In Ne Halt En

Gnothi seauton –  Erkenne dich selbst,
stand über dem großen Torbogen in Delphi.
Der Wegweiser zum Orakel.
Die Botschaft des Universums.
An den Menschen.
An Dich. An mich.
Ganz einfach oder?
Erkennen, wer wir wirklich sind in der Tiefe unseres Wesens.
Bist Du schon  lange damit beschäftigt, tiefer in dich einzutauchen?
Zu entdecken, wer du bist und wer du sein willst?
Strengst dich an.
Folgst hier einer Lehre und dort einer Idee.
Legst  viele Facetten frei.
Empfindest endlich Ganzheit.
Denkst, du weißt alles, was es über dich zu wissen gibt.

Warum geschieht trotzdem nicht das Wunder?
Das, worauf du als Sucher im Orakel des Lebens  wartest?
Dieses ganze Erkenne dich selbst,
warum hat es dich nicht frei gemacht?
Die Antwort liegt in einer kleinen Pause .
Im Innehalten beim Eintritt in das Orakel.
In der Stille hinter dem D ich. Ich.
Etwas verändert sich im Inneren.
Die Botschaft des Orakels kommt in umgewandelter Form bei dir an.
Erkenne Dich,
Selbst.
Selbst,
erkenne Dich.

Aufwachen aus dem Traum.
Erkennen, was immer schon ist.
Die Ewigkeit im Menschen.
Immer schon.
Die Ewigkeit in dir.
Sieh dich an. Sieh dich wirklich an. Sieh in das Gesicht der Ewigkeit.
In der Stille  die Stimme, die dich schon immer begleitet
Ich bin, der ich bin.
Kein Weg ist falsch, der dieser Stimme folgt.
Kein Weg ist falsch, der dein ureigener Weg ist.
Ein Ziel gibt es in Wirklichkeit nicht.
Es gibt nur die Bereitschaft, zu gehen.

© gabi m. auth

Tanz

Die Wanduhr tickt wie ein Lebensschrittmacher:
Tick und Tick und Tick.
Eine Uhr hat keinen Rhythmus, nur einen Takt. Rhythmus ist Leben, Takt ist Tod, denke ich.
Der Kühlschrank springt an mit diesem summenden Geräusch, das nach wenigen Minuten immer abrupt abbricht.
Mein Blick wandert zum Fenster hinaus auf den bewölkten Himmel und die Kronen zweier Birken, die sich im Wind wiegen.
Menschen können wie Bäume sein, die sich im Sturm beugen und ächzen, ohne zu brechen.
Heute geht nur ein leichter Wind und die Bewegung der Baumkronen gleicht einem versonnenen Tanz. Sturm lässt die Bäume anders tanzen, heftiger, stampfender, trotziger.
Ich will mein Leben tanzen, nicht marschieren.
Ich trinke den letzten Schluck schwarzen Tee aus meiner Tasse und lausche den Krähen, die vor dem Haus schreien.
Krähen sind irgendwie immer da.
Die Wolkendecke vor dem Fenster reißt kurz auf. Leuchtende Sonnenstrahlen vermitteln den Eindruck, als wäre hinter dem ganzen Wattewolkengrau ein lichter Raum.

Wird das Ticken der Wanduhr eigentlich lauter, oder kommt es mir nur so vor, weil ich so weit entfernt bin von dem Kind, das Laufen lernte. Äonen des kognitiven Erfassens, des Denkens und Katalogisierens von Erfahrungen.
Die Sonne zeichnet eine Lichtbahn auf den hellen Holztisch.
Perfekte Analogie.
Mein Hals wird eng. Ja, ich bin eine Verstandesbreite entfernt von dem Kind.
Der Verstand ist eine brauchbare Einrichtung, aber er liebt es, zu dominieren. Ein klassischer Macho, der sich in den Schritt fast, während das Gefühl verunsichert schweigt, aber es wollte doch…….
Liebes Gefühl, biete dem Kerl zwischendurch mal die Stirn.

Welche Instanz schreibt?
Wer ist eigentlich die, die „Ich“ sagt?
Draußen läuten die Kirchenglocken, untermalt vom Krah Krah der Krähen.
Das Ambiente bekräftigt die Frage: „Wer ist die, die „Ich“ sagt?
Die Windspiele vor dem Fenster und einige Spatzen und Meisen finden sich zu einem unbeabsichtigten Chor.
Alles zusammen ergibt eine Melodie, Natur und Technik im Einklang.
Ich bin die, die „Ich“ sagt.
Jeder Klang in mir sagt „Ich“, das Gefühl ganz Natur, der Verstand ganz Technik. Der Wind des Geistes bewegt alles in mir, jenseits vom „Ich“ gibt es ein „Ich bin“.
Dort ist Einheit. Ich muss einfach nur tanzen im Wind, selbstvergessen.
Ich werde tanzen wie die Birken.
Die Welt ist Musik, lasst uns mit ihr tanzen.
© gabi m. auth (Auszug aus einem Text, der in der Anthologie „Jedes Wort ein Atemzug“ veröffentlicht wurde.)
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wohin

Wo rennt ihr hin,
von da nach hier,
so voller Hass,
so ohne Sinn?

Ihr schreit so laut.
Dagegen, nie dafür.
Gegen das und dies
wie Krähen im Regen.

Ihr verrammelt die Tür.

Was, wenn die Welt
euch um die Ohren fliegt?
Wenn jeder verliert
und keiner siegt?

In einer Sekunde
alles vorbei.
Die Liebe, der Hass,
verstummt das Geschrei.

Die Welt, wie sie ist,
ist vielleicht genug.
Die Welt, die ihr wollt,
ein Selbstbetrug.
© gabi m. auth

Wind

Wenn ich sterbe, bringt mir Pusteblumen.
Singt mir ein Freiheitslied und tanzt.
Tanzt für das Leben, für das Meer,
die Sterne und den Wind.
Besonders für den Wind,
der sanft durch eure Haare streicht.
Den Wind der Berge und der Steppen,
denselben Wind, der in den Städten
durch Straßen weht und nachts
auf leeren Plätzen mit
heimatlosen Plastiktüten
den feurigsten Flamenco tanzt.
Ihm vertraue ich mich an,
dem Wind, der uns verbindet.
Lasst meine Asche mit ihm tanzen.
Und lauscht der Stille.
In Stille tanzend mit dem Wind
berührt euch meine Seele.
© gabriele auth

Aufbruch

Tiefe Nacht ,
da ist kein Stern,
die offene Tür
ein drohendes Tier.
Der alte Teddy
auf dem Bett,
starrt traurig leer,
sein einziges Auge
sieht nichts mehr.

Ein Rucksack voll
geliebtem Plunder.
Ein leeres Herz ist
kein Raum für Wunder.
Elfenzauber
ertrank im Moor.
Sein Gesicht zu nah,
das Lächeln aus Blei
ihre Krone verlor’n.

Goldener Ritter
im Rost erstarrt,
verstörender
Albtraum
in der Nacht.
Papi sagt ihr Haar
sei hell wie Elfengold.
……………………
Sie fühlt sich so alt.

Papi’s kleine Fee
geht heute fort,
ohne Blick zurück,
ohne Abschiedswort,
verlässt ihren Teddy,
vertraut dem Wind,
beendet den Albtraum
ein Leben beginnt.

© gabriele auth

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Blauer Tag

Heute ist ein Tag für Purzelbäume,
lichtblauer Tag mit weißen Tupfen.
Und ich bin im Blau,
tanze, hüpfe, räkele mich
wohlig,  brumm-selig.
Trunken von dem verrückten
kleinen Freudenlied,
das in mir summt.
© gabi m. auth

Etwas war anders

Das Leben knirscht.
Dein Wintergesicht
in mein Hirn geätzt,
vergesse ich nicht.

Eisblumenblau
dein letzter Blick.
Etwas war anders,
sahst nicht zurück.

Sitz nun allein hier
am Meeresgrund,
warte auf Sommer,
auf gelb im grau und

verriegle die Augen.
Hör meinem Herzen
beim Stolpern zu.
So wirr. So vertraut

tropft Stille in den
aufgewühlten Sinn.
Ich öffne die Hände
und es fliegt dahin.

Da lass ich ziehen,
das Du und Ich,
dein Sommergesicht.
Gischt bleibt zurück.

Dazwischen ich
für mich.
© gabriele auth

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Eurydike

Wollten denselben
Weg gehen
Mondkind
Wir spucken das
Höllenfeuer

einfach aus,
hast du gesagt.

Du hast
dich verlaufen
im Dickicht
deiner
Vergangenheit
hingst äonenlang
in deinen Abgründen.

Und ich
auf schmalem Grat
hielt weiter
deine Hand.
mein ganzes Sein
zum Zerreißen
gespannt.

Das Gewicht
deiner Angst
zerrte so schwer
langes Entsetzen
in unseren Augen,
als ich dich los ließ.

Du stürztest lautlos

mache mich
auf den Weg
weiter zur Sonne.
müde,  schwer
Steine in der Seele
Staub im Herzen
Nacht.

Finde ich
den Weg
hinaus,
in den Tag,
bist auch du
nicht verloren.
Vielleicht .
© gabriele auth

Leben ist Traum

Auf Straßen
sterben
Schmetterlinge,
taumeln mit
staubigen Flügeln
in die Gosse.
Wer hört ihr
tonloses Weinen
außer denen,
die folgen wollen.
Wohin gehen
die Schmetterlinge,
wenn sie tot sind?
© gabriele auth

Nicht seine Welt

Er steht an der Wand mit den Wochenplänen. Ein großer, stämmiger Typ mit tätowiertem Kopf. Von der Stirnmitte bis zum Nacken zieht sich ein stoppelkurzer Streifen Haare. Irokesenschnitt. Die äußeren Ränder seiner Ohren sind mehrfach gepierct. Eine Goldkreole neben der anderen. Bis zu den Ohrläppchen. Sein mächtiger Oberkörper steckt in einem karierten Hemd, das am Hals weit geöffnet ist.
Drei Reihen Gold blitzen dort in der kleinen Kuhle unterhalb des Adamsapfels. Sie bilden einen leuchtenden Kontrast zu der rotbraunen Haut, die seltsam lederartig aussieht und mich an einen Leguan erinnert. Eine Fleecejacke mit indianischem Muster spannt sich über den Schultern. Die Beine, in braunen Tarnhosen, stemmen sich gegen den abgetretenen PVC Boden.
Wir wollen uns erden, scheinen die Füße in den abgetretenen Turnschuhen zu schreien, erden gegen die Angst, gegen das verfickte Gefühl in einem schlechten Traum festzustecken. Die rechte Hand ist zur Faust geballt. Die linke umklammert eine abgewetzte Sporttasche aus schwarzem Nylon.
Reglos steht er da, die Kiefer fest aufeinander gepresst. Der Blick aus leicht zusammengekniffenen, braunen Augen schweift wie Halt suchend durch den Raum. Er taxiert die nüchterne Einrichtung. Weiße Resopaltische, schwarze Stühle. Es ist Essenszeit. An allen Tischen sitzen Patienten, essen, reden, lachen. Das Summen der Gespräche wabert wie eine unsichtbare, amorphe Masse durch den Raum.

Ich schließe die Augen und fühle mich in ein Freibad versetzt. Als ob sie meine Assoziation bekräftigen will, schickt die Sonne ein breites Lächeln durchs Fenster. Ich fühle es auf den Wangen wie ein zärtliches Nichts, öffne die Augen, beobachte den neuen Patienten. Indianer, nenne ich ihn in Gedanken. Verloren sieht er aus. Wie er da an der Wand steht im Aufenthaltsraum einer Reha Klinik für psychosomatische Erkrankungen. Seine imposante Breite sendet Einsamkeit aus. Und Angst. Ich spüre fast, wie sie von seinen Schultern durch den leicht angewinkelten Arm in die geballte Faust strahlt. Wenn die Angst übermächtig würde, könnte diese ledrige, rotbraune Faust nach vorne schnellen.
Wo so eine Faust hinhaut, da wächst kein Gras mehr, flüstert es in meinem Kopf.
Blöder Machospruch, denke ich.
Der Indianer hat sich nicht einen Millimeter bewegt. Sein Blick geht jetzt über die Köpfe der Patienten ins Leere. Ich stehe auf, gehe auf ihn zu.
„Hat dir schon einer gezeigt, wo du deinen Kram abstellen kannst?“
Ich deute auf die Sporttasche die traurig vor seinen Beinen hängt. Viel scheint da nicht drin zu sein. Er sieht mich an, prüfend.
„Ja. Brauch ich nicht. Ich halt die Sachen bei mir“, knurrt er. „Das hier macht mich aggro. „Ist nicht meine Welt.“
Wir schweigen. Was soll ich ihm schon sagen?
Ist nicht seine Welt. Meine ist es auch nicht. Darum sind ja alle hier. Weil es nicht ihre Welt ist. Weil sie sich vor der Kälte nach Innen verkrochen haben. Die Türen verschlossen und den Schlüssel verschluckt.
„Das geht Vielen am ersten Tag so“, antworte ich. „Ist einfach ein komisches Gefühl, aber das wird nach ein paar Tagen besser“.
Ich lächele. Er steht und sieht mich an. Ein Blick vor dem die Jalousien sich für einen winzigen Moment geöffnet haben. Dahinter ahne ich einen dunklen Gang, unbegehbar, vollgestopft mit zerschlagenen Kinderwünschen.
Ein verlassener Junge von mindestens vierzig Jahren vor einem verlassenen Mädchen.
„Willste nicht wenigstens die Jacke ausziehen?“
Ich zeige in Richtung Garderobe. Er scheint einen Moment nachzudenken. Schließlich nickt er. Sein Gesicht entspannt sich ein wenig als er sich umdreht und zum Kleiderständer geht. Ich sehe hinterher. Das Drachentatoo in seinem Nacken leuchtet blauschwarz. Ist nicht meine Welt scheinen seine Schultern zu sagen.
Ist es meine Welt, frage ich mich.
Aber wessen Welt soll es denn sonst sein, wenn nicht unsere?
© gabriele auth

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