und Taille und einem Arztbericht für den Hausarzt in der Tasche. Ich wollte den Notfallknopf mitnehmen.
Die gewohnte  Freiheit fühlt sich fremd und gefährlich an, wenn man verletzt ist.            Verdammter Drecksunfall. Mir läuft eine Träne übers Gesicht, hatte nicht mal gemerkt, dass ich angefangen hab zu heulen.
„Komm, ich stehe direkt nebenan auf dem Parkplatz“, sagt T und nimmt meine Hand. Es fühlt sich gut und sicher an. Ich beschließe, dass T mein Übergangs-Ersatz-Notfallknopf ist und setze mich in Bewegung.
Wie bin ich bloß hier gestrandet?
Ich wollte doch nur schnell zur Bank und dann einkaufen. Ich hatte nicht mal das verdammte Notebook ausgeschaltet. Ich sehe es  vor mir wie in einem Film, mich selbst an diesem sonnigen Dienstag vor zwei Wochen.

perpetuum mobile

Da war kein Knopf
an meinem Rücken,
auf dem Liebe stand.
Da war nichts,
was du in Gang
setzen konntest
wie ein verdammtes
Perpetuum Mobile,
das sich dreht
und dreht und
krächzend plärrt
ich liebe dich.

Du hast nicht gesucht
nach einem Hebel,
kamst einfach so,
und wir lachten,
und zwischen zwei
Augen Blicken
geschah es
ganz von selbst
wie ein verzaubertes
Perpetuum Mobile
und dreht sich nun
und singt von Liebe

Spatzentage 10

Ich lese im Internet, dass man Ästlingen zusätzlich zu der Aufzuchtnahrung, irgendwann auch Maden und Würmer geben soll.
Also, konkret steht da es sollen Buffalo Würmer sein, weil die klein sind. Und Wachsmaden oder Pinkies. Ich frage in der Zoohandlung danach. Man schickt mich zum Anglerbedarf.
Kein Problem, es ist Sommer, ich liebe Roller fahren. Im Anglerbedarf werde ich fündig. Buffalo Würmer kennt die Dame dort zwar nicht, aber sie empfiehlt mir Rotwürmer. Das wären sowieso die kleinsten und würden gerne genommen. Ich bin unschlüssig. Ich meine, ich will ja keine Fische fangen. Aber okay, wenn es die kleinsten sind. Ich nehme eine Schachtel Rotwürmer und eine Schachtel Pinkies. Der Name täuscht, weil er so nett klingt.  In Wirklichkeit  sind es kleine, gelbliche Maden, die in der durchsichtigen Schachtel umherwimmeln, dass einem kotzübel werden kann.
Als ich Zuhause ankomme, sind die Dinger von der Rollerfahrt so durchgerüttelt, dass sie sich alle am Deckelrand versammelt haben. Es müssen Hunderte sein. Wahrscheinlich wollen sie verzweifelt raus aus der Kiste. Ich verzichte darauf, mir vorzustellen, was passiert, wenn ich den Deckel öffne. Sobald ich nur ansatzweise daran denke, tun sie mir nicht mehr leid. Einfrieren, entscheide ich. Ab zu den Spring-Heimchen ins Gefrierfach. Ich glaube,  bin ein Monster.
Okay, fange ich halt mit den Rotwürmern an. Die winden sich in einer, mit Erde gefüllten Dose. Mit der Pinzette picke ich einen von ihnen heraus und spüle ihn unter dem Wasserhahn ab.
Das sollen die kleinsten sein, die es gibt? Ich möchte auf keinen Fall wissen, wie die größten aussehen. Es schüttelt mich ein bisschen. Ich werde den Wurm zerteilen müssen. Okay, er ist ziemlich dünn, aber locker fünf bis sechs Zentimeter lang. Oder länger. Und jeder Millimeter versucht der Pinzette zu entkommen, windet sich und ringelt sich von zwei Seiten hoch an dem Metall.
Es gelingt mir nicht, ihn  mit der Pinzette zu zerteilen. Da hilft nur die Schere. Ich schneide ihn in vier Teile. Alle vier zucken und winden sich auf dem Dosendeckel, den ich als Unterlage benutzt habe. Ich weiß, dass Würmer das tun, wenn man sie zerteilt. Habe ich vor tausend Jahren im Biologie-Unterricht gelernt. Hab’s bis heute nie ausprobiert.
Es ist ziemlich… Also ich erinnere mich nicht, wann ich mich das letzte Mal so sehr geekelt habe. Ich meine, so richtig geekelt, so, dass man sich hinterher noch schütteln muss, wenn man daran denkt. Ist eine komische Mischung aus Selbstekel und Ekel vor diesen Wurmviechern.
„Ich hätte nicht geglaubt, dass ich so was mal mache“, sage ich zu dem Piepmatz.
Der sperrt den Schnabel auf und scheint schwer begeistert von dem Wurmragout. Danach gibt es wie immer eine Breiportion und der kleine Prinz ist satt. Während es mich immer noch schüttelt schläft er ein.
Am Abend zerteile ich wieder einen Rotwurm. Es ist noch schlimmer als beim ersten Mal.  Der Federling verspeist nur die Hälfte davon, und ich beschließe, dass es solche Würmer nicht mehr geben wird. Ich meine, die Dinger bluten sogar. Dann lieber Mehlwurmköpfe knacken.
Wir machen wieder Flugübungen.
Der Kleine flattert von meiner Hand in sein Nest auf dem Käfigboden. Mehrere Male macht er das. Dann ändert er unvermittelt die Richtung, flattert an meine Brust, hält sich mit den Krallen am T-Shirt fest und hangelt sich hoch auf meine Schulter.
Es kitzelt.
Er hüpft in meinen Nacken und kuschelt sich unter meine Haare, zieht  eine Strähne  durch seinen Schnabel und  zwickt  mich leicht mit dem Schnabel in den Nacken.
Es kitzelt noch mehr.
Das schafft mich,  also ich hänge total in den Seilen. Es ist wie auf einer Wiese in der Sonne liegen und die Grashalme an den nackten Armen spüren. Kitzelig. Warm. Schön. So eine Art Gefühl ist das.
Vorsichtig hole ich den Piepmatz nach ein paar Minuten aus meinem Nacken in meine Hand. Er kuschelt sich ein und schließt die Augen. Als ich ihn später in sein Haus setzen will, tschilpt er. Es klingt wie: „Mehr kuscheln bitte“.
Na gut, du Schmusevogel“, sage ich und nehme in wieder in die Hände. So sitzen wir ungefähr eine viertel Stunde und kuscheln, also, er mit meiner Hand, während ich sein Köpfchen streichele. Er zirpt und schläft ein. Aber, sobald ich ihn in sein Haus setzen will, tschilpt er. Ich biete ihm Aufzuchtfutter an. Will er nicht. Also nehme ich ihn wieder in die Hand. Es ist spät. Ich bin müde. Irgendwann setze ich ihn ins Haus.
„Schlaf gut, kleiner Matze“, sage ich. Er tschilpt und ich decke das dünne Tuch für die Nacht über den Käfig. Der Federling tschilpt noch einmal, als ich die Tür schließe. Ich trinke den letzten Schluck Rotwein aus meinem Glas und mache mich klar fürs Bett.
„Ich denke, am Sonntag können wir ihn fliegen lassen“, sagt T.
„Ich glaube, er ist ein Mädchen“, sage ich.

Spatzentage 9

Wir machen Flugübungen. Das rockt uns total.
Nicht, dass jemand sich falsche Vorstellungen davon macht.
Ich kann selbstverständlich immer noch nicht fliegen. Nun ja, und er, also der Federling, auch noch nicht richtig. Aber als ich mittags zu seinem Übergangswohnheim kam, flatterte er aufgeregt tschilpend von der Stange an die Käfigwand, an der er jetzt rundherum entlanglaufen kann. Ich finde seine Flügelspannweite inzwischen enorm im Vergleich zur letzten Woche, aber T meint, dass die Schwanzfedern noch wachsen müssen, weil Vögel damit steuern oder so ähnlich. Ich hab keinen Schimmer ob das stimmt.
Auf jeden Fall hole ich den Piepmatz nach dem Füttern aus dem Vogelhaus und setze ihn auf meine Hand. Seine kleinen Klauen umschließen meine Finger. Ich bewege die Hand auf und ab. Er breitet die Flügel aus und flattert, hält sich aber mit den Klauen noch an meinen Fingern fest. Es sieht jedes Mal aus wie ein abgebrochenes Fliegen. Flattern, ausbalancieren, festhalten. Er scheint es zu mögen. Wir machen das ein paar Mal hintereinander, dann reicht es ihm. Er kuschelt sich in meiner Hand wie in eine warme Kuhle und schließt die Augen. Es macht mich immer noch völlig fertig, wenn ich sehe wie sich sein Augenlid so langsam von unten über die Pupille schiebt. Ich streiche vorsichtig mit dem Finger über seinen Kopf. So ein Federlingskopf ist winzig, flauschig und so verflixt zerbrechlich. Ich hab das Gefühl, ich muss achtgeben, dass ich nichts kaputt mache. Das macht mich irgendwie ganz schwach.
Ich sage ihm das, und er macht wieder dieses Microgeräusch, so eine Art Schnalzen und Zirpen. Ich flüstere ihm zu, dass er fantastisch geflattert ist, fast wie ein großer Spatz. Er zirpt. Es ist ein bisschen wie ein leises Zwiegespräch unter Freunden, die im Mondschein an einem Fluß sitzen und der Nacht lauschen.

Spatzentage 8

Er braucht definitiv Platz.
Also mehr Platz. Ich habe den kleinen Karton, in dem sein Nest war, gegen einen größeren ausgetauscht. Suboptimal. Er braucht auch Raum in die Höhe. Vögel bewegen sich nun mal in dieser Dimension intensiver als Menschen, also,  wenn man Flugzeuge außen vor lässt.
Zum Glück kann ich nachmittags den Vogelkäfig abholen.
Ich finde, dass Käfig in diesem Fall ein scheußliches Wort ist , eigentlich in jedem Fall. Ich mag nicht, wenn jemand auf der Fensterbank so ein Ding stehen hat mit einem Sittich oder Kanarienvogel. Ich mag es selbst dann nicht, wenn das Vögelchen in der Wohnung fliegen kann. Ich meine, wer möchte schon in einem riesigen Gebäude leben, in dem man stundenlang durch die Räume laufen kann, ohne jemals diesen Moment zu erleben, in dem der Himmel über dir einfach frei ist? Grenzenlos frei. Wo der Weg sich in der Ferne verliert zwischen Bäumen und Wiesen.
Zugegeben, in so einem Großstadtleben verliert sich der Weg selten am Horizont, eher an der nächsten großen Kreuzung im Rattern der Straßenbahn. Und der Himmel ist ein grauweißer Fleck hoch oben zwischen den Häusern.  Aber trotz allem schmeckt die Luft ein bißchen nach Freiheit und man könnte laufen, raus aus der Stadt, bis der Weg sich endlich doch am Horizont verliert. Stunden. Tage. Jahre.
Wie auch immer, ich hole den verdammten Käfig und beschließe, ihn Vogelhaus zu nennen. Die Frau, die ihn mir verkauft, erzählt, dass sie ihn irgendwann für denselben Zweck angeschafft hat wie ich.
„Unser Vögelchen ist nicht durchgekommen“, sagt sie, „und nu steht das Ding seit Jahren im Keller.“
„Mhm, ja“, ich nicke. Ich will das eigentlich nicht wissen. Ich bezahle, bedanke mich bei der Frau und fahre mit meinem Vogelhaus nach Hause.
Als ich den Piepmatz hineinsetze, erkläre ich ihm, dass es nur für den Übergang ist, nur, damit er mehr Bewegungsfreiheit hat.
„Nächste Woche wirst du fliegen, Federling. Stell dir vor, ich hab deine Geschwister draußen gesehen. Die flattern schon richtig, aber sie müssen noch Futter picken lernen, genau wie du, damit ihr nicht mehr gefüttert werden müsst.“
Er scheint zuzuhören, tschilpt und verputzt eine Portion Vogelbabybrei. Ich räume die Küche auf, die langsam im Chaos zu versinken droht. Der Piepmatz sieht mir dabei zu. Sein Haus steht auf dem Kühlschrank, nur abends werde ich ihn, wie vorher den Karton, katzensicher ins Badezimmer bringen. Als ich fertig bin und die Küche fast Meister-Propper-mäßig glänzt, sitzt der Federling auf der Stange im Vogelhaus und sieht mich an, mit so einem Spatzensuperheldenblick. Dann spreizt er die Flügel. Ich finde, er sieht verdammt lässig aus, so hoch oben über dem Heu. Ein plustriger, grau gefiederter Vogel, der sich zum ersten Mal aus seinem Nest in die Höhe bewegt hat.
Ich staune. So ein Vogelkäfig hat auch seine guten Seiten.

Spatzentage 7

Eine Woche ist der Findevogel jetzt bei uns und voller Federn. Wenn er sich aufplustert und tschilpt, bekommt die Redewendung „Schimpfen wie ein Rohrspatz“ einen Sinn.
Ich rufe in der Taubenklinik an und erzähle, dass der Federling nicht mehr richtig satt wird. Die nette Frau am Telefon sagt, dass ich vorbeikommen soll und sie wird mir Handaufzuchtfutter geben. Endlich. Das ist das, das ich nirgendwo gefunden habe.
Mit Mehlwürmern, Nestlingsfutter und Heimchen rette ich uns über den Tag. Heimchen schmecken dem Piepmatz offensichtlich, aber er schreit so oft nach Futter, dass ich dem Nachmittag und dem Moment entgegenfiebere, wo ich zur Taubenklinik fahren kann.
Falls sich jemand fragt, warum der Kleine noch keinen Namen hat, wir wissen immer noch nicht, ob er ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich tendiere zu Mädchen. T hält ihn für einen Kerl. Mhmmm. Also heisst er erst mal Piepmatz oder Federling.
Endlich sitze ich auf dem Roller und rase Richtung Taubenklinik. In diesen Tagen sitze ich irgendwie ständig auf dem Roller und gebe Gas, immer zwischen füttern und Alltagspflichten.
Der Name Taubenklinik ist etwas irreführend. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Vogelklinik und im Wartebereich sitzen Menschen mit Vogelkäfigen in allen Größen. Es gibt auch die typischen Brieftaubenboxen. Irgendwie irre, eine ganze verdammte Klinik nur für Vögel. Ich fühle mich gleich gut aufgehoben mit meinem Anliegen und bekomme schließlich ein Tütchen mit einem gelblichen Pulver, das wie Flaschennahrung für Säuglinge aussieht, von Milupa, Hipp, oder wie sie alle heißen. Ab und zu ein Mehlwurm, Heimchen und das Nestlingsfutter soll ich weiter zusätzlich füttern. Das Tütchen ist nicht besonders groß. Wenn ich in eine Verkehrskontrolle komme, nehmen die mich mit, weil sie denken es wär’ irgendeine dämliche Droge. Ich rase trotzdem auch auf dem Rückweg. Ich weiß, der Piepmatz hat Hunger.
Der Vogelbaby-Brei wird mit einer 1ml Spritze in den Schnabel gegeben. Nachdem ich dem Kleinen die erste Spritze gegeben habe, schreit er sofort nach mehr. Das Zeug scheint zu schmecken. Es riecht irgendwie fruchtig. Insgesamt zieht der Federling sich 3ml weg. Nicht schlecht für so einen Winzling. Dann plustert er sich auf, spreizt die Flügel, zieht einzelne Federn durch seinen Schnabel und glättet mit dem Schnabel den Federflaum an seinen Schultern, bevor er den Kopf zur Seite dreht und einschläft. Eigentlich sollte das Zeug wie ein Energy drink wirken.
Aber er hat solange Hunger gehabt, dass er wahrscheinlich vom Schreien müde ist. Seine Bewegungen werden jetzt ausladender. Ich denke, er braucht mehr Platz und Bewegungsfreiheit, um seine Muskeln zu trainieren und sich aufs Fliegen vorzubereiten. Ein Vogelkäfig muss her, am besten einer, der groß genug ist, dass der Winzling schon ein bisschen darin flattern kann. Bei Ebay Kleinanzeigen werde ich fündig und mache für den nächsten Tag einen Abholtermin aus.
Bei der Schmusestunde nach der letzten Fütterung am Abend, erzähle ich dem Federling von seiner neuen Bleibe.
„Du wirst dann schon bald fliegen, und wir werden dich nach draußen tragen. Zuerst schaffst du es vielleicht nur auf einen der unteren Äste am Baum, dann in die Baumkrone, und irgendwann bis in die Wolken, “ sage ich.
„Tschilp Tschilp, “ sagt er.
Er sieht mich mit schräg geneigtem Kopf an. Sein Schnabel wirkt kaum noch zu groß. Er drückt sich kurz hoch auf seine Beine, als wolle er seine Beinmuskeln erproben. Dann schmiegt er seinen warmen Federbauch in meine Handfläche. Den Schnabel unter einen Flügel gesteckt, schläft er ein.
Das pustet mich total durch und weg. Völlig schachmatt sage „Ich zu ihm, „ich glaube, ich liebe dich, Federling.“
Ist wirklich wahr, genau das habe ich verdammtnochmal gesagt.
Okay, er ist ein Spatz, ich bin ein Mensch. Ich weiß das. Vielleicht möchte mich jetzt jemand für durchgeknallt halten.
Bitte, tut euch keinen Zwang an.

Bunt: für T, Paul Wallfisch, Gina, die Jungs von Reichtum Plakat Erde und den Mann mit dem gelben Hut

Golden leuchtet das Bier
Groß sind die Gläser,
tiefblau der Himmel
so tintenblau.

Sommerblau summen Worte
zwischen dir und mir
und dem Mann mit dem
großen gelben Hut.
Worte wie Junikäfer,
helle Glühwürmchen
Silben in blau.

Golden leuchtet das Bier
Groß sind die Gläser,
tiefblau der Himmel
so tintenblau.

Zigaretten rotglühend
und weißer Rauch,
der zum Himmel steigt.
Lust auf Musik, auf
laute wie leise Töne,
verbindet uns hier
sonnengelbfroh.

Golden leuchtet das Bier
Groß sind die Gläser,
tiefblau der Himmel
so tintenblau.

Weiß funkelnder
Klang der Gitarre,
Erdbraun der Bass,
gelbgrün getupfter,
Schlagzeug-sound
Umarmen ein Keyboard
schwarz, rot und weiß

Golden leuchtet das Bier
Groß sind die Gläser,
tiefblau der Himmel
so tintenblau.

Die violette Stimme,
manchmal rot-orange
und der Farbenrausch
von Rotwein bis Whisky,
aber trunken bin ich
von Wasser, Musik
Freundschaft und dir.
Golden leuchtet das Bier
Groß sind die Gläser,
tiefblau der Himmel
so tintenblau.

Nur ein Konzert
nur Klang und Gefühl
und Lachen und Reden
und tanzen, ja tanzen
alles findet sich
hält sich und löst sich
bunt wie das Leben.

Golden leuchtet das Bier
Groß sind die Gläser,
tiefblau der Himmel
so tintenblau.
© gabriele auth

Spatzentage 6

Manchmal klingt das Tschilp Tschilp des Federlings schon richtig erwachsen.
Mehr so, wie Lebensfreude, und weniger wie Hunger. Heute kamen viele Twitter und whatsapp Nachrichten auf meinem Smartphone an. Ich weiß nicht, wer das kennt, aber bei mir werden die immer mit so einem Tschilp-Ton gemeldet. Der Piepmatz hat auf jede verdammte Meldung geantwortet. Seine Flügel sehen schon richtig spatzenmäßig aus, und bei der Handkuschelrunde bewegt er seinen Kopf so, wie große Spatzen es tun, ein wenig schräg geneigt mit einem Blick in meine Richtung. Das Federkleid an seinem Bauch ist dichter geworden. Man erkennt auch schon das typische braun-weiße Muster.   Manchmal glättet er die Federn an seinen Flügeln mit dem Schnabel, so wie ich mir die Haare kämme.  Danach plustert er sich auf und sieht aus wie eine kleine, wuschelige Kugel mit Augen und einem Schnabel dran.
Irgendwie wird er nur nicht mehr richtig satt. Ich wühle mich wieder mal durch eine verdammte Million Google-Einträge. In einem der Foren steht, dass das Nestlingsfutter, dass er bekommt, nicht gut für Vogelbabies ist. Mist. Dann entdecke ich die ausdrückliche Warnung vor Mehlwürmern.  Oh nein. Nestlinge sollen die auf gar keinen Fall essen. Ästlingen darf man ab und zu einen geben. Aber was ist er denn nun? Ein Ästling oder ein Nestling?
Ein Ästling, erfahre ich, ist ein Jungvogel, der sein Nest verlassen hat, aber noch von den Eltern versorgt wird. Ich entscheide, dass Federling so jemand ist.
In anderen Foren steht übrigens, dass Mehlwürmer klar gehen, wenn man die Köpfe knackt. Das ist typisch für den welt-weiten-Wühltisch. Einfach jeder tut seine Meinung kund, verkauft sie als Tatsachen und man muss für sich selber herausfinden, was denn nun stimmt. Ich bin dafür, dass man verpflichtet wird, ein könnte vor seine eigenen Ansichten zu stellen. Etwa so, die Erde könnte eine Scheibe sein. Oder, die Erde könnte eine Kugel sein.
Quod erat demonstrandum.
Okay, Ich rase also mit dem Roller zur nächsten großen Zoohandlung und frage nach geeignetem Futter. Die Leute da sind nett, haben aber nur das Zeug, dass der Federling sowieso schon bekommt. Sie bieten mir Heimchen an. Im Internet steht, dass Jungspatzen die essen dürfen.
Ich nehme sie. Als ich bezahle, wünscht die Verkäuferin mir viel Vergnügen beim Heimchen fischen. „Wieso?“ frage ich.
„Weil die aus der Schachtel hüpfen.“
Ach du Schande, ich sehe mich schon durch die Wohnung hechten und Heimchen jagen.
„Kann man die einfrieren?“ frage ich
Die Verkäuferin lacht und sagt, dass das die meisten so machen und die Viecher kurz vor dem Verzehr wieder auftauen. Dann empfiehlt sie mir noch, wegen des Futters zur Taubenklinik zu fahren. Wusste nicht mal, dass es so was hier gibt. Aber ist irgendwie logisch. Ich meine, ich lebe schließlich im Pott und wir sind so etwas wie die Hochburg der Taubenzucht.
Ich bin erleichtert.

Spatzentage 5

Mit Quark und Ei ist der Piepmatz nicht mehr zufrieden. Er isst Mehlwürmer, kleine Bröckchen von dem Nestlingsfutter und ein paar Erbdeerhäppchen.  Ich habe gelesen, dass Nestlinge kein Wasser brauchen, weil die Eltern ja alles einspeicheln. Das würde mir besonders bei den Mehlwürmern schwerfallen.  Also gebe ich ihm Wasser mit einer Pipette.  Er liebt es. Er unterscheidet die Pipette von der Pinzette. Manchmal dreht er den Kopf weg, wenn ich ihm ein Bröckchen  Futter mit der Pinzette hin halte, aber sperrt gierig den Schnabel auf, wenn er die Pipette sieht.
Beim Füttern und besonders beim warmhalten in meiner Hand, rede ich mit dem Kleinen.  Ja, klar, ich rede mit ihm. Das braucht er doch. Er ist zwar kein verdammter Säugling, aber ein Baby. Im Nest hat er ständig das Tschilpen der anderen Spatzenbabies gehört. Ich schnalze manchmal ein bißchen mit dem Mund. Das hält dem Vergleich mit einem echten Tschilp Tschilp nicht stand, aber ich finde, ich mache das schon ganz gut.
Und, ich erzähle ihm eben alles Mögliche. Was man so reden kann, wenn man mit einem Federling spricht. So, „Wahnsinn, deine Flügel sind ja wie verrückt gewachsen. Und dein Bauch ist ganz plustrig von Federn und gar nicht mehr völlig nackt. Ich sehe dich schon fliegen, kleiner Zirper, ganz hoch oben. Du wirst es lieben. Ist bestimmt ein tolles Gefühl.“
So ein Zeug eben. Wie man mit einem Säugling sprechen würde.
T hört zu und findet mich nun doch ein wenig skurril. „Sprichst du da mit dem Spatzen?“, ruft er aus dem Wohnzimmer.
„Ja, was denn sonst? Denkst du etwa ich führe schon Selbstgespräche?“
“ Mhmm…“ sagt er.
Aber im Ernst, warum sollte ein Spatzenbaby, das aus dem warmen Nest gefallen ist, nicht das verdammt normale Bedürfnis nach Zuwendung haben, die über simples Füttern hinausgeht?
Eben drum.
Er will jetzt häufiger als alle zwei Stunden gefüttert werden, und er spreizt manchmal schon die Flügel wie ein großer Spatz. Ein Anblick, der mich weg pustet.
„Bald wirst du bei Deinem Schwarm sein“, flüstere ich und, dass er ein wunderschöner Federling ist.

Spatzentage 4

Ich öffne die Augen. Zwanzig nach sechs. Ich bin von der Stille wach geworden. Ich hab keinen Wecker gehört. Ist ja okay, wenn man frei hat. Aber ich höre auch kein Tschilpen aus dem Bad, und das treibt mich nervös aus dem Bett . Für alle, die sich wundern, warum der Piepmatz im Bad steht, dafür ist der Kater verantwortlich, dem ich nicht so recht zutraue, den Kleinen als neuen Mitbewohner anzusehen, und nicht als Ergänzung des Speiseplans.
Okay, als ich die Badezimmertüre öffne, kommt der erste vertraute Ton und mit ihm die Freude an dem Federling. Der Schnabel sperrt sich auf in Erwartung des Futters. Ich atme aus und hole die Futterdose. Ich hatte schon befürchtet….
T und ich verbringen den Tag Zuhause mit Gartenarbeit, chillen und Spatz füttern. Der Kleine kommt mir schon viel vitaler vor. Die abendliche Kuschelrunde ist inzwischen ein Ritual, das er zu mögen scheint.
Wenn ich mich dann ganz nah mit dem Ohr zu seinem Kopf neige, höre ich ein winziges Schnalzen und Zierpen, ein XS Geräusch, das völlig anders klingt als der XXL Futterschrei. Ich glaube, es bedeutet: Ich fühl mich wohl und sicher. Zumindest hoffe ich das.