Tanz

Die Wanduhr tickt wie ein Lebensschrittmacher:
Tick und Tick und Tick.
Eine Uhr hat keinen Rhythmus, nur einen Takt. Rhythmus ist Leben, Takt ist Tod, denke ich.
Der Kühlschrank springt an mit diesem summenden Geräusch, das nach wenigen Minuten immer abrupt abbricht.
Mein Blick wandert zum Fenster hinaus auf den bewölkten Himmel und die Kronen zweier Birken, die sich im Wind wiegen.
Menschen können wie Bäume sein, die sich im Sturm beugen und ächzen, ohne zu brechen.
Heute geht nur ein leichter Wind und die Bewegung der Baumkronen gleicht einem versonnenen Tanz. Sturm lässt die Bäume anders tanzen, heftiger, stampfender, trotziger.
Ich will mein Leben tanzen, nicht marschieren.
Ich trinke den letzten Schluck schwarzen Tee aus meiner Tasse und lausche den Krähen, die vor dem Haus schreien.
Krähen sind irgendwie immer da.
Die Wolkendecke vor dem Fenster reißt kurz auf. Leuchtende Sonnenstrahlen vermitteln den Eindruck, als wäre hinter dem ganzen Wattewolkengrau ein lichter Raum.

Wird das Ticken der Wanduhr eigentlich lauter, oder kommt es mir nur so vor, weil ich so weit entfernt bin von dem Kind, das Laufen lernte. Äonen des kognitiven Erfassens, des Denkens und Katalogisierens von Erfahrungen.
Die Sonne zeichnet eine Lichtbahn auf den hellen Holztisch.
Perfekte Analogie.
Mein Hals wird eng. Ja, ich bin eine Verstandesbreite entfernt von dem Kind.
Der Verstand ist eine brauchbare Einrichtung, aber er liebt es, zu dominieren. Ein klassischer Macho, der sich in den Schritt fast, während das Gefühl verunsichert schweigt, aber es wollte doch…….
Liebes Gefühl, biete dem Kerl zwischendurch mal die Stirn.

Welche Instanz schreibt?
Wer ist eigentlich die, die „Ich“ sagt?
Draußen läuten die Kirchenglocken, untermalt vom Krah Krah der Krähen.
Das Ambiente bekräftigt die Frage: „Wer ist die, die „Ich“ sagt?
Die Windspiele vor dem Fenster und einige Spatzen und Meisen finden sich zu einem unbeabsichtigten Chor.
Alles zusammen ergibt eine Melodie, Natur und Technik im Einklang.
Ich bin die, die „Ich“ sagt.
Jeder Klang in mir sagt „Ich“, das Gefühl ganz Natur, der Verstand ganz Technik. Der Wind des Geistes bewegt alles in mir, jenseits vom „Ich“ gibt es ein „Ich bin“.
Dort ist Einheit. Ich muss einfach nur tanzen im Wind, selbstvergessen.
Ich werde tanzen wie die Birken.
Die Welt ist Musik, lasst uns mit ihr tanzen.
© gabi m. auth (Auszug aus einem Text, der in der Anthologie „Jedes Wort ein Atemzug“ veröffentlicht wurde.)

2 Gedanken zu “Tanz

  1. Liebe Gabi,

    ich hab ja selten was -J – aber hier würde mir statt Lebensschrittmacher, Herzschrittmacher besser gefallen. Ich kann mir schon vorstellen, warum du es gewählt hast. Aber mir ist es ein bisschen sperrig, man bleibt daran hängen, und Herzschrittmacher sagt im Grunde das Gleiche, und ist runder.

    Nur ma so J J

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