Das Modell Gott – Nachdenken über Gott Teil 1

Was wir Gott nennen, ist eine breite Projektionsfläche für eigene Vorstellungen : Gott ist groß, mächtig, strafend. Gott ist Liebe, Fülle, All-Einheit.
Er ist der Schöpfer der Welt. Er ist alles, was ist. Gott ist tot.
Oder anders ausgedrückt, Gott ist das, was Menschen in ihm sehen. Es gibt so viele Götter wie es Menschen gibt.
Jedem seinen eigenen, persönlichen Gott, den er verehren oder schmähen, den er fürchten oder lieben kann.
Was wäre, wenn das Universum keine Absicht hätte?

Meine Katze, die auf dem Sofa liegt und sich das Fell leckt, nur eine zufällige Anordnung von Materie, die ohne Absicht genau diese grau getigerte Form bildet?
Die Schöpfung scheint formverliebt und spielt immer wieder neu mit den Möglichkeiten der Erscheinungen. Bis in das feinste Detail.
Vielleicht geschieht das ohne Absicht aus purer Lust am Sein. Wie ein Kind an einem sonnigen Tag die Arme ausbreitet und sich selbst genießt, spielerisch, voller Freude über die eigenen Möglichkeiten.
Vielleicht ist alles, was ist, ein unvorstellbar gigantischer Ozean aus Materie, der in rasanten Wirbeln und Bewegungen Blasen wirft, aus denen sich Formen bilden. Sie entfalten in einem kurzen Aufsteigen Schönheit und Eigentümlichkeit und sinken wieder zurück.
Ein Katzenleben kann mehr als zwanzig Jahre dauern. Eine beachtliche Zeit für das Feld der Formen im Aufstieg und Fall. Eine verspielte Sekunde für den Ozean der Materie, der keine Zeit kennt, nur Erschaffen, Werden, Vergehen und wieder neu Erschaffen.
Was wäre, wenn es nichts weiter gäbe als das?
Wäre es nicht Verschwendung, den kurzen, wunderbar leuchtenden Moment des Erscheinens und Vergehens  mit der Jagd nach einer Gottesidee, mit der Suche nach   Ruhm, Ehre, Macht Erfüllung und Liebe  zu verbringen?
Menschen wünschen sich eine Aufgabe in diesem kurzen Moment, den wir Leben nennen, einen Sinn, der hinausgeht über das Spiel des Universums mit seinen Möglichkeiten .
Was, wenn  genau dies die Aufgabe ist, dass es keine gibt? Vielleicht ist der Sinn nur das Spiel des leuchtenden Werdens.
Wie wichtig nehmen wir uns?
Wie schwer können wir das Nichts ertragen?
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Türen

In der Parabel „Der Türhüter“,  von Franz Kafka, kommt ein Mann an eine Tür, die von einem Wächter bewacht wird.
Der Mann setzt sich hin und wartet, dass die Tür geöffnet wird. Er wartet Jahre, aber die Tür bleibt verschlossen und der Türwächter bleibt unbewegt davor stehen. Als der Wanderer spürt, dass sein Tod naht, spricht er endlich den Wächter an. „In all den Jahren, ist nie jemand gekommen, um durch diese Tür hindurchzugehen.“
„Ja“, antwortet der Wächter. Es ist ja deine Tür. Sie wurde ganz alleine für dich gemacht. Sie ist nicht verschlossen. Du hättest nur hindurchgehen müssen.“
Der Mann sieht ihn erstaunt an, seufzt und stirbt.“

Ich hatte mich entschieden, nicht sitzen zu bleiben und zu warten. Ich wollte durch meine Tür hindurchgehen, neugierig, offen, aufmerksam.
Was ich dahinter gefunden habe?
immer neue Räume. Zu immer neuen Türen.
In jedem Raum lerne ich.
Hinter jeder Tür ist der Raum weiter, immer weiter.
Inzwischen scheint jeder neue Raum grenzenlos, ist raumloser Raum geworden. Dennoch sind die Erfahrungen nicht gleich.
Ich weiß, eines Tages wird die letzte Tür kommen .
Ich will durch sie hindurchgehen und fliegen.
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Villa Arcangela

Leben,
so zerbrechlich,
dreißig Jahre ein Flügelschlag.
Wind in schlafenden Räumen,
wilder Wein kitzelt behutsam
sterbende Mauern.
Das Echo eines Kinderlachens
gefangen im Spiel der Sonne.
Auf der Terrasse ein gekippter Stuhl,
den niemand mehr aufhebt
und die Erinnerung
an den Duft von Rosmarin.
Kein Name am Tor
stört den Traum.
Das Herz hütet die Namen.
Leben
© gabriele auth

Warum ausgerechnet rot?

Warum haben Chinarestaurants oft diese dunkel-rot-braunen Wände und Möbel, die an geronnenes Blut erinnern?
Warum ausgerechnet rot?
Und Aquarien mit stumpf blubbernden Koi-Karpfen. Ob die unvermeidlich sind?
Das Lokal, in dem wir gestern saßen, hatte dazu noch einen riesigen, quadratischen Spiegel an der Decke, genau in der Mitte des Raumes. „So einen will ich in meiner Wohnung haben“, sagte einer der Gäste und zwinkerte sich selbst im Spiegel zu, den Kopf in den Nacken gelegt, dass man seinen Adamsapfel tanzen sah. „Wenn ich mich einsam fühle, kann ich mir zuwinken“, fuhr er fort.
Alle lachten, er selber am lautesten.
Das ist gar nicht lustig, dachte ich.
Draußen regnet es weiter, wie es die ganze Woche geregnet hat. Der Regen plätschert anhaltend, wie unabwendbar, verwandelt die Landschaft vor meinem Fenster in eine unwirklich graue Szenerie, die Wiesen bedeckt von tiefen Pfützen. Der Hof liegt in einer Senke, so dass das Wasser, das sich seit Tagen über ihn ergießt, zu kleinen und großen Tümpeln gesammelt hat. Der Horizont geht über in einen braun-grauen Himmel. Bäume zeichnen sich matt dagegen ab, als wollten sie ihre Konturen verbergen und im Grau des allgegenwärtigen Regens verschwimmen. Gibt es etwas trübsinnigeres, als im Winter bei diesem Wetter auf der Straße zu wandern? Gibt es ein einsameres Geräusch als Regen, der unablässig auf Büsche und Bäume trommelt, die keinen Unterschlupf mehr bieten?
Die Pferde stehen missmutig auf der Weide. Kein Anflug der Freude, die sie sonst in übermütigem Springen und Rennen ausdrücken.
Die ganze Welt fließt. Nur meine Gedanken stocken und stolpern. Der Regen könnte sie befruchten, so, wie er die Erde und Pflanzen nährt. Vielleicht macht er das sogar, vielleicht sprießen morgen die wunderbarsten Ideen und Gedanken aus meiner Hand aufs Papier. Heute jedoch scheint der Regen jeden Impuls zu ertränken.
Könnten meine Ideen doch schwimmen.
Es ist früher Nachmittag. Das Licht im Zimmer wirkt es jetzt wie in einer Vollmondnachtnacht, eine schemenhafte Dämmerung.
Ich schalte die Lampe  ein. Es wird heimelig im Raum. Das erinnert mich wieder an das Rot im Chinarestaurant. Es hatte etwas vom Inneren einer Gebärmutter. Dazu das Geräusch der Pumpen im Aquarium. Doch wirklich. In so einem Raum zu sitzen und etwas zu essen zu bekommen ist wie die Vorbereitung auf eine Geburt.
Wer weiß, als was ich mich morgen wiederfinde.
Neu geboren aus dem Rot. Weiterlesen

Die Entdeckung des Universums

Als du geboren wurdest, wolltest du es ihnen sagen, alles wolltest du ihnen erzählen, deine Erinnerung, dein Wissen von Allem, die ganze Wahrheit. Aber es funktionierte nicht. Es fühlte sich an, als wäre dir von allem, was ist, ausgerechnet die Sprache abhanden gekommen. Und so war es wohl auch.
Der Schmerz, dich nicht ausdrücken zu können, brannte wie Feuer. Du hast geschrien. Sie haben gelacht und sich gefreut. Da wusstest du, dass sie nichts wissen, dass sie keine blasse Ahnung haben. Der Schmerz des nicht-verstanden-werdens ließ dich verstummen.
Es ist dir doch recht, wenn ich „du“ sage? Unser Thema kommt mir zu persönlich vor, um das förmlich, distanzierte „Sie“ zu benutzen. Wenn du anderer Meinung bist, dann verabschieden wir uns an dieser Stelle voneinander. In dem Fall wünsche ich dir ein schönes Leben und danke dir, dass du hier warst. Falls du dich entschieden hast, noch eine Weile zu bleiben, so sei mir willkommen.

Wir waren bei deinem Geburtsschrei stehen geblieben, gewissermaßen dem Ur-Schrei, der uns alle ins Licht der Welt begleitet hat. Wir alle haben geschrien und wussten, sie würden uns nicht verstehen. Das Kind hat Hunger, sagten sie und gaben dir Milch. War es nicht unumstritten wundervoll, die Wärme, den Herzschlag und die Umarmung der Frau zu spüren, die deinem Wachstum monatelang mit ihrem Körper einen Schutz gegeben hat? Und dazu dieses unbeschreiblich befriedigende Gefühl, wenn die Nahrung allmählich den ganzen Körper belebt.
Ich will dir nichts vormachen, mit dem ersten Atemzug und der ersten Nahrung, verflüchtigte sich ein kleiner Teil deines Wissens. Er war nicht im eigentlichen Sinn verloren, aber doch verborgen unter dem Prozess des in –die-welt-kommens.
Kennst du den Film Matrix? Falls nicht, dann geh auf die Youtube Seite. Sieh dir eine Szene im ersten Teil von Matrix an, die, in der Morpheus dem Neo zwei Pillen zur Auswahl anbietet. Eine rote und eine blaue. Die blaue Pille steht für vollkommenes Vergessen, die rote Pille für vollständige Erkenntnis.
Bevor du geboren wurdest, hast du die rote Pille bekommen, dein  Eintauchen und Hineinwachsen in die Welt wirkt jedoch wie die blaue Pille. Das ist der Punkt, an dem wir stehen.
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Warum ich schreibe

Warum ich schreibe?
Weil es Worte gibt. Millionen Worte
für Geschichten von Millionen Menschen.
Worte, wie Messer. Durchdringend bis sie auf Knochen stoßen.
Worte, wie Seide auf der Haut.
Worte, die in den Himmel fliegen.
Worte, die in die Hölle stürzen.
Worte, wie Bälle in meiner Hand, in flinken Bögen hochgewirbelt.
Worte, aus der Dunkelheit eines muffigen Gewölbes gefischt.
Worte, die das leise Kratzen von Rattenfüßen in sich tragen.
Worte, gepflückt auf sardischen Frühlingswiesen,
prall vom Duft des wilden Majorans,
Worte, die Bilder in Köpfe malen
Worte, die Synapsen flimmern lassen.
Worte, die explodieren
Worte, wie Neuschnee auf dem Papier
Jedes Ende ein Wort
War nicht am Anfang das Wort,
das schöpferische?
© gabi m. auth

Schnee

Ich wünsche mir Schnee.
Irdisch, wie jede andere Naturerscheinung, hat er doch etwas ganz und gar Unirdisches, Magisches in seiner Lautlosigkeit. Wie er die Wege verwischt, die Klänge dämpft und die vertraute Welt neu und unberührt erscheinen lässt. Jede einzelne Flocke hat die Gestalt eines Sterns. Keiner wie der andere. Gefrorene Sterne, die die Erde in ihrem Winterschlaf liebevoll zudecken.
Die Natur schläft und wartet.
Jeder Moment im Leben gleicht einer Schneeflocke, ist ein einzigartiger, leuchtender Stern. In ihrer Gesamtheit sind sie einfach Leben, nicht mehr und nicht weniger.
Der Mensch schläft und wartet.
© gabi m. auth

Ein Jahr

Ein Jahr
vorbeigeweht wie altes Laub,
raschelnd, zerfallend
wenn der Regen kommt.
Ich geh in meinen Spuren
Schritt für Schritt
Und halte inne,
wage einen Blick zurück,
um mich nach vorn zu wenden,
hinter mir all die Tränen
geweint und ungeweint
und Trauer, Freude,
Zorn, Versöhnung.
Ich lass zurück,
was Last mir wäre.
Wegmarken
am Straßenrand des Lebens.
Und nehme mit,
was mir das Herz geöffnet hat.
Wegweiser in die Zukunft
Zugvogel bin ich,
verbunden
und doch frei.
Ein Jahr
© gabi m. auth