Etwas ist anders

„Zerbrich dir nicht den Kopf“, sagt er, „über uns oder über Sex. Du machst dir zu viele Gedanken.“
Er dreht das Feuerzeug zwischen den Fingern.
Sie schweigt. Sieht auf seinen gesenkten Kopf.  Seine Haare sind ein bisschen verstrubbelt.
Sie mag das.
Gedanken?
Es gibt Sätze, die in einer Minute alles ändern können. In Katastrophenfilmen sind es oft die Präsidenten, die diese Sätze zur Bevölkerung sagen.
Machen Sie sich keine Gedanken. Alles wird gut.
Währenddessen rast ein Komet auf die Erde zu, unverändert auf Kollisionskurs, begleitet von bedrohlicher Musik.
Dolby surround.
Man greift in die Popcorn-Tüte, teilt das Verlangen der Protagonisten, ein paar Klamotten zu packen und abzuhauen. Nur wohin? Da ist nichts, wohin man flüchten könnte.
Das ist das Verteufelte an solchen Sätzen, dass sie etwas Schicksalhaftes in sich tragen. Etwas, das sich der eigenen Kontrolle entzieht. Vielleicht bleibt man verschont. Der Komet zieht vorbei. Man weiß es nicht.
Und während Menschen so tun, als machten sie sich keine Gedanken, arbeitet die Regierung daran, die Katastrophe zu verhindern.

In ihrer Beziehung gibt es keine Regierung.
Es gibt sie beide, einen Mann und eine Frau.
Sein Satz schwebt noch zwischen ihnen im Raum, als sie bereits eingestiegen ist in den Brain-Shuttle. Auf ihrer inneren Leinwand läuft ein Film, er wie er zur Tür hinausgeht, ohne sich umzudrehen. Für immer.
In Dauerschleife.
Er legt das Feuerzeug zurück auf den Tisch. Sieht sie jetzt an. Im Kerzenlicht wirken seine Augen fast schwarz.
„Warum sagst du das?“ fragt sie. „So aus heiterem Himmel. Ich hab nicht mal angedeutet, dass ich mir Gedanken um uns mache. Ich mach mir keine.“
Er sitzt ihr gegenüber. Eben erst zurück von einer Reise für seine Firma. Er schweigt, sieht sie an mit diesem beruhigenden Präsidentenblick.
„Ich hatte das Gefühl, dass du dir den Kopf zerbrichst“, sagt er.
„Warum?“
„Keine Ahnung. Es war irgendwas, das du am Telefon gesagt hast. Ich erinnere mich nicht genau.“
Und dann spricht er ihn aus, den zweiten Satz, den, der den Kometen übergroß und bedrohlich in ihr Gesichtsfeld rückt.
„Jedes Mal, wenn ich für die Firma unterwegs war, fühle ich mich ein bisschen verändert. Ein Stück freier.“
Sie spürt wie etwas Kühles sich in ihr breit macht. Langsam, wie Regen, der durch ein undichtes Fenster tröpfelt.
Sie weiß, dass es stimmt, was er sagt. Nicht für jedes Mal, aber für dieses Mal ist es wahr. Sie wusste es, als er zur Tür hereinkam.
Etwas war anders. Etwas in seinem Blick.
Vielleicht würde bald alles anders sein.
Vielleicht würde der Komet in ihr Leben knallen.
Boom
Und Schluss.
Kann man für Liebe kämpfen?
Hollywood, die Popmusik, Romane, viele erzählen, dass man es kann. Doch Liebe ist kein Pokal für den Sieger einer Schlacht. Liebe geht, wenn der Kampf beginnt.
Aber, denkt sie, ich will nicht sitzen und warten, erstarrt wie ein Kaninchen im Licht eines Autoscheinwerfers.
„Wolltest du mir echt nur sagen, dass ich mir keine Gedanken machen soll“, fragt sie. „Oder wolltest du sagen, dass du frei sein willst?“
Er antwortet nicht.
Such die Liebe in dir, flüstert eine Stimme in ihrem Kopf.
Ist da Liebe in ihr für diesen Mann, der anders ist? Diesen Fremden?
Oder ist da nur der Komet, der alles pulverisieren könnte?
Ist sie nicht selbst eine Fremde?
Ein fremder Mann und eine fremde Frau.
Sie könnten sich kennenlernen, vielleicht sogar lieben.
Und die Freiheit?
Was ist mit seiner Freiheit?
„Such Freiheit in dir selber“, sagt sie. „Sie ist da, wo die Liebe ist. Ich hab sie dir nie genommen.
Sie sind ein Paar, Freiheit und Liebe.
Er zündet sich eine Zigarette an, bläst den Rauch in die Kerzenflamme. Es flackert bläulich.
Sie sehen sich an.

Tiefgräberin

Erleuchtung ist hip.
Doch, ist wirklich wahr. Es ist total angesagt, sich damit zu beschäftigen, über sie zu reden, zu schreiben, oder sie im besten Fall schon einmal real erfahren zu haben, und wenn es nur ein klitzekleines bisschen war.
Es gibt so viele Vordenker, Gurus, die es anscheinend schon erlebt haben und mit leuchtendem Blick davon erzählen.
Da sitze ich nun und fühle mich so gänzlich unerleuchtet, fremdplatziert, eine völlige Fehlbesetzung. Alle sind bedeutend und sagen bedeutungsvolle Dinge. Und ich habe keine Ahnung und sowieso die falschen Klamotten an.
Was soll’s, denke ich, strecke meine Schultern und Arme, spüre meinen Körper, die Anspannung der Muskeln,  den gleichmäßigen Rhythmus des Herzschlags.
Ich atme ein und aus, schließe die Augen, vergesse alles, was andere reden,  tauche nach innen, bin Tiefgräberin und Fährtenleserin in mir selbst.
Eine Minute für ein Leben.
Als ich die Augen wieder öffne, fällt mein Blick auf den Kater neben mir. Er leckt sich das Fell. Sein Schnurren flutet den Raum, ein Klang aus den Tiefen seines Katzenwesens.
Wohlig, zufrieden, glücklich machend.
Wir sehen uns an. Ein grün-grauer und ein blau-grauer Blick begegnen sich. Sein Blick ist geheimnisvoll und beruhigend wie immer.
Ich bin sicher, der Kater ist erleuchtet.
© gabi m. auth

Dunkles Wiegenlied

Leuchtend rot war ihr Haar. Ahornblätter im Herbst.
Er nannte sie Flammenbraut. Er nahm sie bei der Hand.
Und ihre Augen glänzten wie seegrünes Glas.

Er war ihr Himmel. Sie küssten sich. Wie Kinder. Begierig und wild.
Und nachts wisperte sie geheime Worte in sein Ohr,
zerbrechliche Silben aus Lust.

Wie er stolzierte mit federndem Gang. Sie sei die Schönste,
sagte er. Sein Arm um ihre Taille. Seine Augen so hell.
Wie Sterne, dachte sie.

Sein Blick wechselte von Blau zu Eis, und sein Gang wurde Stahl,
als sie gestand, leise, fast scheu, wir bekommen ein Baby.
Und sie hob suchend den Blick.

Er lachte zu laut. Grau wie Beton. Und Worte wie Steine trafen ihr Herz.
Sie sah ihn gehen. Sein Rücken eine Wand. Stumm stand sie tränenblind.

Sie fand einen Ort, einen stillen, versteckten.
Auf dem Hügel, nur den Vögeln vertraut. Da saß sie im Gras,
pflückte Blumen und sang.

Sang ein blindes, ein dunkles Wiegenlied. Sie wand einen Kranz,
kniete anmutig nieder und Margeriten leuchteten weiß und wild.

Als sie die Waffe nahm, die Mündung küsste und ihr Finger sich zärtlich
nach innen bog, färbten Blüten sich rot wie ihr Haar.

Unschuld zerbarst in einem Schuss. Das Wiegenlied für
ein ungekanntes Kind wehte zum Himmel, ein verwirrter
Traum, lautlos den Wolken nach.
©gabi m. auth

In Ne Halt En

Gnothi seauton –  Erkenne dich selbst,
stand über dem großen Torbogen in Delphi.
Der Wegweiser zum Orakel.
Die Botschaft des Universums.
An den Menschen.
An Dich. An mich.
Ganz einfach oder?
Erkennen, wer wir wirklich sind in der Tiefe unseres Wesens.
Bist Du schon  lange damit beschäftigt, tiefer in dich einzutauchen?
Zu entdecken, wer du bist und wer du sein willst?
Strengst dich an.
Folgst hier einer Lehre und dort einer Idee.
Legst  viele Facetten frei.
Empfindest endlich Ganzheit.
Denkst, du weißt alles, was es über dich zu wissen gibt.

Warum geschieht trotzdem nicht das Wunder?
Das, worauf du als Sucher im Orakel des Lebens  wartest?
Dieses ganze Erkenne dich selbst,
warum hat es dich nicht frei gemacht?
Die Antwort liegt in einer kleinen Pause .
Im Innehalten beim Eintritt in das Orakel.
In der Stille hinter dem D ich. Ich.
Etwas verändert sich im Inneren.
Die Botschaft des Orakels kommt in umgewandelter Form bei dir an.
Erkenne Dich,
Selbst.
Selbst,
erkenne Dich.

Aufwachen aus dem Traum.
Erkennen, was immer schon ist.
Die Ewigkeit im Menschen.
Immer schon.
Die Ewigkeit in dir.
Sieh dich an. Sieh dich wirklich an. Sieh in das Gesicht der Ewigkeit.
In der Stille  die Stimme, die dich schon immer begleitet
Ich bin, der ich bin.
Kein Weg ist falsch, der dieser Stimme folgt.
Kein Weg ist falsch, der dein ureigener Weg ist.
Ein Ziel gibt es in Wirklichkeit nicht.
Es gibt nur die Bereitschaft, zu gehen.

© gabi m. auth

Tanz

Die Wanduhr tickt wie ein Lebensschrittmacher:
Tick und Tick und Tick.
Eine Uhr hat keinen Rhythmus, nur einen Takt. Rhythmus ist Leben, Takt ist Tod, denke ich.
Der Kühlschrank springt an mit diesem summenden Geräusch, das nach wenigen Minuten immer abrupt abbricht.
Mein Blick wandert zum Fenster hinaus auf den bewölkten Himmel und die Kronen zweier Birken, die sich im Wind wiegen.
Menschen können wie Bäume sein, die sich im Sturm beugen und ächzen, ohne zu brechen.
Heute geht nur ein leichter Wind und die Bewegung der Baumkronen gleicht einem versonnenen Tanz. Sturm lässt die Bäume anders tanzen, heftiger, stampfender, trotziger.
Ich will mein Leben tanzen, nicht marschieren.
Ich trinke den letzten Schluck schwarzen Tee aus meiner Tasse und lausche den Krähen, die vor dem Haus schreien.
Krähen sind irgendwie immer da.
Die Wolkendecke vor dem Fenster reißt kurz auf. Leuchtende Sonnenstrahlen vermitteln den Eindruck, als wäre hinter dem ganzen Wattewolkengrau ein lichter Raum.

Wird das Ticken der Wanduhr eigentlich lauter, oder kommt es mir nur so vor, weil ich so weit entfernt bin von dem Kind, das Laufen lernte. Äonen des kognitiven Erfassens, des Denkens und Katalogisierens von Erfahrungen.
Die Sonne zeichnet eine Lichtbahn auf den hellen Holztisch.
Perfekte Analogie.
Mein Hals wird eng. Ja, ich bin eine Verstandesbreite entfernt von dem Kind.
Der Verstand ist eine brauchbare Einrichtung, aber er liebt es, zu dominieren. Ein klassischer Macho, der sich in den Schritt fast, während das Gefühl verunsichert schweigt, aber es wollte doch…….
Liebes Gefühl, biete dem Kerl zwischendurch mal die Stirn.

Welche Instanz schreibt?
Wer ist eigentlich die, die „Ich“ sagt?
Draußen läuten die Kirchenglocken, untermalt vom Krah Krah der Krähen.
Das Ambiente bekräftigt die Frage: „Wer ist die, die „Ich“ sagt?
Die Windspiele vor dem Fenster und einige Spatzen und Meisen finden sich zu einem unbeabsichtigten Chor.
Alles zusammen ergibt eine Melodie, Natur und Technik im Einklang.
Ich bin die, die „Ich“ sagt.
Jeder Klang in mir sagt „Ich“, das Gefühl ganz Natur, der Verstand ganz Technik. Der Wind des Geistes bewegt alles in mir, jenseits vom „Ich“ gibt es ein „Ich bin“.
Dort ist Einheit. Ich muss einfach nur tanzen im Wind, selbstvergessen.
Ich werde tanzen wie die Birken.
Die Welt ist Musik, lasst uns mit ihr tanzen.
© gabi m. auth (Auszug aus einem Text, der in der Anthologie „Jedes Wort ein Atemzug“ veröffentlicht wurde.)
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Gefrorene Sterne

Gibt es etwas Lautloseres als Schnee? Er ist so irdisch, wie jede andere Naturerscheinung, und hat doch etwas ganz und gar Unirdisches, Magisches in seiner Lautlosigkeit. Wie er die Wege verwischt, alle Klänge dämpft und die vertraute Welt plötzlich neu und unberührt erscheinen lässt. Jede einzelne Flocke hat die Gestalt eines Sterns. Keiner wie der andere. Gefrorene Sterne, die die Erde in ihrem Winterschlaf beinahe liebevoll zudecken. Die Natur schläft und wartet. Jeder Moment im Leben ist wie eine Schneeflocke, ein einzigartiger, leuchtender Stern. In ihrer Gesamtheit sind sie einfach Leben. Nicht mehr und nicht weniger.
© gabriele auth

Nicht seine Welt

Er steht an der Wand mit den Wochenplänen. Ein großer, stämmiger Typ mit tätowiertem Kopf. Von der Stirnmitte bis zum Nacken zieht sich ein stoppelkurzer Streifen Haare. Irokesenschnitt. Die äußeren Ränder seiner Ohren sind mehrfach gepierct. Eine Goldkreole neben der anderen. Bis zu den Ohrläppchen. Sein mächtiger Oberkörper steckt in einem karierten Hemd, das am Hals weit geöffnet ist.
Drei Reihen Gold blitzen dort in der kleinen Kuhle unterhalb des Adamsapfels. Sie bilden einen leuchtenden Kontrast zu der rotbraunen Haut, die seltsam lederartig aussieht und mich an einen Leguan erinnert. Eine Fleecejacke mit indianischem Muster spannt sich über den Schultern. Die Beine, in braunen Tarnhosen, stemmen sich gegen den abgetretenen PVC Boden.
Wir wollen uns erden, scheinen die Füße in den abgetretenen Turnschuhen zu schreien, erden gegen die Angst, gegen das verfickte Gefühl in einem schlechten Traum festzustecken. Die rechte Hand ist zur Faust geballt. Die linke umklammert eine abgewetzte Sporttasche aus schwarzem Nylon.
Reglos steht er da, die Kiefer fest aufeinander gepresst. Der Blick aus leicht zusammengekniffenen, braunen Augen schweift wie Halt suchend durch den Raum. Er taxiert die nüchterne Einrichtung. Weiße Resopaltische, schwarze Stühle. Es ist Essenszeit. An allen Tischen sitzen Patienten, essen, reden, lachen. Das Summen der Gespräche wabert wie eine unsichtbare, amorphe Masse durch den Raum.

Ich schließe die Augen und fühle mich in ein Freibad versetzt. Als ob sie meine Assoziation bekräftigen will, schickt die Sonne ein breites Lächeln durchs Fenster. Ich fühle es auf den Wangen wie ein zärtliches Nichts, öffne die Augen, beobachte den neuen Patienten. Indianer, nenne ich ihn in Gedanken. Verloren sieht er aus. Wie er da an der Wand steht im Aufenthaltsraum einer Reha Klinik für psychosomatische Erkrankungen. Seine imposante Breite sendet Einsamkeit aus. Und Angst. Ich spüre fast, wie sie von seinen Schultern durch den leicht angewinkelten Arm in die geballte Faust strahlt. Wenn die Angst übermächtig würde, könnte diese ledrige, rotbraune Faust nach vorne schnellen.
Wo so eine Faust hinhaut, da wächst kein Gras mehr, flüstert es in meinem Kopf.
Blöder Machospruch, denke ich.
Der Indianer hat sich nicht einen Millimeter bewegt. Sein Blick geht jetzt über die Köpfe der Patienten ins Leere. Ich stehe auf, gehe auf ihn zu.
„Hat dir schon einer gezeigt, wo du deinen Kram abstellen kannst?“
Ich deute auf die Sporttasche die traurig vor seinen Beinen hängt. Viel scheint da nicht drin zu sein. Er sieht mich an, prüfend.
„Ja. Brauch ich nicht. Ich halt die Sachen bei mir“, knurrt er. „Das hier macht mich aggro. „Ist nicht meine Welt.“
Wir schweigen. Was soll ich ihm schon sagen?
Ist nicht seine Welt. Meine ist es auch nicht. Darum sind ja alle hier. Weil es nicht ihre Welt ist. Weil sie sich vor der Kälte nach Innen verkrochen haben. Die Türen verschlossen und den Schlüssel verschluckt.
„Das geht Vielen am ersten Tag so“, antworte ich. „Ist einfach ein komisches Gefühl, aber das wird nach ein paar Tagen besser“.
Ich lächele. Er steht und sieht mich an. Ein Blick vor dem die Jalousien sich für einen winzigen Moment geöffnet haben. Dahinter ahne ich einen dunklen Gang, unbegehbar, vollgestopft mit zerschlagenen Kinderwünschen.
Ein verlassener Junge von mindestens vierzig Jahren vor einem verlassenen Mädchen.
„Willste nicht wenigstens die Jacke ausziehen?“
Ich zeige in Richtung Garderobe. Er scheint einen Moment nachzudenken. Schließlich nickt er. Sein Gesicht entspannt sich ein wenig als er sich umdreht und zum Kleiderständer geht. Ich sehe hinterher. Das Drachentatoo in seinem Nacken leuchtet blauschwarz. Ist nicht meine Welt scheinen seine Schultern zu sagen.
Ist es meine Welt, frage ich mich.
Aber wessen Welt soll es denn sonst sein, wenn nicht unsere?
© gabriele auth

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Minenfelder

Gestern, neulich, oder irgendwann spät abends, in einer Facebook Autorengruppe. Ein junger Mann, sympathisch aussehend, freundlich, lud ein Gedicht hoch. Er bat um Anmerkungen.
Und schon eierten wir über das Minenfeld der Lyrik, auf dem man schnell daneben treten kann und

B O O M.

Die Kommentare pitchten hin und her, Pingpongbälle der literarischen Gelehrsamkeit und freundlich aufbauende Botschaften aus dem Genre wenn ich deinen Text lobe, lobst du beim nächsten Mal auch meinen und wir sind beide glücklich.

Ich gebe zu, diese Art von win win Beifall liegt mir nicht. Der Text wurde als Gedicht, als Lyrik hochgeladen, las sich jedoch wie ein Schlagertext. Nichts dagegen einzuwenden. Atemlos durch die Nacht verkauft sich Millionenfach. Irgendwie Geschmacksache. Andererseits gibt es ein Handwerk des Schreibens, das viele Autoren gerne mit der Begründung, Schreiben sei Kunst und Kunst kann alles, in den Staub treten. Ich habe immer ein wenig den Verdacht, sie reden gern von künstlerischer Freiheit, wenn sie das verschmähte Handwerk nicht beherrschen.
Es kam das Unabänderliche. Ich hatte mir geschworen, es nicht mehr zu tun, aber ich tat es. Ich tat es schon wieder. Ich wies auf handwerkliche Mängel hin. Ich verglich das Gedicht mit einem Schlagertext. Und. Gott, ja, ich wagte es die Formulierung  Ich werde dich nie mehr vergessen, als abgenutzt und als nah am Kitsch zu bezeichnen.
Ein anderes Gruppenmitglied fragte, ob der Verfasser Türke sei. Nun, ja, sein Name klang tatsächlich türkisch. Er bestätigte und wollte den Hintergrund der Frage wissen. Der Frager hüllte sich zunächst in ein nichtssagendes „Nur so“ und danach in vielsagendes Schweigen.
Der junge Dichter war verärgert.
Ich konnte seine Empfindlichkeit nachvollziehen. Aus welchem Grund könnte seine Nationalität eine Rolle spielen?
Warum ist es wichtig, ob der Verfasser eines Gedichtes Türke, Schwede oder Franzose ist?
Und plötzlich, ganz hinterhältig und ohne Vorwarnung schraubte sich ein Lied in meine Gehirnwindungen.
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch daran. GrUp TekkAn, kein Witz, die hießen wirklich so, millionenfach geklickt bei youtube,
Wo bist du mein Sonnenlicht?
Drei junge Türken landeten einen Hit, kitschig, ein bisschen abgedroschen, und ungeheuer charmant.
Ein Hit, der in dieser Art von drei jungen Schweden nicht möglich gewesen wäre.
Und dann dachte ich an die Sprache von Orhan Pamuk oder Elif Shafak überquellend, voller Adjektive, aber nie kitschig.
Ich schrieb dem jungen Dichter meine Gedanken und dass ich in seinem Hang zur blumigen Sprache ein südländisches Temperament sähe.
Ich meine, wenn sein Name Carl Ove Knausgaard wäre, hätte ich eine ruhige, lakonische Sprache eben dem nordischen Temperament zugeschrieben. Wohingegen mich dieses Überquellende, Pralle, dieses Schnörkelige, vor Adjektiven schier explodierende bei einem Knausgaard wundern würde.
Der Jungautor teilte meinen Gedanken nicht.
Er nannte ihn Alltagsrassismus.
Vielleicht war er nur empfindlich in dieser postmodernen Pegida Welt, oder er wollte wie alle Schreibanfänger Lob und Anerkennung für seine ersten lyrischen Gehversuche ernten. Vielleicht hatte er einfach Recht.
Ich weiß es nicht und war verdattert. Alltagsrassismus. Damit hatte ich mich noch nie identifiziert. Ich lebe in einer multikulturellen Familie und habe einen bunten Freundeskreis.

Okay, dachte ich, lass uns über Alltagsrassismus reden. Lass uns über Dinge sprechen, die ich sonst ohne Urteil annehme. Lass uns sprechen darüber, dass es türkische Nachbarn gibt, die deutsche Mädchen für Huren halten. Und wenn einer ihrer Söhne sich in eine Deutsche verliebt, droht ihm Enterbung. Kinder, die einer solchen Liebe entspringen, werden von der Familie des Mannes nicht selten als Hurenbastarde bezeichnet.
Lass uns darüber reden, dass Frauen, die sich stolz verschleiern, oder das Kopftuch tragen, unverschleierten Frauen manchmal vorwerfen, Sexualobjekte zu sein, arme, von Männern missbrauchte Opfer, die das selber nicht wahrnehmen.

Andererseits, warum verdammt noch mal läuft der NSU Prozess jetzt so unauffällig im Hintergrund unserer Gesellschaft ab?
So, als ob nie etwas gewesen wäre?

Alltagrassismus ist eine Drehtür.

Ich schrieb dem jungen Dichter eine Nachricht, dass es mir leid täte, wenn meine Sätze so bei ihm angekommen seien und auch, dass ich einfach nur an GrUp TekkAn und Orhan Pamuk gedacht hätte.
Dann verließ ich die Autorengruppe wie ich es schon mehrfach angekündigt, aber nicht getan hatte. Ich fühlte mich dort schon lange fehl am Platz.
Am nächsten Tag schrieb er mir zurück. „Ich bin aus der Gruppe rausgegangen“,
und „Der Türke ist weg. Ihr seid wieder unter euch.“
Das tat weh.
Als Großmutter eines halbtürkischen Enkels, weiß ich, dass diese Reaktion am selben Zweig blüht wie die blumige Sprache, dramatisch rote Blüten südländischen Temperaments, die mit ihrem überquellenden Duft die Nasen betören oder reizen können.
Ich sehe es wieder vor mir, wie wir an einem warmen Sommerabend bei Kerzenschein im Garten saßen. Mein Mann improvisierte etwas auf der Gitarre. Und  unser siebenjähriger Enkel fing an zu singen. Er sang von König Artus, vom roten Ritter, von Schwertkampf, von Liebe und Treue. Worte, die er sich im selben Moment ausdachte, in dem sie seinen Mund verließen und zum Himmel schwebten. Er sang in melodischen Schnörkeln. Ein bisschen klang es wie der Gebetsruf ein Muezzin vermischt mit einem Hauch von Poetry Slam.
Zum Niederknien.

Ich mag GrUp TekkAn. Ihren Text hätte ich allerdings in einer Autorengruppe handwerklich bemängelt. Und ich hätte ihnen südländisches Temperament bescheinigt.
Eine großartige Sache, diese blumige Sprache, aber bitte, wenn Ihr schreiben wollt, lernt doch, sie so wunderbar zu benutzen wie Orhan Pamuk oder Elif Shafak. Lernt das Handwerk.
Und dann hoffe ich, dass wir uns begegnen in einer Zeit, in der Rassismus nicht hinter jeder Ecke vermutet wird, direkt neben dem Ärger, der uns ja laut eines lakonisch deutschen Textes von Stephan Stoppok nicht anschmieren kann.
Glück auf.
Und beim nächsten Mal erzähle ich vielleicht, wie ich es schaffte, dass der Rassismusvorwurf flugs gegen den des Antisemitismus ausgetauscht wurde.
© gabriele  auth

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Warum ausgerechnet rot?

Warum haben Chinarestaurants oft diese dunkel-rot-braunen Wände und Möbel, die an geronnenes Blut erinnern?
Warum ausgerechnet rot?
Und Aquarien mit stumpf blubbernden Koi-Karpfen. Ob die unvermeidlich sind?
Das Lokal, in dem wir gestern saßen, hatte dazu noch einen riesigen, quadratischen Spiegel an der Decke, genau in der Mitte des Raumes. „So einen will ich in meiner Wohnung haben“, sagte einer der Gäste und zwinkerte sich selbst im Spiegel zu, den Kopf in den Nacken gelegt, dass man seinen Adamsapfel tanzen sah. „Wenn ich mich einsam fühle, kann ich mir zuwinken“, fuhr er fort.
Alle lachten, er selber am lautesten.
Das ist gar nicht lustig, dachte ich.
Draußen regnet es weiter, wie es die ganze Woche geregnet hat. Der Regen plätschert anhaltend, wie unabwendbar, verwandelt die Landschaft vor meinem Fenster in eine unwirklich graue Szenerie, die Wiesen bedeckt von tiefen Pfützen. Der Hof liegt in einer Senke, so dass das Wasser, das sich seit Tagen über ihn ergießt, zu kleinen und großen Tümpeln gesammelt hat. Der Horizont geht über in einen braun-grauen Himmel. Bäume zeichnen sich matt dagegen ab, als wollten sie ihre Konturen verbergen und im Grau des allgegenwärtigen Regens verschwimmen. Gibt es etwas trübsinnigeres, als im Winter bei diesem Wetter auf der Straße zu wandern? Gibt es ein einsameres Geräusch als Regen, der unablässig auf Büsche und Bäume trommelt, die keinen Unterschlupf mehr bieten?
Die Pferde stehen missmutig auf der Weide. Kein Anflug der Freude, die sie sonst in übermütigem Springen und Rennen ausdrücken.
Die ganze Welt fließt. Nur meine Gedanken stocken und stolpern. Der Regen könnte sie befruchten, so, wie er die Erde und Pflanzen nährt. Vielleicht macht er das sogar, vielleicht sprießen morgen die wunderbarsten Ideen und Gedanken aus meiner Hand aufs Papier. Heute jedoch scheint der Regen jeden Impuls zu ertränken.
Könnten meine Ideen doch schwimmen.
Es ist früher Nachmittag. Das Licht im Zimmer wirkt es jetzt wie in einer Vollmondnachtnacht, eine schemenhafte Dämmerung.
Ich schalte die Lampe  ein. Es wird heimelig im Raum. Das erinnert mich wieder an das Rot im Chinarestaurant. Es hatte etwas vom Inneren einer Gebärmutter. Dazu das Geräusch der Pumpen im Aquarium. Doch wirklich. In so einem Raum zu sitzen und etwas zu essen zu bekommen ist wie die Vorbereitung auf eine Geburt.
Wer weiß, als was ich mich morgen wiederfinde.
Neu geboren aus dem Rot. Weiterlesen

Die Entdeckung des Universums

Als du geboren wurdest, wolltest du es ihnen sagen, alles wolltest du ihnen erzählen, deine Erinnerung, dein Wissen von Allem, die ganze Wahrheit. Aber es funktionierte nicht. Es fühlte sich an, als wäre dir von allem, was ist, ausgerechnet die Sprache abhanden gekommen. Und so war es wohl auch.
Der Schmerz, dich nicht ausdrücken zu können, brannte wie Feuer. Du hast geschrien. Sie haben gelacht und sich gefreut. Da wusstest du, dass sie nichts wissen, dass sie keine blasse Ahnung haben. Der Schmerz des nicht-verstanden-werdens ließ dich verstummen.
Es ist dir doch recht, wenn ich „du“ sage? Unser Thema kommt mir zu persönlich vor, um das förmlich, distanzierte „Sie“ zu benutzen. Wenn du anderer Meinung bist, dann verabschieden wir uns an dieser Stelle voneinander. In dem Fall wünsche ich dir ein schönes Leben und danke dir, dass du hier warst. Falls du dich entschieden hast, noch eine Weile zu bleiben, so sei mir willkommen.

Wir waren bei deinem Geburtsschrei stehen geblieben, gewissermaßen dem Ur-Schrei, der uns alle ins Licht der Welt begleitet hat. Wir alle haben geschrien und wussten, sie würden uns nicht verstehen. Das Kind hat Hunger, sagten sie und gaben dir Milch. War es nicht unumstritten wundervoll, die Wärme, den Herzschlag und die Umarmung der Frau zu spüren, die deinem Wachstum monatelang mit ihrem Körper einen Schutz gegeben hat? Und dazu dieses unbeschreiblich befriedigende Gefühl, wenn die Nahrung allmählich den ganzen Körper belebt.
Ich will dir nichts vormachen, mit dem ersten Atemzug und der ersten Nahrung, verflüchtigte sich ein kleiner Teil deines Wissens. Er war nicht im eigentlichen Sinn verloren, aber doch verborgen unter dem Prozess des in –die-welt-kommens.
Kennst du den Film Matrix? Falls nicht, dann geh auf die Youtube Seite. Sieh dir eine Szene im ersten Teil von Matrix an, die, in der Morpheus dem Neo zwei Pillen zur Auswahl anbietet. Eine rote und eine blaue. Die blaue Pille steht für vollkommenes Vergessen, die rote Pille für vollständige Erkenntnis.
Bevor du geboren wurdest, hast du die rote Pille bekommen, dein  Eintauchen und Hineinwachsen in die Welt wirkt jedoch wie die blaue Pille. Das ist der Punkt, an dem wir stehen.
© gabi m. auth Weiterlesen